Zeitung Heute : Mutter Beimer auf den Barrikaden (Kommentar)

jbh

Es riecht sehr streng nach Streik, da hinten in der ARD-"Lindenstraße". Annemarie Wendl, sie spielt das Hausmeisterinnen-Schrapnell Else Kling, protestiert lauthals gegen die sittenwidrigen "Knebelverträge", Ex-Produktionschef Huth beklagt die "Atmosphäre der totalen Abhängigkeit". Manchester-Kapitalismus in Köln-Bocklemünd. Die Serie des Westdeutschen Rundfunk vermittelte dabei stets den Eindruck, nach den strengen Richtlinien von WDR-Betriebsrat, Multikulti und Jutta Ditfurth produziert zu sein. Jeden Tag Weihnachten und für jeden eine Weißwurscht - diese frohe Botschaft plus Mutter Beimer walzten alle Konflikte nieder; sie gaben keinen Rechtsradikalen verloren, lösten die Rätsel und Probleme dieser Welt im Küchenmief. Deutschland, eine große WG. Auch wenn es für die "Lindenstraßen"-Fans wie ein Schlag wirkt, die Produktion muss knüppelhart von statten gehen: völlige Hingabe bis an die Grenze der Freiheitsberaubung. Serielles Fernsehen ist ökonomisch ausgereizte Akkord-Arbeit, egal, welches Schmuse-Bild der Zuschauer zu sehen bekommt. Jetzt sind Risse da, jetzt ist die Wertegemeinschaft in der "Lindenstraße" aufs Äußerste gefordert. Einer muss raus, und Wendl-Kling von der Barrikade ins Treppenhaus zurückholen. Wer reintegriert die störrische Alte? Endlich, nach 716 langen Folgen, ist dieser Langeweiler aus Köln spannend geworden.

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