Zeitung Heute : Mutter mit 40

Zwei Familien, eine Entscheidung: Wie es ist, wenn Kinder erst später ins eigene Leben passen.

Christiane Bertelsmann

Einmal, als sie zur Chefin ging und sagte: „Ich habe schlechte Nachrichten“, fragte die: „Du bist schwanger?“, aber es ging nur um Probleme auf der Baustelle. Da war die Chefin erleichtert – und Petra Zadel-Sodtke, damals 28, fühlte sich geschmeichelt.

Lieber kinderlos als arbeitslos, war viele Jahre lang das Motto von Petra Zadel-Sodtke, einer promovierten Garten- und Landschaftsarchitektin aus Berlin, zu viel hatte sie in ihre Ausbildung an Zeit investiert, zu sehr gefiel ihr das Arbeiten. Und dann ist sie doch Mutter geworden. Doch noch. Sie ist 41 Jahre alt. Und ihr Kind, Robert, ist drei Monate.

Am wohlsten fühle sich Robert im Tragetuch, sagt die junge, alte Mutter. Sie trägt ihn viele Stunden am Tag bei sich. Ganz nah, so dass er ihre Körperwärme fühlt. Auch jetzt, am runden Esstisch im Erker ihrer Wohnung im gutbürgerlichen Stadtteil Friedenau, ist der Säugling im Tragetuch. Die Mutter streicht über seinen Rücken, bis Robert schläft, dann streicht sie über das Tischtuch, immer wieder. Körperlich, sagt Petra Zadel-Sodtke, fühle ich mich wie eine alte Frau. Schwangerschaft und Geburt waren eine Strapaze. Sie hat Arthrose in den Knien, die Füße schmerzen, das Kreuz tut weh. „Mein Bauch sieht aus wie ein Flussdelta, ich habe Schwangerschaftsstreifen.“ Ob das noch mal weg geht, ist ihr total egal.

In den nächsten zwei Monaten wollen sie und ihr Mann Ralf ein Testament aufsetzen. Falls ihnen etwas zustößt. Der Großvater ist mit 72 zu alt, um für seinen einzigen Enkel zu sorgen. Petras Bruder soll den Neffen nehmen. Das werden sie ins Testament schreiben. Sie sagt: „Wir wollen Robert so erziehen, dass er eine gefestigte Persönlichkeit ist und in jedem Fall auch ohne uns zurecht kommt.“

Die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen ihres Jahrgangs liegt bei 73,6 Jahren. Sie hat die Hälfte hinter sich. Das Leben mit Kind wird vielleicht nicht viel länger andauern als das ohne. Das macht es besonderer. Aber es bedeutet auch, dass im Leben bereits viel passiert ist, dass es ein langes Leben gab, bevor das Kind kam.

Petra war schon einmal schwanger, mit 24 – und es war glasklar, dass sie das Kind nicht haben wird. „Mein Freund und ich kannten uns zwei Monate, da hatten wir schon einen Volltreffer. Wir waren beide Studenten und nicht reif genug, deshalb haben wir uns dagegen entschieden.“ Kurz vor Weihnachten erzählte sie der Familie davon. Der zwei Jahre ältere Bruder saß da mit offenem Mund, er fand es entsetzlich, wie man so einen Mord begehen könnte. Aber die Mutter sagte: Es ist ein Glück, dass du immer weißt, was zu tun ist. Die Mutter starb vor sieben Jahren, da schrieb Petra Zadel gerade ihre Doktorarbeit. „Sie hat mal gesagt: Ich glaube nicht, dass ihr jemals ein Kind haben werdet. Ich vermute, dass damit gemeint war, dass sie es nicht mehr erleben wird, Oma zu werden.“

Nach der Promotion heiratet Petra Zadel, den Mann, mit dem sie seit 15 Jahren zusammen ist. Und sie merkt, dass sie Zeit und Kapazitäten frei hätte für jemand anderes. Der Wunsch nach einem Kind drängt nicht, aber er ist da: „Er gehörte nie zu meinem Lebensziel und Lebensglück“, sagt sie, aber gedacht hat sie dann doch immer wieder, dass es schön wäre, ein Kind zu haben. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit verhütet sie nicht mehr.

Bis kurz vor der Geburt arbeitet sie, bewirbt sich auf eine Professur in Dresden, da ist sie im sechsten Monat. Hält einen Vortrag auf einer internationalen Tagung. Schreibt einen Beitrag in ein Jahrbuch, einen Artikel für ein Fachbuch als Co-Autorin. Gleich nach der Geburt geht es weiter. Sie hat sich das Buch „Karriere-Kick Kind“ gekauft, will nicht aufs Abstellgleis kommen. Angst habe sie aber nicht, sagt sie. Das Kind wirke sich positiv aus: Ihr Blickwinkel hat sich geändert, seit das Kind da ist. „Jetzt überlege ich, was bedeutet es, eine Stadt kindergerecht zu gestalten.“ Sechs Wochen nach der Geburt hält sie wieder Vorträge. Dennoch: „Arbeiten und ein Kind zu haben, das ist schwieriger als ich dachte.“ Neulich hat sie das wieder festgestellt. Sie will sich wieder bewerben, dafür war vorher ein Anruf nötig. Die Nachbarin hatte versprochen, so lange Robert auf dem Arm zu halten. Doch zur verabredeten Zeit sagt Petra ab. „Ich war hundemüde, konnte mich nicht richtig vorbereiten und hatte das Gefühl, meine Stimme klingt nicht gut. So etwas ist wichtig beim ersten Anruf.“

Petra Zadel-Sodtke ist eine Frau, die kontrollieren kann und will. Sich, ihre Arbeit, ihre Stimme, ihr Leben.

Wenn sie 65 ist, wird ihr Sohn 24 Jahre alt sein. Nach ihren Vorstellungen hat er dann sein Studium beendet und geht ins Berufsleben. Wenn er sich dann etwas aufbauen will, werde er erben, sagt sie. Weil sie dann tot ist. Sie sagt das ohne Sentimentalität. Sie sagt es, weil es höchstwahrscheinlich so sein wird.

Auch ins Leben von Ida Mer passten lange keine Kinder. Sie ist Bühnen- und Kostümbildnerin. Mit ihrem Mann und dem Sohn lebt sie in einem großen, alten Haus in Berlin-Frohnau. Vor der Garage stehen zwei neue schwarze Autos, ein großes für Ida und ein kleineres für ihren Mann Falk. Die Ehe ist für beide die zweite. Er ist 66 Jahre alt, sie ist 52, der Sohn ist zehn.

„Na, Ida, mit dir wird das ja nichts mehr mit Kindern. Und einen Mann kriegste auch nicht“, das hörte sie Jahr für Jahr von Freunden und Verwandten, wenn sie nach Hause fuhr ins Thüringische, wo sie aufgewachsen ist. Zehn Jahre hielt ihre erste Ehe, bis sie 35 Jahre alt war. Sie sagt, dass der Gedanke an Kinder nur anfangs da war. „Vielleicht weil man gemerkt hat, dass es nicht der Richtige war.“ Die Schwester bekam Kinder, der Bruder auch, und Ida arbeitete. Machte eine kleine Karriere am Nationaltheater Weimar, pendelte zwischen Berlin und Weimar. Es gab eine neue Liebe, doch die kühlte nach ein paar Jahren wieder ab. Sie lebte noch mit ihrem Freund zusammen, da trifft sie Falk. Ein Kollege, sie arbeiteten zusammen, bereiteten eine Ausstellung vor. Auf der Abschlussfeier kam Falk auf sie zu und forderte sie zum Tanzen auf. Sie tanzten fünf Stunden.

Falk hat schon zwei Töchter, beide über 30. Ein Kind, nein, er nicht mehr. Zu Weihnachten schenkte sie ihm ein Buch mit Fotos von ihnen beiden. Auf die letzte Seite klebte sie ein Foto mit sechs Füßen, vier große und zwei kleine. „Der Wunsch“ schrieb sie dazu. Falk überblätterte die Seite. Wenn er es so sieht, ist es eben so, dachte sie und fragte nicht weiter. Anderthalb Jahre später sagte Falk zu ihr: „Warum sollst du keine Kinder haben, nur weil ich welche habe.“

Wenig später ist Ida schwanger, aber das erste Kind verliert sie. Ein halbes Jahr danach ist sie wieder schwanger. Ihr Frauenarzt lobt, er habe noch selten eine so entspannte Schwangere in ihrem Alter gesehen. Sie ist Anfang 40. Aber die typischen Sorgen – wird alles gut gehen, das Kind ganz gesund sein? – kann sie ausklammern. Sie fühlt sich gut, arbeitet viel, bis zu zehn Stunden täglich. Nebenbei kauft sie mit Begeisterung Babysachen, Kleidung, Spielzeug und einen Kinderwagen.

Das Kind kommt per Kaiserschnitt auf die Welt. Als sie den Sohn im Arm hält, ist sie überwältigt. „Das ist das größte Wunder.“

Die Wunde heilt langsam, sie hat Beschwerden, lässt sich aber nicht beeindrucken. Als es ihr besser geht, nimmt sie ihr Kind mit ins Fitnessstudio, lässt es in der Kinderbetreuung. Jetzt denken sie sogar über ein zweites Kind nach. Verwerfen den Gedanken aber wieder. Nach dem Kaiserschnitt hat Ida Bedenken, ob sie eine zweite Schwangerschaft körperlich verkraften würde.

In der ersten Zeit ist sie oft alleine mit ihrem Sohn Ben. Ihm zuliebe geht sie in Krabbelgruppen, obwohl sie selbst kein Gruppenmensch ist. Auf die Schwangerschaftsgymnastik hat sie aus diesem Grund verzichtet. Sie will sich nicht vereinnahmen lassen vom Mutter-Getue, arbeitet lieber zwei Wochen nach der Geburt wieder. Nimmt freie Aufträge an. Wenn sie mitbekommt, dass die kinderlosen Kollegen Erfolge feiern, fühlt sie sich zurückgesetzt. Sie sagt, dass sie nicht mehr ausbrechen kann. Das macht sie manchmal unzufrieden.

Inzwischen ist Ben ein großer, sehr redegewandter Fünftklässler, der mit seinen Eltern schon die halbe Welt bereist hat: Karibik, Südafrika, Kanaren, Schweiz, Frankreich, Italien.

Viele halten Falk für seinen Großvater. Ben sei das egal, sagt Ida. Vor ein paar Jahren habe er ganz laut im Bäckerladen gesagt: Das ist mein Papa, und der wird nächste Woche 60. Da war erstmal Ruhe. Und Ida war stolz auf ihren Sohn. „Das war so ein Gefühl: er steht ganz zu uns.“ Die Kinder seiner Halbschwester, also seine Nichten und Neffen, sind nur ein paar Jahre jünger als er. Ida sagt, dass sie heute viel bewusster Mutter ist als sie es mit 20 oder 25 gewesen wäre. „Mein Selbstbewusstsein ist gefestigter.“ Auch Falk erlebe die Zeit mit Ben intensiver. Seine Töchter seien einfach so groß geworden. Es macht ihm nichts aus, wenn er auf den Elternabenden in der Schule der älteste ist. „Wir sind ältere Menschen“, sagt er, „die trotzdem jung sind“.

Bei Petra Zadel-Sodtke hat es mit dem Schwangersein auch nicht ganz umstandslos geklappt. Sie habe schon geahnt, dass etwas nicht stimme, sagt sie und deshalb war sie einverstanden, als ihre Frauenärztin zur Chorionzottenbiopsie riet, zur Mutterkuchenuntersuchung. Die Untersuchung ergab, dass das Ungeborene einen Chromosomendefekt hat: Trisomie 18. Viele Kinder mit Trisomie 18 sterben noch vor der Geburt. Das Ergebnis traf Petra weniger heftig, als man hätte erwarten können. Am Tag zuvor hatte sie sich mit einer Freundin getroffen und über die Schwangerschaft geredet. Petra sprach von dem „Etwas da in meinem Bauch“. „Wie kannst du nur so darüber reden?“, hat die Freundin empört gefragt.

Nach dem Eingriff und dem Schwangerschaftsabbruch musste sie die Leute trösten, die angerufen haben, erzählt sie: „Ich bin da sehr pragmatisch. Das Leben ist überhaupt ein Wunder, warum soll es immer gleich klappen.“ Drei Versuche gibt sie sich, künstliche Befruchtung lehnt sie ab. „Wenn ich nur fähig bin, Trisomien herzustellen, dann soll es eben nicht sein.“

Ein Jahr später klappt es dann. Es ist in ihrem Leben die dritte Schwangerschaft. Als der Geburtstermin näher rückt, suchen sie die Klinik aus. Sie soll sicherheitshalber eine Neugeborenen-Intensivstation haben. Sie fahren die Strecke mehrmals ab um zu wissen, wie lange es zur Klinik dauert: Sechs Minuten ohne Stau, zwanzig Minuten mit Stau. Von der ersten Wehe bis zur Geburt vergehen drei Tage. Am 10. Oktober 2007 um 21.08 Uhr ist Robert da.

Es passt einfach, sagt sie und streicht über Roberts Rücken.

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