Zeitung Heute : Mutter schafft

Ursula von der Leyen soll Merkels Familienministerin werden. Ihre Kompetenz? Das eigene Leben

Tanja Stelzer

Einsdreiundsechzig, Konfektionsgröße 36 und ein Gang wie ein Bodybuilder. Manchmal, wenn sie es wirklich eilig hat, winkelt Ursula von der Leyen die Arme vom Körper ab, um den Schritt zu beschleunigen. Ihre kraftstrotzende Art zu gehen passt nicht zu ihrer Statur, die Körpersprache ist die Antwort auf die ewige Frage: „Schaffen Sie das?“

Sie muss oft so gehen in letzter Zeit, von Interview zu Wahlkampfauftritt zu Interview, ein Foto mit Friede Springer, ein Anruf zu Hause, Egmont, Wonnekind, erzähl mir deinen neuen Stundenplan, in die Maske, zwischendrin immer wieder die alte Frage, „ich dachte, das ist endlich vorbei“. Sie ist 46 Jahre alt, Ärztin und Mutter von sieben Kindern, beim sechsten hat sie im Wochenbett gestillt und gleichzeitig als Internet-Dozentin für Gesundheitsmanagement etwas in den Computer getippt. Zwölf Jahre ohne durchzuschlafen, seit drei Jahren ist sie niedersächsische Familienministerin. Muss man da noch was erklären?

Würde der Begriff nicht so schlecht passen zu den etwas gouvernantenhaft mit zwei Hornklammern zurückgesteckten blonden Haaren, man könnte sagen, die CDU hat einen neuen Popstar: Ursula von der Leyen, in Angela Merkels Team zuständig für Familie und Gesundheit. Den Beinamen „siebenfache Mutter“ hängt man so selbstverständlich an ihren Namen wie den Titel „der Große“ an Kaiser Karl. Für andere Frauen mögen ein, zwei Kinder ein Karrierehemmnis sein; für Ursula von der Leyen sind David, Sophie, Donata, Victoria, Johanna, Egmont und Gracia der Grund, warum sie so weit nach oben gekommen ist, so schnell, „uiii“, sagt sie.

Die Union hat ein Problem: Sie hat eine Kanzlerkandidatin, die erste der deutschen Geschichte, aber sie ist auf eigenartige Art geschlechtslos. Ursula von der Leyen kompensiert Angela Merkels Kinderlosigkeit, die Doris Schröder-Köpf bemängelt hat, gleich siebenfach. Das sollen die Wähler sehen. Also sitzt die Ministerin, wenn sie dem „Heute-Journal“ ein Interview gibt, zu Hause am Esstisch, um sie herum rangeln zwei Kinder um ein Spielzeug, David, der Große, liest ein Buch, Gracia, die Kleinste, schmiegt sich schüchtern bei der Mutter an den Hals, während die Mutter den Streit der Größeren schlichtet und dem Reporter die Gesundheitsprämie erklärt. Es könnte einen das seltsame Gefühl beschleichen, die Kinder würden zur Schau gestellt. Ursula von der Leyen sagt: „Es kann nicht sein, dass mich die Öffentlichkeit fragt: Wie schaffen Sie das?, und dann soll ich den Alltag mit den Kindern ausblenden.“

Der Alltag: Die größeren Kinder sitzen nach der Schule im Büro der Mutter-Ministerin, es gibt Spaghetti aus der Markthalle, dann machen alle zusammen Hausaufgaben: Mathe, Deutsch, Aktenstudium, zwischendrin schaut der Staatssekretär rein. Wenn sie mal in einer Rede nicht weiterkomme, hat Ursula von der Leyen dem „Handelsblatt“ gesagt, geht sie in eines der Kinderzimmer aufräumen. Das löst den Gedankenstau.

Ist das die neue deutsche Mutter, dieses Gesicht mit dem freundlichen, aber stereotypen Lächeln? Das Lächeln hat sie vom Vater, Ernst Albrecht, der 14 Jahre lang Ministerpräsident in Niedersachsen war, bis ihn Gerhard Schröder ablöste. Das Lächeln ist immer da, außer wenn mal wieder einer sagt: „Die hat gut reden, mit Haushälterin und Kinderfrau…“ Für manche, Frauen vor allem, die auf Kinder oder Karriere verzichtet haben, oder für solche, die sich mit ein, zwei Kindern und Beruf am Rande der Belastbarkeit fühlen, ist die gute Laune dieser Frau eine Beleidigung. Wie macht die das? Hat sie mehr Energie als andere?

Und: Meint die CDU es ernst mit dem modernen Frauenbild, das ihr neuer Popstar verkörpert?

Hamburg. Das noble Seniorenwohnstift „Augustinum“ am Elbufer hat im 13. Stock eine Glaskuppel, fast wie der Reichstag. Unter der Kuppel, im Restaurant, sitzt Ursula von der Leyen vor ihrem Wahlkampfauftritt beim Gespräch mit der lokalen Presse. Der Kellner bringt ein Pilzsüppchen, die Ministerin schaut eine lange Schrecksekunde auf den Teller, sagt, das schaffe sie jetzt gar nicht. Von den Lokaljournalisten erfährt sie, dass eine Richterin des Hamburger Landgerichts an diesem Tag die Schließung eines Kindergartens verfügt hat, wegen Lärmbelästigung. Aus der Küche lautes Brutzeln, Ursula von der Leyen setzt eine konzentrierte Miene auf und sagt, Kinderlärm müsse „Musik in unseren Ohren“ sein.

Ein fensterloser Saal mit Bühne zwei Stockwerke tiefer. Altrosa Auslegware, im Publikum dominieren weiße und graue Haare. Im Saal sind vielleicht 150Zuhörer, davon eine Hand voll junge Wählerinnen. Ursula von der Leyen wiederholt die Sache mit der Musik in den Ohren; es kommt kein Widerspruch. Sie sagt: „Gut ausgebildete Frauen werden arbeiten, die Frage ist nur, ob sie auch Kinder bekommen.“ Frauen mit Kindern besetzten gerade mal zehn Prozent der Führungspositionen. Die Ministerin kann nicht hören, wie ein Mann im Publikum raunt: „Na, immerhin!“

Ansonsten redet Ursula von der Leyen ziemlich viel über Wirtschaft an diesem Abend. Kinderbetreuung, das sei die Verantwortung der Kommunen. Also, sagt sie, muss der Bund dafür sorgen, dass die Wirtschaft in Gang kommt und die Kommunen endlich wieder die notwendigen Steuereinnahmen haben. Ein bisschen dünn? Die Union will einen Grundfreibetrag für jedes Elternteil und jedes Kind von 8000 Euro und den Eltern für jedes Kind, das ab 2007 geboren wird, monatlich 50 Euro vom Rentenbeitrag erlassen. Mehr kann sie nicht versprechen, der Rest ist Gefühl.

Es kommt vor, dass sich bei solchen Veranstaltungen ältere Herren melden, die der Meinung sind, Kinder seien doch am besten bei der Mutter aufgehoben. Ursula von der Leyen greift dann gern zu einem Trick. „Ich frage denjenigen, ob er selbst Kinder hat, eine Tochter vielleicht?“ Meist seien dies dann gut ausgebildete Frauen, in deren Studium die Eltern einiges investiert hätten und die sich auch Kinder wünschten. Das Dilemma der Töchter können die älteren Herren nachvollziehen. Grundsatzdebatten interessieren Ursula von der Leyen aber nicht. Zu lange habe die Politik mit der Erörterung der Frage, was das beste Lebensmodell sei, das schlechte Gewissen in die Familien getragen. Frauen müssten selbst entscheiden, ob sie voll arbeiten wollen, dreiviertel, halb oder gar nicht. Auch dazu schweigen die älteren Herrschaften in Hamburg, und die jungen Wählerinnen haben ein Glänzen in den Augen. Ursula von der Leyen geht vom Podium und sagt: „Ich bin müde“, so leise, dass es im Publikum keiner hören kann, so energisch, als hoffte sie, das Gefühl ließe sich wegscheuchen.

Am Tag darauf um halb zwei. Interviewtermin in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin. Der Ministerpräsident hat sein Büro mit Blick auf die echte Reichstagskuppel zur Verfügung gestellt, da wird sie wohl bald vereidigt werden, als Bundesministerin. Keine Kamera in der Nähe. Ursula von der Leyen hat den Blazer, dunkelblau, gegen eine Strickjacke, ebenfalls dunkelblau, getauscht. Sie sagt, sie hat jetzt wirklich Hunger, und pickt ein paar Stückchen Melone und Ananas von einem Teller. Die Haarspangen sind verrutscht, das Lächeln wird offener.

Sie erzählt von der Unsicherheit beim ersten Kind. Ob die viele Arbeit ihm schaden würde. Sie war 29 und wusste, wenn sie als Gynäkologin nicht am Krankenbett Erfahrung sammelt, kann sie ihren Beruf vergessen. Chronische Erschöpfungszustände, die Angst, bei der Arbeit im Kreißsaal einen Fehler zu machen. Dagegen hilft bloß: eins nach dem anderen. Sie sei „sehr in der Gegenwart verhaftet“, vielleicht ist sie darum so unideologisch.

Bis vor einigen Jahren war ihr Leben sogar „extrem apolitisch“, sie interessierte sich für den Job, die Kinder. Dann, quasi aus persönlicher Rache gegen die Niederlage ihres Vaters, der Eintritt in die CDU, Kommunalpolitik, die Entdeckung durch Christian Wulff. Als sie Ministerin wurde, wusste sie „nicht mal, was ein Staatssekretär macht“.

Rita Süssmuth, Grande Dame der CDU, sagt, Ursula von der Leyen sei „frisch, fantasievoll, in Frauenrunden energisch und durchsetzungsfähig“, aber sie erfahre auch, wie schwierig es sei, etwa die Kinderbetreuung gegenüber den Finanzministern durchzusetzen. In Niedersachsen musste sie das Blindengeld streichen, die Opposition fand das „beinhart“. In der eigenen Partei nennt man sie „Röschen“. Klingt nicht nach einer, vor der ein Finanzminister sich fürchtet. Im Moment aber hegt die Partei ihre Rose. Es gibt viele in der Union, Männer vor allem, die stolz sind auf sie. Die weniger Stolzen sticheln, Bedienstete könne sich nicht jede leisten, wenn wieder mal die Rede ist von der Supermutter. Das Wort „leisten“ bedeutet, dass Ursula von der Leyen als Identifikationsfigur für Frauen mit Kindern nur bedingt geeignet ist. Typisch deutsch sei das, findet von der Leyen. Da arbeitet eine Frau, erzieht Kinder, schafft Arbeitsplätze, weil sie Haushaltshilfe und Tagesmutter einstellt, „und die stellt man hin als eine, die sich ein Dienstmädchen hält“. Sie habe übrigens jahrelang zu wenig verdient, um das vom eigenen Geld zu bezahlen.

Im Nachhinein mag es wirken, als hätte sie ständig mehr Kinder und ganz viel Karriere gemacht. In Wirklichkeit hatte sie Werkverträge, mal drei Monate hier, mal acht Monate da einen Job, sie hat immer wieder ausgesetzt, in Teilzeit gearbeitet, und „in der Forschung war ich, sobald ich Kinder hatte, ausrangiert“. Sie hat zurückgesteckt, bis sie am 4. März 2003 als niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit vereidigt wurde. Der Mann hat sich habilitiert. Jetzt hat er übrigens Urlaub bis zur Wahl, er managt die Kinder. Klavierstunde, Knabenchor, Sport, Ziegen füttern, den Welpen versorgen, ja, den haben sie jetzt auch noch, die Kinder haben so lange gebettelt, er schläft schon fast durch.

Eine Frau mit sieben Kindern ist in Deutschland suspekt. Manche fragen: Meine Güte, verhüten die nicht? Steckt was Religiöses dahinter? Also: Warum, um Himmels Willen, so viele Kinder? Ihr Lachen wirkt jetzt ganz echt. „Also, wir sind evangelisch und beide Ärzte.“ Sie sei selbst mit sechs Geschwistern aufgewachsen, vor allem aber seien es ihre Auslandsjahre gewesen, vier Jahre in den USA, die ihnen Mut gegeben hätten. Dort sei sie, gerade weil und nicht obwohl sie Kinder hatte, als qualifiziert angesehen worden. „Wenn das gesellschaftliche Klima da ist“, sagt sie, „wachsen ungeahnte Energien“, überhaupt verspürt sie ein Übermaß an Energie, seitdem alle Kinder durchschlafen.

Am gleichen Tag in der Akademie der Künste, „Deutschland für Kinder“ heißt die Podiumsdiskussion, ein Schaulaufen der Politmütter. Familienministerin Schmidt ist da, die Mütterliche von der SPD. Silvana Koch-Mehrin, die Liberale, auf Highheels. Ekin Deligöz von den Grünen, die Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestags. Und Ursula von der Leyen, die Praktische. Das Handy hat sie unterm Blazer an den Gürtel geklemmt. Wir brauchen mehr Kinderbetreuungsplätze, die Mütter sind sich einig. Das von Moderator Peter Hahne angekündigte „ultimative Kinder- und Familienduell“ bleibt aus. Ursula von der Leyen ist trotzdem die Gewinnerin, irgendwie. Mehr Kinder hat keine.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!