Zeitung Heute : Mutter schafft

Gebärmaschinen oder treu sorgende Mamas? Eine seltsam weltfremde Debatte ist ausgebrochen, seit Ursula von der Leyen eine halbe Million Krippenplätze mehr schaffen will. Ein Blick in die Wirklichkeit zweier Berliner Familien

Antje Sirleschtov

Sieht er am Ende vielleicht so aus, der Ort, an dem sie ihre Kinder abwerfen – die Gebärmaschinen, von denen dieser Tage so oft die Rede ist? Ganz in Lila thront zwischen den Häuserschluchten ein Haus oben auf dem Prenzlauer Berg. Mit großen Fenstern rundherum. Licht sollen die Fenster denen spenden, die das lila Haus jeden Tag von morgens bis in den späten Nachmittag bewohnen, die Sonne sollen sie sehen können und die Sträucher, die unten im Garten stehen, Rutschen und Schaukeln, den Buddelkasten und selbstverständlich auch das Baumhaus, das es hier neuerdings gibt. Ob da oben wohl große schwarze Vögel wohnen? Solche, von denen es heißt, dass sie ihre Babys schon im zartesten Alter aus dem Nest schmeißen: Rabenmütter.

In dieser Geschichte soll es keineswegs um die große Politik gehen. Man schert sich hier drin in dem lila Haus namens „Kindergarten Pinocchio“ auch so gut wie nicht um die erbitterten Gefechte der Politiker und Kirchenmänner, die von nationaler Bedrohung sprechen, seit die Familienministerin bekannt gegeben hat, dass sie in den nächsten fünf Jahren eine halbe Million neue Krippenplätze einrichten will. Weder von kastrierten katholischen Katern soll hier die Rede sein noch von schwäbischen Unternehmern, die jetzt in Talkshows die „ehrenhaften Pflichten deutscher Mütter“ preisen, welche sich „mit Freuden“ der ganzheitlichen Pflege ihrer Kinder hingeben, damit verhindert wird, dass überall in Deutschland Kleinkinder morgens schon in lila Häuser gezerrt werden, damit ihre Eltern karrieristische Egotrips ausleben können.

Wahlfreiheit, dieses umstrittene Wort, mit dem die Ministerin überall im Land eine „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ herstellen möchte, hier bei „Pinocchio“ hat dieses Wort einen ganz praktischen Wert, wie man gleich sehen wird. Denn wählen konnten die Eltern von Frida und Jasper und Levi – den Kindern, um die es in dieser Geschichte geht. Sie alle waren so ungefähr ein Jahr alt, als sie zum ersten Mal hierherkamen. Ostberliner Alltag: katholisch, evangelisch, privat, kommunal, altershomogen oder -gemischt, elterninitiativ oder Montessori – Eltern suchen hier nicht verzweifelt nach einem Betreuungsplatz fürs Kind, wenn der Arbeitgeber ruft, das Geld knapp wird oder einem ganz einfach zu Hause die Decke auf den Kopf zu fallen droht. Hier wählen Eltern aus einem reichhaltigen Angebot nach ihren Ansprüchen. Paradiesische Zustände sind das, sagen die einen. Oder doch eher ein Vorbote neuer deutscher Verwahranstalten? Bei „Pinocchio“ jedenfalls gibt’s heute Nudelsuppe zum Mittag. Nicht so ganz Fridas Fall, weshalb sie etwas missmutig die roten Locken schüttelt. Aber vielleicht tröstet ja ein Erdbeerquark danach? Wahlfreiheit eben.

Für Fridas Mutter, Christiane Habermalz, ist der moderne Familienalltag – Ehefrau, Mutter, Vollzeitarbeit – keineswegs schiere Selbstverständlichkeit. Als Frida vor fünf Jahren geboren wurde, hatte ihre Mutter, damals 33, nach Studium und Volontariat den ersten richtigen festen Job. Journalistin in Berlin, mit vollem Einsatz. Spannend und aufreibend zugleich, eine Herausforderung. Und dennoch hat sie alles hingeschmissen, von jetzt auf gleich. Hinschmeißen müssen, weil Frida und ein Zehn-Stunden-Job? „Mir war von vornherein klar“, sagt Christiane, „dass das nicht funktionieren kann.“

Also Schnitt, so radikal, wie ihn tausende junge Frauen jedes Jahr in dieser Situation ziehen. Wahlfreiheit für Christiane, ihren Mann Thomas und die kleine Frida? Miete, Strom, Gas, Windeln, Lebensmittel und vielleicht auch mal ein Urlaub, all das kostet Geld und katapultierte das moderne Doppelverdiener-Ehepaar über Nacht in die Rollenverteilung ihrer Eltern zurück – Papa geht arbeiten, Mama winkt ihm am Fenster nach.

Einen „biografischen Ausnahmezustand“ nennt Christiane die ersten Lebensmonate ihrer Tochter. Inmitten all der mütterlichen Wärme, die ein Wunschbaby mit sich bringt. Und doch immer stärker konfrontiert mit den Zweifeln, ob es je wieder eine Chance auf ein Leben jenseits von Spielplätzen geben wird. Obwohl Christiane schon kurz nach der Geburt mit kleinen Aufträgen den beruflichen Wiedereinstieg versuchte, sagt auch sie: „Ich hab sie gespürt, die Gefahr, dass man sich irgendwann den Sprung zurück in die Arbeitswelt nicht mehr zutraut.“

Noch einen Sommer, dann wird Frida in die Schule gehen. Vier Jahre ist sie jetzt im Kindergarten: „Wir haben es“, sagt ihre Mutter, „nie bereut.“ Frida und Jasper sitzen heute mit gleichaltrigen Freunden um einen kleinen runden Tisch herum. Man hantiert mit Schere und Leim, während nebenan ein Zweijähriger gebeten wird, etwas leiser Feuerwehr zu spielen. „Die Großen“ üben heute Figuren ausschneiden. Leichte Übung für Frida, nachher wird noch gelesen, was sie schließlich schon ein bisschen kann. Woher, darüber streitet man noch zu Hause. Opa hat Ansprüche angemeldet, Fridas Papa sowieso. Aber vielleicht fliegen ja auch bunte Buchstaben durch das lila Haus und man muss einfach nur zugucken, wie die älteren Kinder den Mund aufmachen und sie aufschnappen. Einfach abgestellt von karrieregeilen Müttern, nein, so sehen sie nicht aus, die Pinocchio-Kinder.

Und doch nagt das schlechte Gewissen. Vor allem morgens zwischen neun und halb zehn, wenn die Mützen an Haken hängen und die Hausschuhe angezogen sind. Dann heißt es Abschied nehmen, und plötzlich werden die Elterngefühle riesengroß. Hatte man sich nicht geschworen, das eigene Kind immer, aber auch wirklich immer zu beschützen? Ein Meer voller Tränen haben die Erzieherinnen bei „Pinocchio“ in ihrem Berufsleben schon gesehen. Ganz leise werden sie geweint, meist hinter der Tür, wenn die Kleinen drinnen lautstark protestieren. Abschied nehmen, für ein paar Stunden, ist auch so eine Erfahrung, die gelernt sein will. Den Kleinen gelingt das meist rasch. Eltern, das weiß man hier, haben größere Probleme damit. Vor allem, wenn man sie öffentlich zu Rabenmüttern stempelt.

Christiane ist die Rückkehr ins Berufsleben geglückt. Geholfen hat dabei, was sie einst auf einem Zettel gleich am Kita-Eingang las: „Es ist nicht so wichtig, wie viel Zeit du mit deinem Kind verbringst. Aber es ist sehr wichtig, wie du diese Zeit nutzt.“ Morgens frühstückt die Familie ausgiebig, und Frida spielt mit ihrer Mutter. Zwei Nachmittage in der Woche eisen sich die Eltern früher von der Arbeit los, verbringen Zeit mit ihrer Tochter. Abends und am Wochenende sowieso. Einkaufen, Wäsche waschen, putzen? „Es ist ein ewiger Wettlauf mit der Zeit.“ Und trotzdem: Sich bis zum Schulbeginn ausschließlich um ihre Tochter zu kümmern, sagt Christiane, „das wäre nicht mein Leben gewesen“.

Vielleicht ist daran ja auch ein bisschen Fridas Oma schuld. Eine typische Siebzigerjahre-Kindheit in der Nähe von Hannover: Der Vater Beamter, die Mutter brach für drei Kinder ihr Studium ab. „Es waren wunderbare behütete Jahre zu Hause“, sagt Christiane. Aber glücklicher, das weiß sie noch ganz genau, sei die Familie gewesen, als die Mutter wieder arbeiten ging. Heute übrigens, wenn Christiane ins Niedersächsische fährt, lobt sie die Mutter, einen anderen als ihren Weg gewählt zu haben. Nur, in den zweifelnden Gesichtern ihrer Cousinen sieht Christiane, dass die keines ihrer Kinder mit einem Jahr in eine Kita bringen würden. Oder täten sie es vielleicht am Ende doch, wenn sie nur könnten?

Für die Eltern von Jasper (fünf) und Levi (ein Jahr) hat diese Alternative – Kita oder zu Hause bleiben – nie ernsthaft zur Debatte gestanden. Beide sind in der DDR aufgewachsen, Michaela Riediger war mit acht Wochen zum ersten Mal in einer Kinderkrippe, nichts Ungewöhnliches in dieser Zeit. „Eindeutig zu früh“, sagt sie, sei das gewesen. Das käme für ihre Kinder nicht infrage. Aber auch: „Kinder gehören zu Kindern“, und ihr Mann Thom zieht ein bisschen ärgerlich die Augenbrauen hoch. Will ihm hier jemand ein schlechtes Gewissen machen?

Beide haben sich, als Jasper geboren wurde, intensiv die verschiedenen Kitas in der Gegend angesehen und die Erzieherinnen auf Herz und Nieren geprüft. Von wegen, Eltern teilen die Erziehung mit wildfremden Leuten, geben die Verantwortung an staatliche Behörden ab. „Schließlich wollen wir für unsere Jungs das Beste“, weist Thom solche Anwürfe zurück. Und das Beste, finden die beiden, ist es, wenn ihre Kinder tagsüber mit älteren und jüngeren spielen, von ihnen lernen und sich mit ihnen anfreunden. Familienglück, sagt Michaela, „das ist doch, wenn wir alle vier glücklich sind“. Und wie sie das so selbstverständlich sagt, die 36-jährige zweifache Mutter, promovierte Psychologin, Projektleiterin an einem Max-Planck-Forschungsinstitut, da spürt man es auf einmal: Diese Familie steht zu ihrem Lebensmodell. Thom ist heute um 21 Uhr aus der Firma gekommen und steht nun in der Küche, um die Kaffeemaschine zu reparieren. Und Michaela sitzt an solchen Abenden noch lange und schreibt Forschungsberichte nieder. Ein Preis, den sie zahlt für ihr ganz persönliches Glück, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Wenn es gegen 17 Uhr langsam dunkler wird über dem lila Haus im Prenzlauer Berg, dann sind die meisten von Heike Essers 22 Kindern längst zu Hause. 25 Jahre singt, bastelt, liest und tobt die 47-Jährige nun schon mit Kindern wie Frida, Jasper und Levi herum. Gelehrt hat sie sie nicht nur, mit Messer und Gabel zu essen, nach Mahlzeiten die Zähne zu putzen und nachmittags das Spielzeug wieder einzuräumen. Auch ihnen Rücksicht, Mut, Offenheit und Neugier mitzugeben, nennt die Pädagogin „meinen Anspruch an die Arbeit“. Nicht Ersatzmutter sei sie und schon gar nicht Pflegestelle für den Nachwuchs von Leuten, die zu Hause nichts mit ihren Kindern anzufangen wüssten. Es interessieren sie „einzig und allein die Kinder“.

Und was ist nun dran an der Sorge in Süd- und Westdeutschland, das umfangreiche Krippen-Ausbau-Programm der Bundesfamilienministerin werde ganz Deutschland unweigerlich in die politisch gleichgeschaltete DDR-Zwangskollektivierung führen? „Quatsch“ nennt Heike Esser solche Ängste, „zu jeder Zeit gab es gute und schlechte Pädagogen“. Natürlich habe die DDR Druck auf die Eltern ausgeübt, ihre Kinder viel zu früh in „Einrichtungen“ abzugeben, die „vor allem bei den Krippen“ personell so schlecht ausgestattet waren, dass „trocken-, sauber- und sattgepflegt wurde“, sagt Frau Esser. Und auch über den sozialistischen Bildungsauftrag für die Vorschüler schüttele sie heute den Kopf. „Aber schließlich kann man ja daraus lernen“, sagt die Erzieherin. Gute Betreuung habe etwas mit Individualität zu tun, und dafür brauche es „sehr viele richtig gut ausgebildete Erzieher“. Mal eben im Hauruck-Verfahren 500 000 neue Plätze für Kleinkinder aus dem Boden zu stampfen, wäre deshalb auch für Heike Esser ein „Massenprogramm, das den Eltern nicht hilft und den Kindern nur schadet“.

Das lila Haus im Prenzlauer Berg ist wahrlich kein neuer deutscher Vorzeigekindergarten. Ostdeutsche Standard-Plattenarchitektur, die gerade auf gesamtdeutschen Standard getrimmt wird. Dazu hundert Mütter und hundert Väter: Man zankt eigentlich immer über irgendetwas. Ob es die Qualität des Buddelkastensandes oder der nächste Gruppenausflug ist. Am Montag früh jedenfalls werden Frida, Jasper, Levi und die anderen hier wieder mit lautem Krawall ankommen. Raben übrigens, Raben im Baumhaus, die haben sie bisher noch nicht gesehen. Dafür aber eine andere Überraschung: Immer mehr Pinocchios bringen nämlich neuerdings dritte und sogar schon vierte Geschwister mit hierher.

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