Zeitung Heute : Mutters Courage

Wenn sie bei Auftritten beschimpft wird, weil sie in „wilder Ehe“ lebt, streckt sie den Buh-Rufern trotzig das Kinn entgegen. Katherina Reiche, Stoibers Familien-Frau, kämpft für das Leben, das sie sich ausgesucht hat. Und am Ende vor allem für ihren Erfolg.

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Von Nadja Klinger

Noch ein letztes Bild. Dort drüben. Im Hintergrund die Spree, und im Wasser spiegelt sich die Hauptstadt. Ein letztes Bild, für heute.

Katherina Reiche stellt ihre Tasche zwischen die Füße von Franz Stangl und stakst auf schwarzen, hochhackigen Schuhen die Brücke hinauf. An der gewünschten Stelle blickt sie in die Kamera. Das ist der Moment, da Models kurz die Lider schließen und der Fotograf beim Augenaufschlag auslöst. Doch die 29-jährige CDU-Politikerin nimmt nicht einmal besondere Haltung ein. Sie steht da wie immer: erhobenes Kinn, durchgedrückte Schultern, gerader Rücken. Das Lächeln weicht ihr seit Wochen schon nicht mehr von den Lippen. Am Hals schimmert das Kettchen mit dem goldenen K. Obwohl der Luftdruck zum Umfallen ist und sie durch den Wahlkampf hetzt, sieht sie munter aus. Unterm schwarzen Kleid wölbt sich der Bauch mit dem Kind, das in wenigen Tagen geboren wird. Sie gibt einen wunderbaren Vordergrund für jeden Wahlkampfauftritt der CDU/CSU ab. Das Glück im Gesicht, die Zukunft im Bauch. Sie ist der Augenaufschlag in Person.

Sogar Franz Stangl, der Mann vom Stoiber-Team, der sich seit Wochen um Katherina Reiche zu kümmern hat, unterschätzt die Energiereserven dieser Frau. Er reist mit ihr durchs Land, koordiniert Termine, sortiert Presseanfragen, platzt in Interviews, wenn sie zu lange dauern. Jedoch klärt sein Schäfchen selber mit den Journalisten, wie lange es sie beim Termin dabeihaben will. Wenn ein Tag gelaufen ist, sitzt Katherina Reiche zu Hause am Computer und sieht die Post durch, die nicht in ihren Büros in Berlin, Potsdam oder Werder eingegangen ist. Kurz vor Mitternacht sendet sie, an Stangls sorgfältiger Sortierarbeit vorbei, noch E-Mails ab.

Egal welches Thema – Bildung, Familie, Wirtschaft, Steuern, Renten, Ostdeutschland, Stammzellenimport – sie redet viel. CDU-Prospekte rutschen ihr aus der Hand. „Wir brauchen kein Papier, keine Luftballons und Kugelschreiber“, sagt sie, „sondern Inhalte.“ Am liebsten würde sie gleich loslegen, „endlich dieses Land verbessern.“ Regieren.

Sie hat Franz Stangl, sie hat emsige Mitarbeiter in ihren Büros, kluge Ratgeber in der Bundestagsfraktion, einen Mann, auf den sie sich verlassen kann. Rein kräftemäßig jedoch scheint es nichts zu geben, was sie nicht allein kann. Während sie am Info-Stand ihrer Partei auf der Brandenburger Straße in Potsdam mit einem Passanten über erneuerbare Energien redet, trägt sie ihre dreijährige Tochter über dem dicken Bauch. Das Mädchen fuchtelt mit einem Windrad in die Sätze. „Maria“, sagt sie und küsst dem Kind die Wange, „der Mann kann jetzt nicht pusten.“ Mitten im Interview wischt sie dem Kind das Eis vom Mund. Maria fummelt am Mikrofon. „Nicht doch“, sagt Katherina Reiche, „Mami muss da jetzt mal reinsprechen.“ Einem Gespräch folgt das nächste. Sie setzt sich auf einen Stein. Biegt sich und atmet durch. Schließlich bringt sie die Tochter zum Auto, beugt sich hinein, um sie anzuschnallen, weil es zum nächsten Termin geht. Stöhnend taucht sie wieder auf und greift sich ins Kreuz. „Jetzt dachte ich, ich komme nicht mehr hoch.“ Eilt zur Fahrertür. Nach Schlappmachen sieht das nicht aus.

Es scheint, als wären die Hormone, die kurz vor dem Ereignis Geburt im Körper einer Frau ausgeschüttet werden, auch für eine Bundestagswahl gut. Aber es nervt Katharina Reiche, dass sich alle für ihren Bauch interessieren. Vielleicht würde das auch keiner tun, wenn das Bild vom bevorstehenden freudigen Ereignis nicht so gut passen würde. Seit Jahren gilt die Diplomchemikerin, Stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für die Angelegenheiten der neuen Länder und Beauftragte für Humangenetik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, als kompetent, fleißig und geschickt. So befürwortete sie den kontrollierten Import embryonaler Stammzellen und war damit in ihrer Fraktion zunächst fast allein. „Mörder kleiner Menschen“, nannte man sie, indes recherchierte sie emsig und argumentierte klar. Am Ende waren über 50 Unionsabgeordnete auf ihrer Seite.

Schon vor dieser Schwangerschaft hat sie viel Energie gehabt. Doch ein Vorher gibt es nicht mehr. Nicht zuletzt CDU und CSU sagen das, und sie fühlen es auch. „Unsere Chancen, diese Wahl zu gewinnen, stehen so gut, wie wir es noch vor Monaten nicht gedacht haben“, sagt Katherina Reiche. Es ist ihr zweiter Wahlkampf. Ein vollkommen anderer als der erste. 1998 war die CDU im Osten so schlecht angesehen, dass es „an unseren Info-Ständen auf den Straßen gewalttätige Auseinandersetzungen gab“.

Energiequellen liegen tief im Menschen drin. Katherina Reiche kommt aus einer Unternehmerfamilie. Sie schätzt die innere Stärke und Disziplin ihrer Mutter. Bereits als Kind hat sie erfahren, dass Ereignisse im Leben niemals eine Bedeutung schlechthin haben. Dass die Menschen sich jeweils an Orten befinden, von denen aus sie die Dinge so oder anders betrachten. In Luckenwalde, Bezirk Cottbus, DDR, war Katherina Reiche immer „das Kapitalistenkind“. Die Enteignung, die die Familie nach dem Krieg erlebt hatte, fühlte sich für das Mädchen anders an, als man es ihm im Staatsbürgerkundeunterricht beschrieb. Aus Katherina Reiches Standorten – Familie, evangelische Kirchengemeinde, Außenseiterposition – wurden Standpunkte. Im brandenburgischen Luckenwalde, Bundesrepublik Deutschland, ist sie das Kapitalistenkind geblieben, denn die Familie holte sich die Firma zurück. Die Zeiten änderten sich, aber die Bedingungen bleiben gleich: Sie musste an die Energiereserven, um ihre Standpunkte zu verteidigen.

Sie war 25, als sie für die CDU in den Bundestag ging. Man nannte sie das „Spice Girl“ der Fraktion, hielt ihre Positionen nicht für besonders hintergründig. Vielleicht, weil der Hintergrund für die Mehrheit der Politiker und Journalisten nicht auszumachen war. Sie wurde mal zur „Miss Bundestag“ gekürt und hat dazu lediglich bemerkt: „Auf einen ‚Mister Bundestag’ wäre niemand gekommen.“ Sie ist als Helmut-Kohl-Fan in die Junge Union eingetreten, weil sie die DDR so schnell wie möglich weghaben wollte. Wo sie nur kann, betont sie, eine Ostdeutsche zu sein. Sie war immer anders als andere. Nun stehen Wahlen an. Der Hintergrund ist klar: Regierungssitz, Berlin. Vor diesem Hintergrund will die CDU/CSU alles anders machen. Katherina Reiche passt perfekt.

Zu Sommeranfang hat Edmund Stoiber sie in sein „Kompetenzteam“ aufgenommen. Zuständig für Familien-, Frauen-, Jugend- und Seniorenpolitik, könnte sie nach einem Wahlsieg Bundesministerin sein. Das Anderssein hat sie weit nach oben gebracht. Die katholische Kirche, die bayerische CSU und Kreise der Frauen-Union jedoch bedrängten den Kanzlerkandidaten, auf die Frau, die ein zweites Kind bekommt und immer noch nicht verheiratet ist, zu verzichten, weil das nicht „dem Wertekanon einer christlichen Partei“ entspreche. Eine peinliche Debatte für eine Partei, die sich modern geben will. Und die Frau, die das Moderne verkörpert, benahm sich plötzlich wie alle anderen. Zwar betonte sie tapfer, es sei ihre Sache, wann sie heirate. Jedoch behauptete sie auch, politisch professionell, die leidliche Diskussion habe es nur in den Zeitungen gegeben. Als bekannt wurde, dass Stoiber wankte und ihr zumindest die Kompetenz für das Familienressort entziehen wollte, jubelten die politischen Gegner, weil CDU/CSU sich altväterlicher denn je präsentierten. Gerhard Schröder legte sich genüsslich ins Zeug und forderte „etwas mehr Respekt vor der jungen Frau, die nur sagt, wie sie leben will“. Jedoch sagt sie, Stoiber habe nie gewankt. Das ist kaum zu glauben.

Man braucht nur den Fernseher einzuschalten. Auf einem Frühschoppen in Bayern sprechen die Leute nicht einmal den n der Frau aus. Sie ist „die in wilder Ehe, mit den Bälgern und ohne Ehering, kein Vorbild.“ Auch die ostdeutsche „Super Illu“ ist nicht besser. Die Leser dürfen ankreuzen: Wann soll sie heiraten? Sofort, bis zur Wahl, nach einem Wahlsieg, wenn das zweite Kind da ist, gar nicht? „Ich verstehe die Leute“, sagt Katherina Reiche, „eine andere Lebensweise ist eine Provokation.“ Auch als sie dieser Tage in Ludwigshafen mit Edmund Stoiber auf der Bühne steht, empfängt sie nicht nur Applaus. Stolz wie immer hebt sie das Kinn in die Richtung, aus der die Buh-Rufe kommen. Doch plötzlich fragt jemand, wer Familienminister wird. Da huscht ein Schrecken über Katherina Reiches Gesicht. Der Schrecken, den sie bislang mit Energie bekämpft hat, um dem Ansehen ihrer Partei nicht zu schaden.

Man sagt, sie sei eine Karrieristin. Aber was sagt das schon. Der amtierende Kanzler sitzt auf den SPD-Wahlplakaten an seinem Schreibtisch. „Ein völlig neues Bild“, sagt Katherina Reiche, „nicht das Bild, das er bislang von sich gezeichnet hat.“ Der Kanzler, so lebensfern. Sie dagegen hat den Ehrgeiz, Politik und Muttersein unter einen Hut zu kriegen. Sie hat den Platz neben ihrem Schreibtisch im Bundestagsbüro ausgemessen. Auf den Zentimeter genau passt das Kinderreisebett hinein. Edmund Stoiber, in Ludwigshafen, antwortet nicht. Er zeigt auf sie. Sie könnte das Bett auch zusammenklappen und mit ins Ministerium nehmen, sagt sie.

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