Zeitung Heute : Mutti zuhören

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Vergessen Sie Bischof Mixa und die Altherrenriege der Schwesterparteien CDU/CSU. Diese Männer sind Chorknaben des Konservatismus. Wenn Sie sich für die Themen Frauen und Familie interessieren, rufen Sie mal meine Mutter an. „Ich weiß gar nicht, warum ihr Kinder kriegt, wenn ihr nicht zu Hause bleiben wollt“, sagt meine Mutter. Sie telefoniert gerade mit ihrer Schwiegertochter, meiner Frau. Und mit „ihr“ sind nicht etwa wir, die Eltern, gemeint, sondern „ihr Frauen“. Meine Mutter hält nämlich nicht viel davon, dass Francesca bald wieder in ihren Job als Lehrerin zurückkehren will und unsere zweite Tochter, die dann ein halbes Jahr alt sein wird, in die Obhut einer Tagesmutter geben will.

Ein Gespräch von Frau zu Frau. Da will ich mich natürlich nicht einmischen. Meine Mutter käme auch gar nicht auf die Idee, mich ins Gespräch einzubringen – zum Beispiel als Vater, der ebenfalls als zeitweiliger Zuhausebleiber für Erziehungsaufgaben in Frage käme.

Dafür bringt sich jetzt Horst, der Lebensgefährte meiner Mutter, ins Gespräch ein – und zwar mit der geballten Kompetenz eines Angehörigen der Mutterkreuz-Generation.

Seine Meinung zum Thema Kinderbetreuung und berufstätige Mütter: „Kein Wunder, dass die Jugendkriminalität immer mehr zunimmt, wenn die Frauen alle ihre Kinder weggeben.“

Eine These, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt – weil sie völlig ungetrübt ist von jedem Bezug zur Wirklichkeit. Ich werde trotzdem das Gefühl nicht los, dass meine Mutter und ihr Horst frauen- und familienpolitisch mehrheitsfähig sind. Und selbst, wenn wir hier in Kreuzberg alle alleinerziehenden Mütter, gleichgeschlechtlichen Lebenspartner, Transsexuelle, vollerwerbstätige Emanzen, Scheidungsväter, Patchwork-Familien und Männer-WGs mobilisieren – dieses Weibsbild ist zäh. Sehen wir es positiv: Bei Mutti ist die Welt eben noch in Ordnung.

Der Verband berufstätiger Mütter lädt jeden zweiten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr zu einem Stammtisch ins Café Rubens, Mehringdamm 65 in Kreuzberg.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben