Zeitung Heute : Mythen in Tüten

Susanna Nieder

Museum - Mann, ist das öde! Da darf man nicht herumhampeln und muss Bilder mit dicken nackten Frauen angucken oder irgendwelche Steinfiguren, denen die Nase fehlt. Dabei kapiert man gar nicht, was daran schön sein soll.

Es ist wirklich nicht besonders interessant, Dinge anzuschauen, über die man nichts weiß. Wenn man aber die Geschichten kennt, die hinter den Kunstwerken stecken, kann ein Museumsbesuch richtig spannend werden. Die Maler haben ja nicht einfach drauflos gemalt. Sie hatten dabei bestimmte Geschichten im Kopf. Europäische Künstler schöpften viele Ideen aus einer Quelle: der Antike.

Die Zeit, die man Antike oder klassisches Altertum nennt, begann vor 3000 Jahren und endete vor etwa 2000 Jahren. Schauplatz war zuerst Griechenland und später Rom. Die Menschen dort erklärten sich die Welt anders als heute. Sie glaubten, dass auf einem Berg namens Olymp eine Götterfamilie lebte. Der Vater hieß Zeus, die Mutter Hera und die Kinder hatten unterschiedliche Aufgaben. Athene war die Göttin der Weisheit, Ares der Kriegsgott, Aphrodite die Göttin der Liebe, um nur ein paar zu nennen. Um sie rankten sich Geschichten, die man Mythen nennt. Sie sind heute noch spannend, weil sich die Menschen seit damals nicht sehr verändert haben. Eifersucht, Rache, Hass und Liebe interessieren uns heute noch genau so wie die Menschen im alten Griechenland.

Wenn man Bilder anschaut und dabei etwas erzählt bekommt, kann das schon ziemlich interessant sein. Noch besser ist es aber, wenn eine Geschichte vor den eigenen Augen passiert. Die Schüler der sechsten Klasse der Fritz-Karsen-Schule hörten am Mittwochmorgen in der Gemäldegalerie gerade Meike-Marie Thiele zu, die ihnen ein Bild von Artemis, der Göttin der Jagd, erklärte. "Was redest du denn da! Das stimmt doch gar nicht!", rief plötzlich eine Stimme. Die Kinder sahen erschrocken von Meike-Marie zu der Gestalt, die hereingestürmt kam. Die Jungs, die eben noch Blödsinn gemacht hatten, wichen sicherheitshalber ein ganzes Stück zurück. "Ich bin Akteon, der beste Jäger! Kommt mit, ich werde es euch beweisen!", rief die Gestalt.

Vor dem nächsten Bild saß eine schwarzhaarige Frau und sang ein Lied. Auf dem Bild war Artemis ganz ohne Kleider zu sehen. "Ich habe Artemis nackt gesehen!" prahlte Akteon. Meike-Marie wollte ihn noch zum Schweigen bringen, doch das Unglück war schon geschehen. Artemis bestraft nämlich jeden Mann, der sie nackt sieht. Vor den Augen der Schulklasse verwandelte sich der entsetzte Akteon in einen Hirsch und lief vor seinen eigenen Jagdhunden davon.

Spätestens jetzt waren die Kinder ganz Ohr. Alle reckten die Hälse, als sie sich eine Deckenmalerei mit den Göttern des Olymps ansahen. Etwas später erschien Zeus persönlich und erzählte von der schönen Europa, in die er sich verliebt hatte. Um an sie heranzukommen, verwandelte er sich in einen wunderbaren Stier. Sie saß auf - und schwupps! - eilte er mit ihr davon. Die Geschichten aus dem alten Griechenland sind sehr lebendig. Wenn man sie einmal erlebt hat, vergisst man sie nicht mehr so bald.

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