Mythos Bar 25 : Drei Tage wach

Sechs Sommer lang wurden in der Bar 25 die wildesten Partys der Stadt gefeiert. Ein Film setzt diesem Club nun ein Denkmal. Erinnerung an einen magischen Ort, der nur im Berlin nach der Wende möglich war.

Anton Waldt
Verrückte Zeiten. Der Dokumentarfilm „Tage außerhalb der Zeit“ über die Bar 25 startet am Donnerstag.
Verrückte Zeiten. Der Dokumentarfilm „Tage außerhalb der Zeit“ über die Bar 25 startet am Donnerstag.Robert Lebeck

Die Geschichte der Bar 25 fängt 2004 denkbar harmlos an: mit sommerlichen Partys unter freiem Himmel auf einer lauschigen Brache am Spreeufer. Auf ihr entsteht aus zusammengeklaubtem Holz eine Partylandschaft mit Wild-West-Anmutung – und die entwickelt sich zum berüchtigtsten Afterhour-Club der Hauptstadt, in dem man das Wochenende scheinbar unendlich verlängern kann. „Drei Tage wach“, erst ein Motto, dann ein Party-Hit, beschreibt sehr genau ein Gefühl zwischen Erschöpfung und Erregung – ein Slogan, für den die Stadt berühmt wird.

Von Anfang an ist klar: Die Bar 25 ist ein Modellversuch – eine Hippie-Kommune, die in Bauwagen auf dem Gelände lebt und am Wochenende ihre Pforten für Raver öffnet. Um ausschweifend zu feiern, in einem fast gesetz- und zeitlosen Raum. Das macht die Bar einzigartig – bis zum September 2010, als ihr Mietvertrag mit der BSR ausläuft und sie im Zuge der Mediaspree-Planung schließen muss. Der Mythos lebt weiter.

In der Bar 25 konzentriert sich in sechs Jahren das Postwende-Berlin auf spektakuläre Weise: das Anarchische, Flüchtige und Fantasievolle. Sie ist das beste Beispiel für die Metamorphose der Stadt: von der zufälligen Zwischennutzung zum kommerziellen Standbein. Der Ort, auf halbem Weg zwischen Jannowitzbrücke und Ostbahnhof, veranschaulicht wie kaum ein anderer Club den Wandel der Berliner Stadtmitte. Dieses Areal, auf dem Sträucher und Bäume wild wachsen, steht exemplarisch für die Stadtentwicklung: Wie geht man mit den letzten Freiräumen der Nachwendejahre und frischem Immobilienkapital um? Wie vertragen sich Szeneclubs auf der einen und anschwellende Touristenmassen auf der anderen Seite?

Die Betreiber der Bar verstehen ihr Projekt als offene Spielwiese. Das stößt zunächst auf freudige Resonanz. Nicht zuletzt, weil jeder, der die Holzterrassenlandschaft am baumbestandenen Ufer einmal an einem Sommernachmittag erlebt, unweigerlich dem Charme des Ortes verfällt. Eine Open-Air-Disco von zweifelhaftem Ruf, sicher. Aber auch ein besonders feines Plätzchen zum Feiern: Die Sonne glitzert und reflektiert funkelnd auf dem Wasser, die Partymenschen blinzeln, im Hintergrund reihen sich monotone Bassdrum-Schläge aneinander. Jedes Wochenende läuft der Betrieb so zu unterhaltsam-sehenswerten Hochformen auf.

Der Weg zwischen Discohütte und den Toiletten ist der Laufsteg, über den durchgefeierte Gestalten mit Scherzbrillen in Übergröße schleichen, ausgeschlafene Neuankömmlinge energetisch hüpfen und Modebloggerinnen ihre unvorteilhaften Leggins in schwindelerregenden Farben ausführen. Und natürlich sind jede Menge Kostüme zu sehen: In der Bar 25 verkleidet man sich nämlich gerne, um als Steinzeitmensch, Burlesque-Tänzerin, Cowboy oder Matrose zu feiern. An der Seite zeigt ein muskulöser Kerl seinen tätowierten Oberkörper im gewollten Kontrast zum Kinderschwimmreifen um seine Hüfte, seine Begleiterin versucht ausdauernd, ihren Wodka-Tonic auf dem Reifen abzustellen.

Der Wind weht sachte durch die Zweige, die über dem Wasser hängen, und etwas abseits liest ein Mädchen im weißen Sommerkleid selbstvergessen ein Buch. Ab und zu legt sie es zur Seite, um grün und lila schillernde Seifenblasen in die Luft zu blasen. Durch diese fliegt dann ihre Freundin auf der Schaukel, die über der Terrasse an langen Seilen des größten Baums hängt.

Das Mädchen auf der Schaukel trägt ebenfalls ein weißes Second-Hand-Kleid, dazu hat sie Elfenflügel umgeschnallt, ihren Kopf krönt eine Art Lorbeerkranz, und in ihrer Hand schwingt zum Rhythmus der Schaukel ein Zauberstab. Diese Fee schwingt scheinbar ewig über der Terrasse hin und her, ein kitschiger Rave-Engel am Rande der Schwerelosigkeit.

Irgendwann springt das Mädchen dann doch von der Schaukel ab – und einen bangen Moment lang hängt sie über Betonplatten und Holzkanten. Gleich wird die Märchenfee übel aufschlagen und sich eine blutige Platzwunde holen oder den Knöchel brechen, dieser Sprung kann jedenfalls nicht gut ausgehen. Tut er auf wundersame Weise doch, das Mädchen wankt nach dem Aufprall etwas, dann dreht es sich eine Zigarette und verschwindet Richtung Tanzfläche.

Das Glück ist nicht nur mit den Doofen, sondern auch mit den Drogen. Jedenfalls gibt es hier zu Spree hin kein Geländer, in all den Jahren ist jedoch niemand ernsthaft zu Schaden gekommen, was angesichts der Druffies und Verstrahlten, die dieses Uferstück bevölkern, jeder Wahrscheinlichkeit Hohn spricht.

Die Bar 25 verleiht vielen Feiernden das Gefühl traumwandlerischer Sicherheit, egal wie kühn sie sich an die eigenen Grenzen heranexperimentieren. Was ohne den erweiterten Rahmen wohl nicht denkbar wäre: Zum einen pflegen die Betreiber unter der Maxime „Hippie de Luxe“ eine Mischung aus hedonistischem Laisser-faire und pragmatischem Management. Zur Bar gehören neben dem Club noch ein Restaurant, Mini-Spa, Hostel, eine Bauwagensiedlung, Pizzabude und Zirkusarena.

Bemerkenswert ist dabei die Manege hinter der Tanzfläche, in der täglich wechselnde Kleinkunst stattfindet und am Wochenende ein Kontrastmusikprogramm läuft. Oft spielen die DJs im Zirkus wüste Mischungen unmöglicher Musikstile: Neofolk, Schlager und 80er-Jahre-Hits. Irgendwann tanzen alle zu Dixieland, als wäre es House, und natürlich sind auch hier Verkleidete dabei. Tanzen in Häschen-Kostümen, Hühnchenknochen im Ohrloch, der Typ im weißen Smoking springt in den Matsch – Bürgerkinder im Selbstdarstellerparadies.

Das Märchenland bewacht seine Grenzen scharf. Am augenfälligsten verläuft diese entlang der Palisaden, die das Gelände von der sechsspurigen Straße trennen. Hinein und wieder heraus gelangen Gäste durch eine schmale Tür, die von einem gefürchteten Drachen bewacht wird: der Türsteherin. Eine drahtige Frau mit grün geschminkten Augenlidern über einem schrecklich musternden Blick. Wer ihr nicht passt, wird wie ein räudiger Köter verscheucht. Das ist sie also, die grausame, elitäre Realität: Im Märchenfeierland ist einfach nicht genug Platz für die herandrängenden Massen.

Wer draußen bleibt oder heraustaumelt, steht Montagmittag zwischen Müll und Glasscherben auf dem schmalen Bürgersteig, besonders Hartnäckige oder Fertige hocken sich vielleicht noch eine Weile auf die Grasreste des Mittelstreifens, auf zwei Seiten dreispurig vom Verkehr umtost – ein herzerweichendes Bild.

So sieht sie aus: die Märchenwelt der Generation Praktikum. Jener Menschen, deren Zukunft zwischen dauerhaft prekären Verhältnissen und fürstlich entlohnter Agenturkarriere liegt. Das Publikum besteht zu großen Teilen aus dem Nachwuchs kreativer Berufe – Musiker, Fotografen, Webdesigner. Zwei Berliner Wachstumsbranchen repräsentieren die Gäste der Bar 25: den Tourismus und die Medien. Die viel beschworene „kreative Klasse“ schafft sich einen Abenteuerspielplatz – und dessen enorme Anziehungskraft beschleunigt seinen Untergang. Am Ende werden aus den Easy-Jet-Touristen auf der Tanzfläche jene Kreativarbeiter in den Mediaspree-Bürobauten, vor denen ihr Lieblingsclub am Ufer weichen muss.

Fast zwei Jahre später ist das Areal verwaist. Teile der Bar-25-Kommune haben auf dem gegenüberliegenden Spreeufer das Kater Holzig eröffnet, ein florierendes Unterhaltungsunternehmen mit Club und Restaurant. Unter dem Namen „Holzmarkt“ planen sie auf dem alten Gelände ein Wohn-, Kultur- und Gewerbedorf mit Club und Park. Der alten Zeiten wegen.

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