Zeitung Heute : Mythos Hacker

Der Tagesspiegel

Das junge Computergenie mit dem Pseudonym „Tron“ wurde am 22. Oktober 1998 in einem Park in Berlin-Britz erhängt aufgefunden. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft gibt es keinen Anlass, an einem Suizid von Boris F. zu zweifeln. Die Ermittlungen wurden im Mai 2000 eingestellt. Trons Angehörige und einige seiner Freunde gehen jedoch von einem Mord aus. Eine Homepage, die sich dem Andenken Trons widmet, veröffentlicht jetzt Dokumente, die die These erhärten, der Hacker sei umgebracht worden. Alle, die Tron nacheiferten, seien gefährdet. „Nur ein breites Wissen über den Mord kann Nachfolger von Tron schützen“, heißt es auf der Webseite.

Zahlreiche Medien nehmen den Mythos ernst, der sich in der Szene der jugendlichen Computer-Freaks um die Figur Trons rankt und von Spielfilmen wie „23“ verstärkt wird: Ein junger Computer-Freak, dessen überragendes Wissen ihn für Geheimdienste interessant und für Firmen, deren Codes er knackt, gefährlich macht. „Hacker leben gefährlich“, hatte der verstorbene Gründer des Chaos Computer Clubs, Wau Holland, behauptet. Dieser Mythos hat mit der Realität wenig zu tun, auch wenn sich der Sprecher des CCC, Andreas Müller-Maguhn, in die Front der Verschwörungstheoretiker eingereiht hat.

Die Todesursache ist unstrittig. Bei der Obduktion am Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin im Oktober 1998 durch zwei international anerkannte Mediziner ergab sich kein Anzeichen für Fremdverschulden. Boris F. ist an einem akuten Sauerstoffmangel des Gehirns infolge Erhängens verstorben. Die chemisch-toxikologische Untersuchung stellt keinerlei Spuren von Medikamenten oder gar Giften fest. Die Leiche wies keine Verletzungen auf, die auf einen Kampf hätte schließen lassen könnten. Wer von Mord spricht, muss daher annehmen, Boris F. hätte sich ohne Widerstand durch unbekannte Täter aufhängen lassen.

Die Mord-Theorie wird durch ungeklärte Fragen gespeist, die sich um den Todeszeitpunkt drehen. Tron verließ am Samstag, dem 17. Oktober, die elterliche Wohnung, um Geld aus einem Bankautomaten zu ziehen. Seine Leiche wurde erst am Donnerstag gefunden. Frühester Todeszeitpunkt ist laut Obduktionsbericht der Dienstag. Bei der Obduktion wurden im Magen des Toten Reste eines Nudelgerichts gefunden, das nach Ansicht der Mutter identisch mit dem sei, das Boris F. kurz vor seinem Verschwinden aß. Ob das der Fall ist, konnten die Rechtsmediziner nicht beantworten. Da eine Mahlzeit nach wenigen Stunden verdaut ist, könnte entweder der durch die obduzierenden Mediziner vermutete Todeszeitpunkt falsch sein, oder Tron hat kurz vor seinem Tod ein ähnliches Gericht zu sich genommen. Letzteres vermutet Hauptkommissar Klaus Ruckschnat, der Leiter der 3. Mordkommission des Berliner Landeskriminalamts.

Die Spekulationen über den Todeszeitpunkt können die Todesursache jedoch nicht in Frage stellen. Diejenigen, die an Mord glauben, gehen davon aus, dass Unbekannte Boris F. getötet hätten, ohne dass der sich gewehrt hätte, seine Leiche mehrere Tage in einem Kühlhaus aufbewahrt und den Toten anschließend wieder im Park aufgehängt hätten, um Suizid vorzutäuschen – und ohne Spuren zu hinterlassen. Nur so könnte erklärt werden, dass sich der Mageninhalt, wenn er aus dem Nudelgericht der Mutter besteht, über Tage erhalten hat.

Aus forensischer Sicht ist diese Theorie abwegig. Zudem hätten professionelle Täter vermutlich andere Möglichkeiten gewählt, die Polizei und die Gerichtsmediziner auf eine falsche Fährte zu locken. Niemand hat bisher eine Theorie formuliert, warum der Tote angeblich mehrere Tage gekühlt aufbewahrt werden musste. Auch mögliche Täterkreise und Motive werden nie genannt, obwohl Mitglieder des CCC angeblich seit 1998 recherchieren. Boris F. hackte die Codes diverse Chipkarten, die benötigt werden, um die Decoder für Pay-TV-Sender freizuschalten. Für diese Hacker-Programme gibt es im Internet einen Schwarzmarkt. Mit geringem Aufwand kann jeder, der die Zugangssperren der Anbieter umgehen will, die Software herunterladen und die Chipkarten umprogrammieren. Tron war einer der besten Chipkarten-„Piraten“ Europas. Das bestätigte auch Ray Adams, ein Ex-Agent von Scotland Yard und Headhunter der Firma NDS, deren Filiale in Israel auf Verschlüsselungsalgorithmen spezialisiert ist. Adams hatte Boris F. angeboten, für ihn zu arbeiten, der jedoch hatte abgelehnt. Ein Motiv für Mord ist jedoch, auch wegen der geringen Gewinnspanne der „Piraten“, kaum zu erkennen.

Auf der Website tronland.net wird behauptet, Trons Diplomarbeit „Realisierung einer Verschlüsselungstechnik für Daten im ISDN B-Kanal“ sei ein möglicher Grund für eine Ermordung. Boris F. hatte mit geringen Mitteln ein Telefon gebaut, das das digitale Gespräch in Echtzeit verschlüsselt. Professor Clemens Kordecki von der technischen Fachhochschule Berlin hielt die Arbeit seines Studenten für „genial". Dennoch: Diese Telefone waren schon vorher auf dem Markt. Die Verschwörungstheorien, die sich um den Tod des Hackers ranken, führen immer wieder an, es habe keine Anzeichen für Depressionen gegeben. Auch wenn das für die Angehörigen nicht nachvollziebar ist: Dieses Argument ist vermutlich falsch. Boris F. war, auch in den Augen einiger seiner wenigen Freunde, kontaktscheu, reagierte zuletzt aggressiv auf Kritik, als quälte ihn ein innerer Konflikt. Berufliche Wünsche hatten sich zerschlagen, eine Bewerbung bei einem Software-Unternehmen war gescheitert. Zudem war Boris F. Legastheniker, er litt an einer Schreibschwäche, die seine Lehrer bemerkten, die er aber sonst gut kompensieren konnte. Wenige Tage vor seinem Tod erlitt er eine große Enttäuschung. Der vielversprechende „Hack“ eines Chipkarten-Codes, von dem er nur wenigen erzählt hatte, war durch einen Unbekannten ins Internet gestellt worden. Ein Hacker, mit dem Tron in der Nacht vor seinem Verschwinden telefonierte, behauptet, Tron sei „völlig durch den Wind“ gewesen. Diese Indizien, die Anzeichen für eine Krise im Leben des Hackers hätten sein können, werden von den Anhängern der Mord-Theorie verschwiegen. Dr. Klaus, Experte für Suizid-Gefährdung bei Heranwachsenden, meint, dass oft nichtige Anlässe eine schwelende seelische Krise zum Ausbruch bringen, die im schlimmsten Fall dazu führen können, dass derjenige keinen Ausweg zu haben glaubt und den Freitod wählt.

Auf den Mythos Tron hat das keinen Einfluss. Im Gästebuch von tronland.net haben sich zahlreiche Fans des toten Hackers verewigt: „Du wirst in meinem Herz ewig leben. Du warst ein Hirn, jetzt bist du eine Legende. Das war kein Selbstmord“, heißt es da. „Früher oder später wird die Wahrheit rauskommen."

Der Verfasser ist Autor des Buches „Tron – Tod eines Hackers“, Rowohlt-Verlag.

Im Internet:

www.tronland.net

www.burks.de/tronbuch.html

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