Zeitung Heute : Nach 22 Jahren noch immer unschlagbar Wiedersehen mit großen Weinlegenden

Bernd Matthies

Das vermutlich größte Mysterium des Weins ist seine enorme Alterungsfähigkeit. Doch selbst Experten tun sich schwer damit, sie bei einem jungen Wein richtig einzuschätzen, zumal, wenn es keine einschlägigen Erfahrungen gibt. Deshalb stecken einschlägige Verkostungen immer voller Überraschungen. Im Rahmen des Weltweinfestivals im Wiener Palais Coburg zeigten die Österreicher jetzt, wie sich einige ihrer Paradeweine entwickelt haben. Das Fazit: Es kann sich lohnen, herausragenden Weinen dieses Landes viele Jahre im Keller zu gönnen.

Das Problem der Österreicher: Systematischer, moderner Qualitätsweinbau hat bei ihnen ebenso wie in Deutschland so richtig erst nach dem Weinskandal der frühen 80er Jahre begonnen, trinkbare Weine aus älteren Dekaden gibt es praktisch nicht. Einer der berühmtesten und längst rarsten österreichischen Weine ist der 1986er Blaufränkisch aus der Riede Mariental von Ernst Triebaumer, der in mehreren Blindverkostungen die Weltelite abgehängt hat und den Ruf des Weilandes gewissermaßen im Alleingang reparierte. Heute präsentiert er sich mit erstaunlicher Frische ohne jegliche Alterstöne – und erinnert in Duft und Geschmack verblüffend an reife Medoc-Weine, obwohl die Rebsorte damit überhaupt nichts zu tun hat.

Der entscheidende internationale Durchbruch für Österreichs Weine war das „London-Tasting“ 2002, bei dem vier Veltliner und Chardonnays aus der Wachau und dem Burgenland die mehrfach teurere Chardonnay-Weltelite distanzierten. Auch diese Weine erwiesen sich jetzt als erstaunlich langlebig und noch sehr weit von absteigenden Ast entfernt: Der 1990 Grüne Veltliner „Vinothekfüllung“ von Emmerich Knoll ist ein überwältigend duftender Kraftkerl von endloser Länge, der sich jetzt in vollendeter Harmonie zeigt und auch den satten Alkohol elegant verpackt. Rescher, jugendlicher, präsentiert sich der 97er Veltliner Ried Lamm von Willy Bründlmayr. Weine aus problematischen Jahren haben es deutlich schwerer, das zeigte der 1998er Riesling „Unendlich“ von F.X.Pichler, der mit einem deutlichen, leicht petroligen Reifeton seinen Höhepunkt erreicht haben dürfte; die anfänglich deutliche Süße ist kaum noch zu merken, dafür dominieren die Honignoten der Botrytis.

Auch die anfangs schwer zugänglichen, von neuem Holz massiv überlagerten Sauvignons aus der Steiermark brauchen viel Zeit. Erst jetzt, über zehn Jahre nach der Lese, ist der berühmte 2007 Sauvignon blanc Kranachberg von Willy Sattler dort angekommen, wo er nach dem willen seines Schöpfers hin sollte: zu einer expressiven Aromatik, die an Holunder und Paprika erinnert und die Vanilletöne des Holzes längst spurlos aufgesaugt hat. Der Zeitgeist bringt es mit sich, dass solche Weine heute immer seltener produziert werden: Kaum noch jemand hat die Geduld, sie ein Jahrzehnt im Keller zu vergessen. Bernd Matthies

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