Zeitung Heute : Nach 64 Jahren Dürre

Eine Rabbiner-Weihe in Deutschland

Constanze von Bullion

Das Gespräch hat noch nicht richtig begonnen, da droht es schon wieder abzureißen. Nein, sagt Daniel Alter und schüttelt den Kopf, er will hier nichts über seine Familie erzählen, nichts über seine Herkunft, seine Eltern, dieses ganze persönliche Zeug, „das lass’ ich gern bisschen außen vor“.

Daniel Alter, so viel steht fest, ist ein eigensinniger Mensch, und vielleicht ist es auch so eine Art Lampenfieber, das ihn kurz vor der Premiere befallen hat und nun ein wenig atemlos wirken lässt. Der kleine Herr, der in einer Studierstube des Abraham-Geiger-Kollegs sitzt, in der Außenstelle Berlin, hat Bücher im Rücken, Bücher vor der Nase, irgendwo dazwischen liegt eine Tüte mit Einkäufen. Würstchen, abgepackter Käse, was Studenten, die keine Zeit haben, so essen.

Nur noch wenige Stunden, am Donnerstag, dann wird Daniel Alter mit zwei weiteren Studenten des Abraham-Geiger-Kollegs Potsdam zum ersten liberalen Rabbiner geweiht, der seit 1942 in Deutschland ausgebildet wurde – damals schlossen die Nazis die berühmte Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Eine feierliche Zeremonie mit vielen Gästen wird da stattfinden, es wird ein Feld neu bestellt werden, das einmal zu den großen und blühenden Geisteslandschaften des deutschen Sprachraums gehört hat.

Die Festredner werden von Neuanfang sprechen, und davon, dass da eine Pflanze wächst, die die Ausrottungspolitik der Nazis überlebt hat und eine lange spirituelle Dürre. In einem Land, dessen jüdische Gemeinden nach dem Holocaust winzig waren und meist orthodox geprägt, hat das liberale Judentum eine bescheidene Rolle gespielt. Auch in der internationalen Community liberaler Juden, die vor allem in Großbritannien und den USA zu Hause ist, galten die deutschen Gemeinden oft als Außenseiter, als wenig selbstbewusst und – mangels theologischer Hochschulen – als intellektuelle Diaspora.

Daniel Alter ist kein Mann, der dazu neigt, die Bedeutung seiner Ordination unnötig herauszustreichen. Man merkt diesem Schnellredner und Familienvater an, dass er dagegen ankämpft, bestaunt zu werden wie ein Pionier, der Unglaubliches zuwege bringt. Es liegt ihm auch nicht, sein Innerstes nach außen zu kehren, also schweigt er manchmal unvermittelt, etwa über die KZ-Zeit seines Vaters. Vielleicht, weil ihm das zu nahe geht. Vielleicht auch, um dieses Lebensmuster zu durchbrechen, das ihm die Rolle des Nachgeborenen zuweist.

Alter ist der jüngste von drei Brüdern einer wenig religiösen Familie, er ist in der fränkischen Provinz aufgewachsen, und Jude zu sein, „das war der Teil von mir, mit dem ich mich am wenigsten identifizieren wollte“. Als er jung war, ging er gern ins Fußballstadion, war eher links, studierte kurz Jura. Aber er hat sich an der Uni so fremd gefühlt wie in der Synagoge. „Teilweise war das ein Nicht-Wiederfinden, in dem, was da geboten wurde.“ Daniel Alter hat gleich „den Abschalteknopf gedrückt“, wenn ein Rabbiner predigte. Bis der Tag kam, an dem das nicht mehr klappte.

Wer diesen angehenden Geistlichen fragt, wie er zu seiner Berufung gefunden hat, der lernt einen kennen, der gefunden wurde. Vom Glauben und einem jüdischen Militärseelsorger, der in Frankfurt am Main vor amerikanischen GIs predigte. „Keep your eye on the ball“, behalt’ den Ball im Auge, das war ein Satz, den Alter nicht vergessen hat. Er hat den Ball dann beim Judaistikstudium verfolgt, als Lehrer und Student des Abraham-Geiger-Kollegs, das sich einem modernen Judentum verpflichtet fühlt und Werten, zu denen Daniel Alter vor allem Nächstenliebe und eine „respektvolle Art der Konfliktlösung“ zählt.

Dazu könnte der 47-Jährige bald Gelegenheit haben. Er wird in Oldenburg eine 320-Seelen-Gemeinde übernehmen. „Kaum Russen, höchstens 90 Prozent“, sagt er und lacht. Dann packt er seine Einkaufstüte, stülpt eine Baseballkappe über die Kippa und stürmt davon. Ein Rabbi im Dauerlauf.

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