Zeitung Heute : Nach allen Regeln der Qual

Eine Spezialeinheit von Erich Mielke war dazu ausgebildet, Menschen zu töten oder sie handlungsunfähig zu machen. Dazu war jedes Mittel recht

Matthias Schlegel

Bei allen Unklarheiten im Fall Jürgen G. wird doch eines deutlich: dass die Strukturen der Repression in der DDR mit den bisherigen Erkenntnissen über Aufbau und Funktionsweise des Ministeriums für Staatssicherheit noch immer nicht ausreichend geklärt sind. Über Auftragsmorde wurde in der Vergangenheit viel spekuliert. Das Verschwinden oder Ableben unliebsamer, mehr oder minder prominenter Personen – Beispiel: Fußballer Lutz Eigendorf, der der DDR den Rücken gekehrt hatte und bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben kam – nährte immer wieder Vermutungen, dass die Staatssicherheit der DDR nicht unbeteiligt gewesen sein könnte. Die wenigen Protagonisten des Machtapparates, die sich nach der Wende öffentlich äußerten oder in Prozessen aussagten, wiesen solcherlei Spekulationen stets energisch zurück.

In seinen Studien zur Westarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) räumt Hubertus Knabe ein, dass über solche Einsätze wenig bekannt ist, „da die entsprechenden Akten der HVA (Hauptverwaltung Aufklärung) nicht überliefert sind und diese Aktivitäten auch innerhalb des MfS einer strengen Geheimhaltung unterlagen“. Gleichwohl geht aus den „Einsatz- und Kampfgrundsätzen tschekistischer Einsatzkader“ innerhalb der AGM/S, einer unmittelbar bei MfS-Chef Erich Mielke angesiedelten Spezialeinheit, eindeutig hervor, dass deren Mitglieder auch für das Töten von Menschen ausgebildet wurden. So heißt es dort zu der Frage, wie die operativen Ziele zu erreichen seien: „Das Liquidieren beinhaltet die physische Vernichtung von Einzelpersonen und Personengruppen. Erreichbar durch: das Erschießen, Erstechen, Verbrennen, Zersprengen, Strangulieren, Erschlagen, Vergiften, Ersticken.“ Im Weiteren werden Hinweise gegeben, wie Personen handlungsunfähig gemacht werden können, nämlich unter anderem durch „die Geiselnahme, das ausdauernde oder zeitweilige Festhalten, die Entführung, das Verschwinden, die provozierte oder durch Drohung erzwungene Flucht, … Inhaftierung und Vollstreckung der Todesstrafe, die Untergrabung des Vertrauens, des Ansehens, der Unbescholtenheit“.

Die aus speziellen Kampfkräften zusammengesetzte AGM/S änderte im Laufe der Jahre mehrfach ihre Struktur, doch ihre Aufgabe blieb immer die gleiche: „Anders als bei den von der ‚Abwehr’ punktuell veranlassten Entführungen, Überfällen, Einbrüchen oder Anschlägen ging es hier“, wie Knabe schreibt, „um die Schaffung von besonderen Einsatzgruppen, die systematisch für Sabotageaktionen und andere Kampfeinsätze im ‚Hinterland des Feindes’ vorbereitet wurden.“

Im Zusammenhang mit dem Fall Jürgen G. weist Hubertus Knabe darauf hin, dass die Stasi gerade im Umgang mit Verrätern kurzen Prozess gemacht habe. Und diese Abrechnungen ereigneten sich in aller Regel auf westlichen Territorium, auf das sich Abtrünnige des DDR-Systems vorzugsweise zurückzogen. Er erinnert an den Fall Wolfgang Welsch, eines in der DDR mehrfach verurteilten, später freigekauften und als Fluchthelfer agierenden Oppositionellen, der 1981 mitsamt seiner Frau und Tochter von einer mutmaßlichen MfS-Agentin bei einem Aufenthalt in Israel vergiftet werden sollte. Oder an den Fall des IM „Karate“, der den Auftrag hatte, in West-Berlin einen Fluchthelfer umzubringen. Belegt sind auch Fälle aus den Anfangsjahren der „Abteilung zur besonderen Verwendung“, der Vorgängerabteilung der AGM/S: Das Scheinattentat auf den saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann im Jahr 1955 oder die Entführung eines angeblichen Mitarbeiters der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, in die DDR, wo er neun Jahre inhaftiert war, ehe er 1964 freigekauft wurde.

Wenn es zu einem Prozess gegen Jürgen G. käme, wäre dies ein Novum, meint Knabe. Denn dann würden weitere Erkenntnisse über Strukturen und Verantwortlichkeiten im DDR-Machtapparat bekannt, weil auch Beweisketten offen gelegt würden. Und damit könnte vielleicht auch noch einmal ein neues Licht auf die Rolle von HVA-Chef Markus Wolf fallen.

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