Zeitung Heute : Nach außen offen

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Die USA haben keinen Außenminister. Sie haben einen „Secretary of State“. Doch nicht nur der Titel ist anders, sondern auch die Bedeutung. Was zählt, ist die Nähe zur Macht. Und die sitzt im Weißen Haus. Dort aber sitzen auch der Vizepräsident und der Nationale Sicherheitsberater. Sie finden in außenpolitischen Fragen oft eher das Gehör der Präsidenten als der Chef des „Department of State“. Diese Erfahrung musste zuletzt Colin Powell machen. Er war der oberste Diplomat, nicht das zweitmächtigste Regierungsmitglied in Washington. Selbst Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, sein Erzrivale, wurde in vielen Gegenden der Welt ernster genommen.

Die Richtung der Außenpolitik gibt das Weiße Haus vor. In Absprache mit dem Pentagon werden dort auch die militärischen Prioritäten festgelegt. Bei tagesaktuellen Krisen wird der Nationale Sicherheitsrat einberufen. Und der Außenminister? Der ist Blitzableiter, Vorfühler, Diplomat, Politikverkäufer. Er hat einen undankbaren Job. Außerdem ist er Bittsteller. Die Mitgliedsbeiträge der USA bei den Vereinten Nationen zum Beispiel begleicht der Kongress. Regelmäßig müssen die Abgeordneten angefleht werden, ihre Schulden zu begleichen. Druck oder Machtmittel hat der Außenminister nicht.

Deshalb war die Ernennung Powells von Anfang an ein Risiko für George W. Bush. Denn eins war klar: Ein Mann von seiner Statur und seinem Selbstbewusstsein wird sich mit einer Statistenrolle nicht begnügen. Powell wollte gestalten und bestimmen. Sein Kapital war seine Beliebtheit. Doch innerhalb der Administration gab es viele, die die strategische Kompetenz des Außenministers bezweifelten. Gegen den ersten Golfkrieg hatte Powell ursprünglich Bedenken, auf dem Balkan hätte er nie militärisch interveniert, für das Somalia-Debakel war er mitverantwortlich. Misstrauen erweckten auch seine guten Kontakte zu Bob Woodward, dem Enthüllungsjournalisten der „Washington Post“. Eine nationale Ikone wurde zum Außenminister gemacht, die möglichst unauffällig bleiben sollte: Aus diesem Widerspruch entwickelten sich Rivalitäten. Intrigen wurden gesponnen.

Daran ist Powell gescheitert. Sein Rücktritt hinterlässt eine große Lücke. Sie zu füllen, erscheint unmöglich. Doch darin liegt auch eine Chance. Amerikanische Außenpolitik könnte mit einem weniger ambitionierten Nachfolger wieder berechenbarer werden. Durch den Zwist zwischen Powell und Rumsfeld/Cheney waren oft entgegengesetzte Signale ausgesendet worden. Mit fatalen Folgen: Ausländische Diplomaten, die im Vorfeld des Irakkrieges das State Department besuchten, fuhren mit der Überzeugung nach Hause, die Invasion ließe sich noch vermeiden. Im Pentagon und Weißen Haus wusste man besser Bescheid.

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