Nach dem Absturz von Flug 4U9525 : Die Trauerrituale trösten und verbinden

150 Menschen sind bei dem Absturz der Germanwings-Maschine ums Leben gekommen. Auch öffentlich wird um die Opfer getrauert. Ist das nur ein leeres Ritual? Nein, solche Gesten können etwas Tröstliches haben - sogar für die Hinterbliebenen. Ein Kommentar.

Warum? Eine Frage, die niemand beantworten kann.
Warum? Eine Frage, die niemand beantworten kann.

Der Verstand sagt: Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel. Das Gefühl warnt: Nirgendwo ist der Mensch so hilflos ausgeliefert wie in einem Flugzeug. Der Verstand will das Gefühl beruhigen mit all den Argumenten, die sich aus Statistiken und eigenen Erfahrungen zusammensetzen – und er bezwingt dennoch nicht die Urängste, die jeder von uns hat angesichts des Trümmerfeldes auf Berghängen und in Tälern der französischen Alpen.

Fliegen ist Vertrauenssache – Vertrauen darauf, dass ein Flugzeug technisch bestens gewartet und der Pilot gut ausgebildet ist, dass Meteorologen vor Unwettern rechtzeitig warnen und dass für die Fluggesellschaft das Leben der Passagiere, ihre Sicherheit, immer absolute Priorität vor allen Kosten- und Gewinnüberlegungen hat.

Verstand und Gefühl zusammen sagen uns, dass Fliegen wohl nirgends auf der Welt so sicher wie in Europa ist. Nun wissen wir, dass es im Südwesten Frankreichs ein Bergmassiv mit dem Namen „Les Trois Evechés“ gibt, an dessen schroffen Felsen das Leben von 150 Menschen und die Illusion endete, hier, bei uns, könne so etwas nicht passieren.

Leerstelle im Leben

Die Opfer des grauenhaften Unglücks kommen aus vielen Ländern, die meisten aus Spanien und Deutschland. Der Tod eines jeden Einzelnen zerstört auch das bisherige Leben jener, die diese Menschen liebten, weil sie zur eigenen Familie gehörten oder enge Freunde waren. Ihrer aller Leben wird sich fortan in zwei Hälften teilen – die eine vor der Katastrophe, die andere danach. Nichts wird sein wie früher, und die Leerstelle im Leben der Mütter, Väter, Geschwister, Mitschüler wird auf immer ein unbesetzter Platz im verbleibenden Leben sein.

Die Zeit heilt vielleicht viele Wunden, aber die Narben in unserer Erinnerung bleiben. Und gerade, wenn es keine Zeit für Abschied gab, wenn der Tod nicht am Ende einer langen, schmerzerfüllten Krankheit als Erlösung kam, sondern so unmittelbar wie ein fürchterlicher Schlag, ist der Schmerz einer, der so ganz nie vergeht.

Viele Menschen distanzieren sich von Ritualen, weil sie die als leere Geste, als Banalität empfinden. Aber die Rituale der öffentlichen Trauer, die wir jetzt sehen, verbinden nicht nur Menschen über Kontinente und Ländergrenzen hinweg, sie haben auch Tröstliches an sich. Anders als vor 20 oder 30 Jahren, als es in der Generation der vom Krieg seelisch und körperlich verwundeten Menschen als unschicklich galt, Gefühle öffentlich zu zeigen, werten wir es nun als Zeichen der Empathie, wenn der Bundespräsident, den Tränen nahe, eine Südamerikareise abbricht, oder wenn die Bundeskanzlerin, zusammen mit dem französischen Präsidenten und dem spanischen Regierungschef, an den Ort des furchtbaren Geschehens fliegt, um den Hilfskräften für ihren Einsatz zu danken. Kollektive Trauer, wie sie, allgegenwärtig, die Gespräche durchzieht, hat ein Element der Selbstvergewisserung in einem Land und in einer Zeit, die wir schnell, vorschnell oft, als egoistisch und unfähig zur Teilnahme und Teilhabe beschreiben.

Das Warum wird geklärt werden

Carsten Spohr, der Chef der Lufthansa, des Mutterunternehmens von Germanwings, sagte: Es ist unerklärlich, dass ein Flugzeug in einwandfreiem Zustand mit erfahrenen Piloten abstürzen könne. Das war eine Momentbeschreibung, denn das Warum wird geklärt, wird erklärt werden. Die Daten der Flugschreiber und die letzten Gespräche der Piloten auf dem Voicerekorder können Auskunft darüber geben, ob da ein technischen Versagen vorlag, das dann wiederum zum Auslöser einer Katastrophe wurde, die auch routinierte Piloten nicht verhindern konnten.

Hannelore Kraft, die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, hat im Juli 2010 bei der Trauerfeier für die Opfer der Duisburger Loveparade gesprochen, und jeder wusste, dass sie auch um ihren Sohn gebangt hatte. Sie sagte damals: „Wir können Ihren Schmerz nicht ermessen und nicht lindern.“ Aber sie sagte den Hinterbliebenen der 21 Opfer auch: „Sie sind nicht allein.“ Das ist auch heute, nach dem Absturz, der einzige Trost, den wir all jenen geben können, die um einen geliebten Menschen trauern.

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