Nach dem Beben : Still ist es in L’Aquila - kaum einer spricht

Eine ratlose Verzweiflung liegt über der Stadt. Nur der Lärm der Bagger ist zu hören. Kein einziges Haus der Stadt ist mehr bewohnbar. Aber einer sagt: "Wissen Sie, was das Schöne an Italien ist? Wir helfen uns gegenseitig."

Paul Kreiner[L’Aquila]

Am Tag nach dem großen Beben zählt Italien seine Toten. Fassungslos stehen die Lebenden vor den Trümmern ihrer Häuser. Und alle Straßen sind verstopft – von kilometerlangen, überwältigenden Hilfskonvois. Nichts geht mehr an diesem Dienstag.

„Mama, schau, Mama: Da gibt’s Hörnchen mit Nutella!“ Giulio hat kein Haus mehr, aber der Tag ist gerettet. Giulio ist vor ein paar Tagen fünf Jahre alt geworden. Jetzt steht er Schlange vor der Feldküche des italienischen Zivilschutzes. Der Rasen am Sportplatz von L’Aquila ist vom Gewitterregen des Vortags und von den vielen Füßen zu Schlamm geworden. Aber Giulio und die Mama richten sich darauf ein, dass das Areal ihre Zwangsheimat bleiben wird. Für Wochen? Monate? Jahre?

Noch am Montag, am Tag des großen Bebens in Mittelitalien, hat Italiens Zivilschutz den Sportplatz mit Zelten gesäumt, blau sind sie, im Nationalfarbton „azzurro“, genauso wie die Fußballmannschaft Italiens, die Weltmeister. 2000 Schlafplätze gibt es, natürlich sind das zu wenige für die Zehntausenden von Evakuierten; aber im Lauf des Dienstags kommen in der ganzen Provinz noch weitere 40 000 Betten dazu, und viele schlafen in den ersten Nächten ohnehin lieber im Auto. Wie Giulio, Mama, die kettenrauchende Oma und ihre zwei kleinen Hunde. „Im Auto ist es wärmer“, sagen sie, „in den Zelten gibt’s keine Heizung.“

Eine Signora steht da, 40 Jahre alt vielleicht, einen blitzenden Brillanten-Stecker in der Nase, gehüllt in eine Jugendherbergsdecke. Seit fünf Generationen, sagt sie, wohnt ihre Familie „in einem der ältesten Palazzi von L’Aquila“. Und der ist am Montagmorgen um 3.32 Uhr einfach zusammengesackt. Ein paar Stunden noch hat sie unter den Trümmern gelegen, „dann habe ich mich selbst befreit, mit der Kraft der Verzweiflung. Mir ist nur mehr das geblieben, was ich am Leib trage“, sagt die Frau bitter und knöpft ihren Mantel auf. Darunter trägt sie einen grauen Schlafanzug.

Alle stehen sie an diesem Morgen um ihr Frühstück an. Tee gibt’s und warme Milch, Gebäck und Obst. Zeitungen gibt’s geschenkt, aber der Strom fehlt, „dabei müsste ich mein Handy aufladen, wir können nicht einmal mehr zwischen den Familienmitgliedern telefonieren“, klagt eine ältere Frau. Auf der Stirn trägt sie ein dickes, weißes Pflaster, ihr Kinn ist ein einziger blauer Fleck. „So kommt es halt, wenn man in der Panik allzu schnell aus dem fünften Stock runter will und zu viele Stufen auf einmal nimmt“, sagt sie. „Aber wir leben. Wir leben. Verstehen Sie?“

Mit der Organisation der Hilfe sind die meisten zufrieden. „Aber es hätte besser gehen können“, sagt ein Ingenieur, dessen rechtes Auge von einem Pflaster verklebt ist. „Zuerst war der falsche Treffpunkt für die Evakuierten angegeben, da sind viele falsch gelaufen. Da hat sich gezeigt, dass alle diese Notfallpläne am grünen Tisch entstanden sind. Reines Papier. Die hätten vorher mal üben sollen, die ganzen Aquilaner in eine große Katastrophensimulation einbeziehen, so wie sie es vor ein paar Jahren am Vesuv gemacht haben. Statistisch waren wir ohnehin dran mit einem großen Erdbeben. Da hätte man schon Vorsorge treffen können.“

Vor dem Wohnwagen des Zivilschutzes stehen Tische; lange Listen werden ausgefüllt. Vermisste? Nein, Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben und jetzt einen Platz im Bus buchen. An die 70 bis 100 Kilometer entfernte Adriaküste soll es gehen; Hotels haben ein paar Tausend Schlafplätze versprochen – zumindest bis Saisonbeginn –, außerdem haben viele Verwandte oder Freunde dort, bei denen sie einziehen können. „Das ist das Schöne in Italien“, sagt ein junger Mann: „Wir helfen uns gegenseitig.“

L’Aquila, die Hauptstadt der Abruzzen, ist an diesem Morgen eine Geisterstadt. Nur ein paar einsame Polizisten streifen durch die Gassen, aber ihnen ist auch nicht wohl bei der Sache. „Haben Sie gerade eben den Erdstoß gespürt?“, fragt ein grau Uniformierter von der Finanzwache. „Gestern ging das hier im Fünfminutentakt so, und heute morgen hatten wir schon wieder Beben mit der Stärke 4,8. Passen Sie nur auf!“

Die Straßen im Zentrum der 73 000-Einwohner-Stadt liegen voll mit Schutt und Staub. Zentnerschwere Gesimsteile sind zu Boden gestürzt, ganze Wände zusammengebrochen. Risse ziehen sich schräg durch die Fassaden. Abgerissene Dachrinnen schwanken sinnlos über die Gassen, zusammen mit ihren Kabeln sind Straßenlampen abgestürzt und sperren nun ganze Straßenzüge wirkungsvoller ab als jedes von der Polizei hingeknotete Verbotsband.

Es gibt kaum ein Gebäude, das nicht Schäden davongetragen hätte. Kein einziges kann im Augenblick bewohnt werden, auch wenn sich immer wieder Bewohner in ihre Häuser schleichen, um wenigstens ein kleines Reiseköfferchen mit dem Notwendigsten zu packen. Einer alten Frau stehen die Tränen in den Augen. Dann zeigt sie ihre Halskette mit dem goldenen Sonnenmedaillon. „Ich durfte ja nicht mehr in mein Haus. Aber dann kam ein Feuerwehrmann, der hat mir ein paar meiner Schmuckstücke aus dem ersten Stock geholt. Das bisschen Gold halt...“

Still ist es. Keiner spricht. Selbst da, wo die Bagger die ersten Häuser abtragen, hört sich alles an wie in Watte gepackt. Nur die Alarmanlagen der Banken wimmern. Keiner beachtet sie.

„Dieses Restaurant bleibt über die Osterfeiertage geöffnet“, verspricht eine Trattoria in der Nähe des Domplatzes. Der Zettel stammt aus den Tagen vor dem Beben. Heute haben alle Geschäfte geschlossen. Nur der Apotheker am Domplatz ist auf Posten geblieben. Er verkauft Verbände und Medikamente – mitten im Chaos. Voller Schotter und Staub liegt der Laden; Shampoos, Parfüm, Babynahrung und Hühneraugenpflaster, alles ist aus den Regalen gefallen. Aber seelenruhig berät der Apotheker seine Kunden weiter.

Vor dem Schutthaufen, der einmal ihr Haus war, sitzen drei Frauen auf improvisierten Bänken aus Ziegelsteinen. Ihre Augen sind mittlerweile leergeweint. Schwere, dunkle Ränder säumen sie. Und auf dem Schutthaufen schicken Hundeführer ihre Tiere hin und her. Einer schlägt an. Hat er unter den Trümmern einen Menschen gerochen? „Kann schon sein“, sagt ein Hundeführer am Rand. „Es kann genauso gut sein, dass da ein Kühlschrank aufgegangen ist und der Hund irgendwelches Fleisch riecht. Die Tiere sind ja, genauso wie wir, auch schon seit 30 Stunden pausenlos im Einsatz.“ Dann zeigt er auf den Haufen: „Dass da noch etwas Lebendes drin sein soll ...“ Und er zuckt die Schultern.

Massives Räumgerät fährt auf. Schwere Feuerwehrkräne fahren über Straßen, die dicke Risse zeigen und deren Randmauern in die Tiefe gestürzt sind. Bagger rücken an mit gigantischen Greifzangen, die geformt sind wie Kinnbacken von Dinosauriern. Mauer für Mauer werden sie einreißen. Zuerst aber das fünfstöckige Studentenwohnheim, das auseinandergebrochen und in Schieflage geraten ist – und vor dem sich in dichten Knäueln Fernsehteams aus aller Welt aufgebaut haben, um das Herausziehen der letzten Überlebenden oder der ersten Leichen live zu übertragen.

Hubschrauber kreisen pausenlos über der Stadt, und in den längst überfüllten Straßen zeigt Italien alles, was es an Ordnungs-, Rettungskräften und, überhaupt, an Blaulicht zu bieten hat: Staats-, Stadt- und Provinzpolizei, Gendarmerie, taubengraue Finanz- und tannengrüne Forstwache; Feuerwehr, Malteser, Rotes Kreuz, Zivilschutz, Waldbrandwache, Höhlenretter und Hundestaffeln. Im Notcamp auf dem Sportplatz sind so viele Freiwilligenverbände zum Frühstücksverteilen angerückt, dass fast mehr Uniformen als Bedürftige zu sehen sind.

Kilometerlange Hilfskonvois aus allen Teilen des Landes kämpfen sich um L’Aquila herum in die Bergdörfer vor, die vom Erdbeben mindestens genauso stark geschädigt worden sind wie die Provinzhauptstadt selbst. Das Innenministerium hat zivile Sattelschlepper in die Krisenpläne mit einbezogen. Alles transportieren sie an – von den großen Zelten bis zur Kleidung. Aber weil es so viele sind, kommen alle nur schrittweise vorwärts. Auf den engen Straßen staut sich die Hilfe stundenlang. Und an normalen Autoverkehr ist gar nicht zu denken.

Immerhin: Das erste der 26 betroffenen Dörfer ist am Dienstag um die Mittagszeit, 36 Stunden nach dem großen Beben, schon versorgt. „Alle untergebracht“ jubelt eine junge Frau vom Zivilschutz in Onna. Die Klos und die Waschmöglichkeiten fehlen zwar noch, aber das Militär hat olivgrüne Zelte aufgestellt. Viel gab es in Onna nicht zu tun. Nur gut 200 Leute lebten bisher dort, und ob die jemals zurückkehren, daran zweifelt eine ältere Frau am Dorfrand massiv: „Schauen Sie, alles ist kaputt. Alles. Jedes Haus.“

Dann zeigt sie die Häuser ihrer Schwäger und Schwägerinnen, ihrer Tanten, Kinder und Enkel. „Das ganze Dorf“, sagt sie, „alle waren wir miteinander verwandt“.

Alte Bauernhäuser sind es, die da eingestürzt sind, zweihundert, dreihundert Jahre alt, alle aus Bruchsteinen und Kalk gebaut; die Decken der Zimmer aus Ziegeln gewölbt. „Die sind für die Bewohner regelrecht zu Fallen geworden, die sind über ihren Betten zusammengestürzt“, sagt ein Helfer am Dorfrand. Onna besteht heute nur mehr aus Schutthaufen. 40 Tote sind allein hier zu beklagen, ein Prozentanteil wie sonst nirgendwo in den Abruzzen. Am Dienstagnachmittag wurden hier die Rettungsarbeiten eingestellt. Nichts mehr zu tun. Alles zu spät. „Wo sollen wir jetzt hin?“, fragt die Frau vor den Häusern all ihrer Verwandten, die jetzt nicht mehr leben. „Wo sollen wir nur hin?“

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