Zeitung Heute : Nach dem Napster-Urteil: Für Gnutella und Co. ist die Zeit gekommen

Rita Neubauer

"So ein Mist". Kim, ein 22-jähriger Jura-Student an der kalifornischen Elite-Universität Stanford, hält mit seiner Meinung über das Napster-Urteil nicht hinter dem Berg. Er findet es zutiefst schrecklich. Nachdem ein Berufungsgericht in San Francisco die umstrittene Musiktauschbörse zwar nicht aus dem Verkehr zog, ihr aber den Tausch von Copyright-geschützten Material verbot, ist Napster das Gesprächsthema auf dem Campus. Es werden vor allem zwei Fragen diskutiert: Wie lange wird es das Napster-Angebot in seiner derzeitigen Form noch geben? Und zweitens: Wo sonst finden die Kids im Web gute Musik, die nichts kostet?

Shawn Fanning, der jungdynamische Erfinder von Napster zeigte sich nach dem Urteil zwar kämpferisch und erklärte, dass er "alle juristischen Mittel" ausschöpfen will. Beobachter jedoch fürchten, dass der Gerichtsentscheid den Anfang vom Ende von Napsters Gratis-Musik markiert.

Das müssen auch die Millionen Anhänger geahnt haben, die in den vergangenen Tagen wie wild Musiktitel aus dem Internet herunterluden. Johnathan verbrachte zwei schlaflose Nächte und hatte Mühe in der Vorlesung die Augen aufzuhalten. Gemach, sagen Experten, die mehr als ein Dutzend Alternativen zu Napster kennen. Sie mögen zwar bislang weniger genutzt werden, doch wird Napster verboten, heißt das nicht, dass die 50-Millionen-Napsterfans in den nächsten Musikladen stürzen. Längst schon haben Programmierer eine P2P-Software entwickelt, die keinen zentralen Rechner mehr zum Musiktausch braucht. Jeder Surfer kann damit bei anderen Onlinern Musiktitel suchen und herunterladen. Umgekehrt kann jeder Musikfiles bereitstellen.

Gnutella ist ein solches dezentrales Tauschsystem und aus diesem Grund sehr attraktiv. Denn um hier den Tausch zu unterbinden, müsste das gesamte globale Netzwerk abgeschalten werden. Eine Entscheidung, die kein Gericht der Welt durchsetzen könnte. Das Problem von Gnutella war anfangs, dass es weit weniger benutzerfreundlich als Napster war. Es war nur für wenige Benutzer entwickelt. Eine zweite Generation von Klonen mit Namen BearShare und LimeWire löst inzwischen auch dieses Dilemma, und die Zahl der Gnutella-Nutzer ist am wachsen.

Die Nodes (Knoten) bei Gnutella haben sich seit Januar verdoppelt und nehmen angeblich täglich um sieben Prozent zu. "Rein technisch ist Gnutella die Zukunft", meint Gene Kan, ein Gnutella-Veteran und Autor einer der ersten Klone. Auch Aimster, das unter AOL-Nutzern File-Swapping - das Austauschen von Daten - erlaubt, sah in den vergangenen Tagen einen enormen Zulauf. Es wurde allein am Montag, am Tag des Gerichtsurteil, 25 000 mal heruntergeladen - zehnmal mehr als sonst üblich.

Dann ist da noch OpenNap, was für viele Kenner der Szene eine klare Alternative zu Napster darstellt. Es ist eine Opensource-Version von Napster, das genauso aussieht und auch so funktioniert. Und es gibt bereits zweimal soviele OpenNap-Server als Napster-Server, wenn auch bislang weit weniger Nutzer.

Für den einflussreichen britischen Newsletter NTK ist dagegen AudioGalaxy Satellite die "Zukunft von File-Swapping im MP3-Format". Es hat gegenüber Napster einen Vorteil: Das System merkt sich, welche Songs offeriert werden. Ist ein Titel nicht gleich verfügbar, dann wird er vorgemerkt, wenn er angeboten wird. Der Nachteil: Audio Galaxy ist noch zentralisierter, und damit noch angreifbarer als Napster - auch juristisch.

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