Zeitung Heute : Nach dem Postraub Robin Hood gespielt

Der Tagesspiegel

Der Posträuber kam als Monteur verkleidet und nahm sich drei Tage lang Zeit. „Guten Tag, ich muss die Alarmanlage überprüfen“, erklärte er und zeigte einen gefälschten Dienstausweis. In einer Mariendorfer Filiale ließ man ihn ohne Argwohn ein. Das erste Mal an einem Freitag, dann am folgenden Tag und schließlich vier Tage später. Günther R. wunderte sich. „Ich dachte, die müssen ja langsam überprüfen, ob ich wirklich der Monteur bin“, sagte er gestern vor dem Landgericht. Das Staunen ging für den 47-jährigen Posträuber weiter. „Ich habe nicht mit so einer Summe gerechnet.“ Es waren 740 000 Euro, die er am 16. Januar erbeutet hatte. Er habe sich gesagt: „Einen Teil davon kannst du abgeben.“ Günther R. will acht Gefrierbeutel genommen und ungezählt Scheine hineingesteckt haben. Er habe bei seiner Arbeit in der Behinderten- und Altenpflege „viele Missstände“ erlebt. Die habe er nun lindern wollen. Doch wen er beschenkte, wollte der Angeklagte nicht sagen. „Wo das Geld ist, bleibt es auch“, erklärte er.

Der „Robin Hood“ aus Neukölln ist ein Mann mit weißen, schulterlangen Haaren. Er ist für die Justiz kein unbeschriebenes Blatt. Der gelernte Schweißer wurde dreimal wegen schweren Raubes verurteilt und saß 16 Jahre im Gefängnis. Nun berichtete der Angeklagte im hellen Strickpullover über seine gemeinnützige Arbeit im sozialen Bereich. Er habe sich um die „Mobilität“ älterer Menschen gekümmert und sei mit Behinderten verreist. „Vielleicht liegt es an meinem Aussehen, dass in meiner Gegenwart immer wieder über Missstände gesprochen wurde“, sagte der Angeklagte. Er habe versucht, ein Unternehmen im pflegerischen Bereich zu gründen. „Dafür brauchte ich Geld.“ Dass er es rauben würde, habe etwa zwei Monate vor der Tat festgestanden.

Bei seinem dritten „Besuch“ in dem Postamt am Mariendofer Damm habe er den Tresor gesehen, der einen Spalt offen gewesen sei. „Die Angestellte ging zielstrebig darauf zu, ich hinterher“, sagte R. Er habe seine Pistole gezogen, die Frau und einen weiteren Post-Mitarbeiter „provisorisch“ gefesselt und den Tresor ausgeräumt. In den nächsten Tagen habe er immer gedacht: „Du hast etwas vergessen.“ Da lag Günther R. ganz richtig. Er hatte in der Post einen Elektroapparat gezeigt, der einem Messgerät täuschend ähnlich sah. Die Ermittler fanden schnell heraus, dass es sich bei dem Apparat um ein medizinisches Gerät handelt, dass direkt beim Hersteller bestellt werden muss.

Eine Woche nach dem Raub wurde Günther R. gefasst. Er saß in einem VW Passat, ein altes Polizeifahrzeug, das er einen Tag zuvor gekauft hatte. Einen Großteil der Beute konnte die Polizei in der Wohnung einer Bekannten von R. sicherstellen. Doch 283 470 Euro fehlen bis heute. Der anonyme Wohltäter erklärte den Richtern: „Ich will nicht, dass jemand meinetwegen Schwierigkeiten bekommt.“ Kerstin Gehrke

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