Zeitung Heute : Nach dem Untergang geht’s weiter

Es gibt wieder Jobs in den Neuen Medien. Doch die Bewerber müssen hoch qualifiziert sein

Alexander Visser

Wahrscheinlich konnten die beiden schon in der Schule nicht ruhig sitzen. Vor der Kamera jedenfalls müssen sie Quatsch machen, sie spielen an dem aufblasbaren Riesenhandy herum. Aber Quatsch machen gehört ja auch zu ihrem Job. Jeffrey Ebert, 24, und Steffen Möller, 25, produzieren Handy-Klingeltöne für den Berliner Marktführer Jamba. Die so genannten Fun Sounds sind mal nervige, mal witzige, stets sinnfreie Sprüche oder Geräusche vom „Rülpser“ bis zum „Orgasmus in Bayern“. 1,99 Euro kostet der jugendfrei gejodelte Höhepunkt beim Download aus dem Internet.

Fun Sounds gehören spätestens seit vergangenem Jahr zum guten Ton der Handy-Generation und konkurrieren mit polyphonen Klängen, Logos und Spielen um Speicherplatz auf dem Handy. Jamba hat das einen Boom beschert. Vor fünf Jahren ging es mit 20 Mitarbeitern los, nun drängen sich 480 meist junge Leute in den ehemaligen Fabriketagen am Kreuzberger Spreeufer. Dieses Wachstum ist einmalig, doch auch andere Neue-Medien-Firmen stellen wieder ein.

Erstmals seit dem Crash des Neuen Marktes im Jahr 2000 rechnet der Branchenverband Bitkom, der die Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien vertritt, für das laufende Jahr mit einer Erholung auf dem Arbeitsmarkt. Der Verband erwartet, das 10000 neue Stellen geschaffen werden. Einer Bitkom-Umfrage zufolge wollen 43 Prozent der Arbeitgeber 2005 zusätzliche Mitarbeiter einstellen, nur 15 Prozent rechnen mit dem Abbau von Arbeitsplätzen. Sogar auf dem schwierigen Berliner Arbeitsmarkt gibt es zarte Anzeichen für eine Entspannung. Doch die Einstellungsbedingungen haben sich im Vergleich zu früher grundlegend gewandelt.

„Eines Tages kam ich in die Firma und ein junger Mann fragt mich: ’Was kann ich für Sie tun?’“, erinnert sich Bernd Kolb. „Da sage ich: ’Was kann ich für Sie tun? Ich bin Ihr Chef.’“ Das war im Jahr 2000. Bernd Kolbs Berliner Multimedia-Agentur I-D Media war gerade an die Börse gegangen. Die Mitarbeiterzahl stieg von 220 auf 550. Es wurde so schnell eingestellt, dass nicht nur der Chef nicht mehr jeden Mitarbeiter kannte. Es kannte nicht mal jeder Mitarbeiter den Chef.

Heute kann es sich Bernd Kolb wieder leisten, bei jedem Einstellungsgespräch dabei zu sein. Immerhin gibt es wieder welche. Nach dem Crash der New Economy schrumpfte die Berliner Belegschaft auf unter 100 Mitarbeiter. Jetzt sind es wieder 120. „Wir bauen unser Team jetzt wieder gezielt mit hoch qualifizierten Leute aus“, sagt Kolb. Wegen Personalknappheit musste er früher Leute mit geringen HTML-Kenntnissen in sein Team holen. Jetzt kann er zwischen hunderten Bewerbern mit Fachstudium und Berufserfahrung wählen. Zum Teil werden Informatiker, Marketing-Experten oder Kreative eingestellt, die zuvor bereits als freie Mitarbeiter für I-D Media tätig waren. „In dieser Hinsicht ist Berlin der ideale Standort, weil es eine sehr vitale Freelancer-Szene gibt.“

Nicht jeder ist freiwillig Freiberufler, viele verloren im Crash ihren Job. In der Hauptstadt hatten sich vor allem kleine Start-ups gegründet, die außer gut klingenden Ideen kaum Startkapital hatten. Als die Krise kam, hatten Firmen mit so kuriosen Namen wie „brainjunction“ oder „virtual heaven“ keine Chance mehr. „Durch das Überangebot an Freien ist die Bezahlung unterirdisch“, sagt Katja Karger. Die frühere Betriebsratsvorsitzende der Agentur Pixelpark arbeitet heute für connexx.av, eine Organisation der Gewerkschaft Verdi für Beschäftigte in den Neuen Medien. Auch Mitarbeiter in Festanstellung hätten nicht immer faire Bedingungen, warnt Karger. „Wer eine Anstellung anstrebt, sollte sich gerade in schnell wachsenden Firmen ganz genau Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Vertragsbedingungen ansehen.“

Bei Jamba sieht es fast so aus wie in den Start-ups der Boomzeit, nur der notorische Kicker fehlt. Dicht an dicht sitzen junge Menschen hinter ihren Bildschirmen, tüfteln elektronische Klänge aus oder überprüfen dumme Sprüche auf ihre Tauglichkeit als Rufton. Jeffrey Möller leitet die Fun-Sound-Produktion. „Viele Kollegen sind Quereinsteiger aus der Musikszene“, sagt er. Doch bei Neueinstellungen setzt er heute auf eine solide Ausbildung, zum Beispiel als Medien-, Bild- und Tondesigner. Dabei hat Jeffrey Möller selbst einmal als Quereinsteiger angefangen.

Neben Agenturen wie I-D Media oder Pixelpark haben auch andere Berliner Firmen den Crash des Neuen Marktes überlebt. Sie haben hohe Anforderungen an Bewerber: Eine Ausbildung reicht meistens nicht, gesucht werden Mitarbeiter die mehrere Qualifikationen kombinieren. So suchen die Breitband-Experten der Teles Group Vertriebsprofis mit technischem Hintergrund. Die PSI AG sucht für die Software-Entwicklung Ingenieure, die auch programmieren können. „Wir stellen aber nur sehr vorsichtig ein. Es wäre übertrieben, von einem neuen Aufschwung zu sprechen“, sagt PSI-Sprecher Karsten Pierschke. Auch der Ton in der Branche ist verhaltener geworden.

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