Nach dem Zyklon ''Nargis'' : Birma: Leben nach dem Tod

Im Wasser treiben aufgedunsene Körper. Die Menschen können tote Angehörige nicht bestatten, sie sind damit beschäftigt, selbst zu überleben. Noch immer lässt Birmas Militärregierung keine ausländischen Helfer ins Land. Die Menschen müssen so sehen, wo sie bleiben.

Richard Licht[Rangun]
Birma
Aufräumarbeiten. Überlebende versuchen, in ihr altes Leben zurückzukehren. -Foto: dpa

Sie schwimmen im Wasser, aufgedunsen, der Geruch muss jetzt unerträglich sein in der feuchten Hitze dort, wo er in der vergangenen Woche fast jeden Tag verbracht hat. Niemand weiß, wie viele es sind. Woher also sollte er es wissen?

Er war im Irrawaddy-Delta, in dem der Zyklon Nargis Tod und Verwüstung hinterlassen hat, als der vor gut einer Woche über Birma kam. Der Mann sagt: „Sie haben aufgehört, die Toten zu zählen. Es sind 100 000, vielleicht sogar mehr.“ Und diejenigen, die ihre Männer oder Frauen, Eltern oder Kinder, die Familien oder Freunde verloren haben, haben nun keine Zeit, sich um ihre Toten zu kümmern. Sie würden sie gerne beerdigen, wie es in diesem Land guter Brauch ist. Aber sie haben jetzt sehr damit zu tun, selbst am Leben zu bleiben.

„Sie suchen nach Essen und einer Unterkunft“, sagt der Mann. Er kann in dieser Geschichte keinen Namen haben, nicht seinen tatsächlichen, und auch sonst soll nichts, was ihn identifizierbar machte, in die Öffentlichkeit gelangen. Es wäre gefährlich für ihn.

Die Zustände hier sind derzeit erbärmlich. Er will helfen. Es ist sein Land. So denkt er, so denken viele. Das Regime war bisher keine große Hilfe, ausländische Helfer durften nicht einreisen. Die Menschen versuchen, die Hilfe selbst in die Hand zu nehmen. Es ist mühsam. Das Regime schottet Birma noch immer ab. Nichts soll unkontrolliert das Land verlassen oder hineindrängen. Der Zugang zum Irrawaddy-Delta ist reglementiert, Ausländer sind dort unerwünscht.

Der Mann sagt: „Die, die überlebt haben, geben den Flüchtlingen alles, was sie können: Reis, Kleidung.“ Aber es sind zu viele, die Vieles brauchen. Rund 30 000, schätzt der Mann, haben sich in Flüchtlingscamps retten können, die etwa 20 Kilometer landeinwärts liegen. Aber es hört nicht auf, es kommen immer mehr. Wer es bis ins Camp geschafft hat, ist immerhin sicher.

„Viele, die noch im Delta sind, haben nicht einmal mehr etwas anzuziehen. Sie sind komplett nackt.“ Die Erschütterung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er war in Bogola, er war in Labuta. Vor Labuta gibt es eine Insel, rund um die Insel: überall Tote, im Wasser, am Ufer.

Der Mann zeigt Fotos. Aus dem Wasser ragt nur noch eine goldene Kuppel. Die Pagode hat den Sturm und die Welle überstanden. Sechseinhalb Meter sollen es hier gewesen sein. Die Häuser: alle weg.

Im Nachbarort haben zehn Familien überlebt. Ihre Rettung ist ein blauweißer Fischtrawler, auf den sie sich flüchten konnten. Ihre Häuser: weg.

Entstellte Leiber, die im Wasser treiben. Das Gesicht schwarz.

Er, der Mann, hat Hubschrauber der Regierung gesehen, die Nahrungsmittel abgeworfen haben. „Aber sie haben wohl nur wenige Helikopter.“

Der Mann sagt: „Essen, Wasser und Unterkunft, das schaffen wir hier im Land selbst. Aber wir brauchen erfahrene Freiwillige“, die den Menschen helfen können, zu überleben. „Sie haben kein Heim, keine Hoffnung.“

Die überschwemmten Felder im Delta, einer der Kornkammern des Landes und der verlorene Mut sind nur ein Teil des Problems. Der andere ist die Militärregierung. „Die Camps“, sagt der Mann, „müssen wie Flüchtlingslager geführt werden, nicht wie Konzentrationslager.“ Es ist eine Kritik an der Junta, die sich an ihre Macht klammert und am liebsten jede Einmischung aus dem Ausland unterbinden würde. Der Mann steht mit dieser Ansicht nicht alleine da. Viele in Birma denken wie er. Ein Ausländer, der schon lange im Land lebt, sagt: „Alle schimpfen, dass es so langsam geht. Aber es ist dieses System. Jeder fürchtet den Nächsthöheren. Und so lange die Nummer eins nichts gesagt hat, traut sich keiner, auch nur ein Boot ins Land zu lassen.“

Großbritannien hat ein Kriegsschiff der Marine zum Hilfseinsatz nach Birma geschickt. Das Schiff HMS Westminster sei unterwegs, sagte Premierminister Gordon Brown, der den Umgang der Behörden mit internationalen Hilfsorganisationen „vollkommen inakzeptabel“ nennt. Außerdem trafen am gestrigen Montag mehrere Flugzeuge mit dringend benötigten Hilfsgütern in der Hafenstadt Rangun ein. Es ist viel zu wenig. Hilfsorganisationen warnen vor großer Seuchengefahr. In den nächsten Wochen würden mehr Menschen sterben als insgesamt beim Tsunami vor gut vier Jahren, sagen sie. „Normalerweise läuft die Hilfe in einer Situation wie dieser nach drei, vier Tagen auf Hochtouren“, sagt Terje Skavdal vom UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten in Bangkok. Normalerweise.

Die Militärjunta Birmas lässt nur wenige Hilfsflüge ins Land, und sie akzeptiert fast nur Lieferungen, die dem birmanischen Militär zur Verteilung übergeben werden.

Der Mann, der schon lange in Birma lebt, liebt das Land. Inzwischen ist es auch seines. Aber jene, die es führen, sind ihm fremd geblieben. Es gibt solche, die sagen: der Mann an der Spitze sei eben verrückt. Er gehört nicht dazu. Er sagt: „Man muss ziemlich clever sein, um so ein Land zu führen.“

Im täglichen Leben versuchen die Leute, klar zu kommen, nicht über ihn zu reden. Und über die 300 bis 400 Untergebenen, die die Schätze des Landes unter sich aufteilen. Es sieht nicht danach aus, als hätten sie vor, etwas zu ändern. Am Wochenende haben die Generäle trotz der Katastrophe in den meisten Regionen des Landes über eine neue Verfassung abstimmen lassen, die ihnen weiterhin einen guten Teil der Macht sichert. Es war ihr wichtigstes politisches Vorhaben. Sie haben Bilder im Staatssender MRTV gezeigt. Sie haben die Stimmen ausgezählt, zumindest teilweise öffentlich. Weil sie sich so sicher sein konnten, dass es in ihrem Sinne ausgeht?

Es hieß, das Ergebnis bleibe noch unter Verschluss. In den Gebieten, die am schlimmsten betroffen sind, soll am 24. Mai gewählt werden. Die Frage ist, ob es dabei bleibt.

Vielleicht wird die Regierung es sich anders überlegen, wenn sie meint, es gebe bereits genügend Stimmen in ihrem Sinn und der Rest würde nicht mehr viel ändern? Könnte das sie dazu bewegen, endlich die dringend benötigte Hilfe, vor allem die Helfer, ungehindert ins Land zu lassen, die seit Tagen vergeblich auf Visa warten?

Geht man durch die Hauptstadt Rangun, dann kann man sich wundern, was die Menschen, weitestgehend ohne geeignetes Werkzeug und ohne ausländische Helfer geschafft haben. Die Straßen sind gut passierbar. Sie haben es mit oder trotz Armee geschafft, je nach Sichtweise.

Immer wieder waren und sind diese Bilder zu sehen: ein riesiger umgestürzter Baum, 30 Soldaten drumrum. Auf einem Laster fasst ein gutes Dutzend Mann an, um ein paar Äste auf die Ladefläche zu hieven, dann setzen sie sich auf das Führerhaus und gucken den Kameraden zu. Jemand versucht, den Baum mit einer Machete kleinzubekommen, legt sie gleich wieder zur Seite. Einer wirft kurz eine der Motorsägen an, von denen nur wenige im Einsatz sind. Fünf Mann fegen. Die meisten Soldaten sehen zu. Mittendrin steht ihr Chef mit allerlei Dekor vor der stolzen Brust. Auch er sieht zu. Befehle gibt er keine. Er muss zufrieden sein.

Denen, die im Delta ausharren, bleibt nur das Warten. Im Moment pinkeln und scheißen sie in vielen Orten irgendwo hin. Niemand mag das. Aber es gibt auch keine Klos mehr. Das und die verwesenden Leichen sind einige der Gründe, warum die Hilfsorganisationen den Ausbruch von Seuchen befürchten.

Der Mann aus dem Delta hat noch etwas, das er zeigen will. Ein Video. Es ist aus der Gegend von Labuta.

Es regnet ziemlich heftig. Noch lachen die Menschen auf der Straße. Der Regen wird stärker, Menschen rennen, der Wind zerrt an Dächern, rollt eins auf wie eine Sardinendose. Am nächsten Morgen ist die Stadt nicht wiederzuerkennen. Strommasten liegen wie kleingefaltete Eiffeltürme über Häusern und Straßen. Je weiter der Filmer in die Außenbezirke kommt, desto größer die Schäden. Dort sind die Häuser leichter gebaut. Raus auf die Felder, gespenstisch bläst der Wind, alles steht unter Wasser. Dann tragen sie die ersten Toten vorbei.

In einem Tempel Überlebende. Eine alte Frau, die Gläser ihrer Brille sind trübe, neben ihr offenbar die Tochter. Sie reden gleichzeitig: „Unser Dorf hatte 300 Häuser. 100 Leute haben überlebt.“ Sie sitzen auf dem Boden, gestikulieren. Nicht eine Träne ist zu sehen. Nirgends.

Trotz alledem gibt es noch ein anderes Birma. Ein Leben wie vor dem Zyklon geplant. Für viele Menschen beginnt ein neues Leben. In den Hotels in Rangun haben am Wochenende junge Paare geheiratet, im Schichtbetrieb gewissermaßen.

Wunderschöne Menschen, Bräute wie Gäste. Die Damen in raschelnden Seidengewändern, Kostüm und Schal im gleichen Farbton, ab und an ein diamantbesetztes Smaragdcollier. Männer in Seide. Junge Mädchen, modern, in Caprihosen und im glitzerndem Guess-Shirt. Vor der Tür stapeln sich Geschenkpakete, die mehrstöckige Hochzeitstorte steht vor dem Eingang mit wehenden Stoffbahnen.

Und in den Restaurants gibt es für die, die es sich leisten können, Menüs. Auch das ist Rangun in diesen Tagen.

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