Nach der Abstimmung im Unterhaus : Der Brexit und die Wege ins Ungewisse

Nicht nur in London schwanken viele zwischen Angst und Hoffnung. Am Tag der Abstimmung ist nur klar: Die Schlacht ist noch nicht beendet.

Maria Hering
Brexit-Gegner mit Schild und Fahne vor einer Statue von Winston Churchill
Brexit-Gegner mit Schild und Fahne vor einer Statue von Winston ChurchillFoto: dpa/Xinhua

Nur eines ist am Tag der Brexit-Abstimmung klar: Das Chaos ist noch lange nicht zu Ende. Menschen in London und anderswo schwanken zwischen Sorge und Hoffnung. Unsere Reporter haben mit einigen von ihnen gesprochen.

London, England, Parliament Square

Wenn Engländer sich auf der Straße in ihre Fahne wickeln, dann ist es ihnen ernst. Vielleicht steht dann eine royale Hochzeit an. Oder ein Thronfolger wird geboren. Aber dies ist der Londoner Parliament Square an einem unentschieden nieselnden Dienstag, an dessen Abend das Unterhaus über Theresa Mays Brexit-Plan entscheidet.

Es sei die größte Krise Großbritanniens seit dem Zweiten Weltkrieg, heißt es. Theresa May riet vorsichtshalber, sich bei der Entscheidung nach den Historikern zu richten, die in Zukunft die Geschichtsbücher schreiben werden. Die schwangere Labour-Abgeordnete Tulip Siddiq verschob ihren Kaiserschnitttermin gegen den Rat der Ärzte, um – am Abend im Rollstuhl ins Parlament kommend – gegen Mays Deal stimmen zu können. Es sei ihre Verpflichtung, ihrem ungeborenen Sohn die bestmögliche Zukunft zu hinterlassen, die für ihn nun halt zwei Tage später beginne. Das stoische England ist außer sich.

Vor dem Parlament artikuliert sich noch einmal jede Meinung einzeln. EU-Freunde und -Feinde haben jeweils Busse und Leuchttafeln geordert, die mit ihren Slogans am Parlament vorbeifahren, am nächsten Kreisverkehr umdrehen und wiederkommen. Genauso wie in dieser Debatte das gleiche Argument einmal von rechts und einmal von links kommt. „Get back control“, riefen anfangs die EU-Gegner, die Brüssel das Zepter aus der Hand nehmen wollten. „Get back control“, ruft jetzt die Opposition, die der Regierung die Kontrolle über den chaotischen Brexit-Prozessentziehen will. Ein außerirdischer Besucher müsste sofort schließen, dass niemand mehr diese Kontrolle hat.

Belinda Canborne steht in einer Gruppe von Brexit-Fans. Sie hat auf persönliche Empfehlung von Nigel Farage EU-Recht studiert und beim Referendum „leave“ gestimmt. Seitdem sei das Anliegen für sie nur noch dringlicher geworden. Es gehe ihr jetzt, inzwischen 42 Jahre alt, nicht mehr nur um den Brexit, sondern darum, ob sie noch in einer Demokratie lebe. Der Wille des Volkes sei schließlich klar ausgedrückt, sagt sie. Aber jetzt werde es betrogen und belogen von der Regierung, die keineswegs dafür sorge, dass Großbritannien die Kontrolle über die eigene Gerichtsbarkeit zurückerhalte, über das eigene Geld, die eigenen Grenzen.
Was kann man tun? Für den Moment ist die Antwort einfach, sie steht auf dem Schild, das Canborne in den Verkehr hält: „We voted leave – just hoot“. Einfach hupen.

Die EU-Freunde sind dagegen überzeugt: Den besten Deal gibt es schon. Es ist die EU-Mitgliedschaft. Großbritannien habe da nämlich Mitbestimmung und die Taschen voller Extrawürste. Seit dem Referendum 2016 ist deshalb Philip Le Moine, ein Anwalt, der am nahen St. James Park arbeitet, so gut wie jede Mittagspause hergekommen, um eine Weile eine EU-Flagge in den Verkehrsstrom zu halten: „Wir brauchen die EU.“ Le Moine ist in keiner Partei, in keiner Protestbewegung. Das hier sei einfach „eine Gelegenheit der freien Meinungsäußerung“.

Vor den Houses of Parliament versammelten sich am Dienstag auch viele Befürworter eines Verbleibs in der EU.
Vor den Houses of Parliament versammelten sich am Dienstag auch viele Befürworter eines Verbleibs in der EU.Foto: Paul Ellis/AFP

Furnace, Schottland, Alistair Sinclair, Fischer

700 Kilometer nordwestlich, an Schottlands Atlantikküste, steht Alistair Sinclair in seinem Wohnzimmer und sagt, er denke darüber nach, was für ein Auto er sich in diesem Jahr anschaffen werde. „Es wird wohl ein japanisches“, sagt er. Vor der Tür steht sein silberner Audi mit 23 000 Meilen auf dem Tacho, es ist Sinclairs dritter, alle zwei, drei Jahre kaufte er sich bislang einen neuen. Dass damit nun Schluss sein soll, erklärt Sinclair mit seiner Enttäuschung über EU-Europa und mit Einkommenseinbußen, die er nach einem Brexit erwartet. Er sagt: "Wir Schotten werden für etwas bestraft, das wir gar nicht wollten.“ Schottland hat beim Referendum mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt, und die EU habe die Schotten nie dafür belohnt, sie nie ermutigt, gegenüber London lauter zu werden und ihre EU-Verbleibsinteressen durchzusetzen. Von einem De-facto-Verbleib Schottlands in der Union ganz zu schweigen.

Sinclair ist Hummerfischer, wenn er aus dem Wohnzimmerfenster schaut, sieht er den Loch Fyne und sein Boot, das in den Wellen schaukelt. Er ist der „Nationale Koordinator“ der Scottish Creel Fishermen’s Federation, eines Interessenverbands kleiner Fischereibetriebe wie seinem, die Krebstiere fangen. Die Fischer leben vom Export der Tiere, und entscheidend dabei ist, dass beispielsweise die Hummer lebend in den Restaurants von Festland-Europa ankommen. Bislang erreichen sie den Kontinent am Morgen nach dem Tag, an dem sie aus dem Meer geholt worden sind. Wenn am Eurotunnel und auf den Fährverbindungen von Dover künftig Zollkontrollen eingeführt werden, werde das kaum noch gelingen, sagt Sinclair. Er sagt auch: „Ich denke nicht, dass heute Abend die Schlacht zu Ende ist.“ Er hofft, dass sich nach der Entscheidung gegen den Deal „eine Tür zu neuen Möglichkeiten öffnet“. Er hofft, „dass wir ein neues Referendum haben werden“..

Selsey, England, Tony Delahunty, Fischer

Sinclairs Kollege Tony Delahunty hofft das nicht, sagt er. Er lebt an der entgegengesetzten Küste Großbritanniens, im Süden Englands bei Portsmouth. „Jede Entscheidung, die unsere Fischereiindustrie aus dem EU-System herausholt, ist für uns eine gute Entscheidung“, sagt er. Das könne ein Deal-Brexit mit anschließenden Verhandlungen darüber sein, oder eben ein Brexit ohne Deal. „Das wäre nicht das Beste, aber für uns wäre es gut.“

Die „Gemeinsame Fischereipolitik“ der EU ist für die Briten schlecht. Französische Fischer zum Beispiel dürfen derzeit zehn Mal so viel Kabeljau aus dem Ärmelkanal holen wie die Briten. Deutschlands Hochseefischer erwirtschaften in britischen Gewässern 67 Prozent ihrer Erlöse. Französische Fischer, Niederländer, Belgier, Iren und Deutsche dürfen sich der britischen Küste bis auf sechs Seemeilen nähern. Sollten Tony Delahunty und seine Kollegen dies auf der gegenüberliegenden Ärmelkanalseite versuchen, gäbe es Ärger. Zwölf Meilen vor Frankreich ist für sie Schluss.

Berlin, Deutschland, Kit Turner, Exil-Brite

Seinen Sport ausfallen lassen, um Dienstagabend die Abstimmung im Fernsehen anzuschauen? Darauf hat Kit Turner keine Lust. Sein Handy nimmt er aber mit. Turner ist der Chefcoach des Berlin Irish Football Club, 29 Jahre alt und lebt in Deutschland. Er arbeitet als Gepäckermittler für die Lufthansa. Vom Abkommen, das EU und Briten ausgehandelt haben, hält er nichts. Der Deal sei ein Betrug, sagt Turner, sowohl für die Hardliner in der Austrittsfrage als auch für Menschen wie ihn, die keinen Brexit wollten. Egal, was auf Europa und Großbritannien nun zukommt: Kit Turner hat Vorsorge getroffen. Er hat sich in Berlin als Brite registrieren lassen, um vorsorglich einen Aufenthaltstitel zu erhalten. Später will er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen – „ich bin seit sechs Jahren hier, wohne und arbeite in Deutschland mit Deutschen.“ Aber eigentlich, sagt Kit Turner, fühle er sich als Europäer.

Grafik: Tsp/Böttcher

Frankreich, Straßburg,
Elmar Brok, EU-Parlamentarier

Für Elmar Brok, Brexit-Beauftragter des Europaparlaments, fängt der Tag mit einer Überraschung an. Abgeordnetenkollegen machen ihn auf ein Zeitungsinterview aufmerksam, in dem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker die CDU auffordert, den 72-jährigen Brok doch wieder auf einem aussichtsreichen Listenplatz in den Europawahlkampf zu schicken: Ein Europaparlament ohne Brok sei für ihn „unvorstellbar“.

Am Nachmittag steht für Brok ein Gespräch mit dem Chefunterhändler der EU für den Brexit, Michel Barnier, unter vier Augen an: „Es geht darum, wie wir von EU-Seite auf die Entscheidung im britischen Parlament reagieren werden.“ Über den Ausgang der Abstimmung macht sich Brok keine Illusionen: Er glaubt an eine Niederlage für May – und behält am Abend Recht. Und was ist der nächste Schritt der EU? „Wir werden das Verfahren fortsetzen, einen Aufschub des Austritts gibt es nur, wenn in Großbritannien Neuwahlen oder ein neues Referendum anstehen.“

Berlin, Deutschland, Alexander Dobrindt,
CSU-Landesgruppenchef
Mit der Londoner „Sun“ muss sich normalerweise nur Downing Street 10 herumärgern. Aber heute reicht die Gerüchteschleuder des Revolverblatts bis nach Berlin. Angela Merkel habe der Kollegin May zugesichert, stand dort sinngemäß zu lesen, dass sie getrost ihre Abstimmung verlieren könne – die Kanzlerin wolle die EU danach zu weiteren Zugeständnissen bewegen. Das Dementi aus Berlin folgt prompt. Ein Telefonat der beiden sei falsch wiedergegeben, heißt es diplomatisch. Im Klartext: Für wie blöde halten die uns, dass wir uns bei offener Sabotage des EU-Kurses ertappen lassen?

Trotzdem steckt in der Geschichte eine kleine innere Wahrheit. Am Vormittag sitzt Alexander Dobrindt vor seinem wöchentlichen Journalistenstammtisch. Anders als im Flüchtlingsstreit ist der Chef der CSU-Landesgruppe in Sachen Brexit nur eine Randfigur. Das lässt ihm ein Stück Narrenfreiheit, Dinge auszusprechen, die andere sich höchstens denken. „Ein No-Deal-Brexit wäre für uns die schwierigste Situation“, sagt Dobrindt. Wenn Mays Abkommen durchfalle, müsse man „auch aufseiten der Europäischen Union reagieren“. Also sich genau anschauen: „Wo kann man auch den Engländern Angebote machen?“ Konkreter will er nicht werden. Aber die Bayern jedenfalls wären sicher bereit, höhere politische Preise zu zahlen, schon allein um BMW seine vier Standorte auf den Britischen Inseln zu retten.


Berlin, Deutschland, Jody Gannon, Exil-Ire
Eine spezielle Beobachtung über die Rolle der Iren im Brexit-Drama hat Jody Gannon gemacht: „Es scheint, dass die Mehrheit der Iren auf der Insel dem Brexit wohl kritischer gegenübersteht als die meisten Iren im Ausland“, sagt er. Gannon ist ein Berliner aus Dublin, Eigentümer der Trickfilmfirma The Big B Animation aus Berlin-Mitte und Sprecher des Unternehmerverbandes Irish Business Network. Eine gefühlte Mehrheit seiner Mitglieder, allesamt Iren im Ausland, sei zwar gegen den Brexit, „viele stehen dem Thema aber wohl offener gegenüber. Sie sehen vielleicht auch die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.“

Vielleicht ist der Brexit eine Chance für die Republik Irland. Denn wer Geschäfte auf den britischen Inseln machen will, könnte womöglich von Großbritannien nach Irland ausweichen. Der Standort Irland werde interessanter. „Außerdem denken einige, dass die EU endlich auch mal einen Schuss vor den Bug braucht. Es muss Reformen geben.“ Gannon selbst nennt sich einen „überzeugten Europäer“.

London, England, Alex Sobel, Labour-Abgeordneter
„Absolut nicht“, antwortet Alex Sobel, wenn man ihn am Dienstag fragt, ob er am Abend für den Brexit-Deal der Premierministerin stimmen wolle. Man erreicht den 43-jährigen Labour-Abgeordneten vor der Abstimmung in seinem Büro in Westminster, wo er den Wahlkreis Leeds North West im Unterhaus vertritt. Sobel stellte sich 2017 als Remainer in der nordenglischen Stadt zur Wahl.

Er lehne Theresa Mays Deal ab, weil darin nicht garantiert sei, was nach der Übergangszeit mit Großbritannien passiere. Dass auch viele Brexit-Unterstützer sich darüber uneinig sind, wie genau das Land die EU verlassen wolle, sieht er schon im Referendum von 2016 begründet. „Die Remainer haben für eine Sache gestimmt: die Mitgliedschaft in der EU. Die Gründe der Leave-Wählerschaft sind wie ein Mosaik. Manche hatten realistische Motive, manche emotionale“, sagt er. Es sei von Anfang an nicht klar gewesen, was Brexit eigentlich bedeute.

Im November 2018 schrieb Sobel einen Brief an Donald Tusk. Er bat den Präsidenten des Europäischen Rats klarzustellen, ob Großbritannien, sollte es sich dafür entscheiden, auch nach Ablauf des 29. März 2019 zu denselben Bedingungen wie im Moment in der EU bleiben könnte, ohne sich neu dafür bewerben zu müssen. Tusk habe nicht geantwortet.

London, England, Jesus-Fan
Vor den Pressezelten am Parlament wirbt ein Mann für Jesus und die Bibel. Er steht auf einem Schemel, Bibel in der Hand, und ruft, dass Gott die Unabhängigkeit des Landes will.

„Steht irgendetwas über Großbritannien in der Bibel?“, fordert ihn ein Passant heraus, das Mittagssandwich in der Hand. Wütend.

„Nein.“

„Warum tun Sie das dann?“

„Weil ich England liebe.“

„Das tue ich auch. Aber das Gesetz Gottes gilt für alle, nicht nur für England.“

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„Ich mag keine Aggression“, sagt er und tritt von seinem Schemel ab.

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