Nach der Erdbebenkatastrophe : Haitis Heilung

„Das ist hier total unorganisiert“, schimpft ein Prothesenspezialist. Viele Organisationen sind auf der Erdbebeninsel und wollen helfen – denen, die mit zerquetschten Armen und Beinen überlebten. Damit sie weiterleben können.

Marie Julie Guerrier-Dumé ist seit dem Beben im Krankenhaus.
Marie Julie Guerrier-Dumé ist seit dem Beben im Krankenhaus.Foto: Jens Großmann

Draußen brennt die Mittagssonne auf den Beton, drinnen steht die Luft. Zehn Frauen liegen im Damenzelt des Hopital Espoir in Port-au-Prince eng an eng auf Feldbetten. Manche sind zurechtgemacht, als wollten sie ausgehen. Sie stylen sich jeden Tag, ein nicht zu unterschätzender Teil des Überlebenswillens in all dem Chaos in Haiti nach dem Beben ist das. Einer jungen Frau verlängert die Freundin gerade die ungezählten Zöpfchen, sie hört auch nicht auf, als der Arzt zur Visite kommt. Auf dem Bett gegenüber liegt Marie Julie Guerrier-Dumé im fein geblümten Sommerkleid, die Nägel rosa lackiert.

Der Arzt setzt sich zu ihr, zu ihrem Plüschhasen und ihrer Bibel, die unter dem Kopfkissen hervorguckt. Marie Julie – sie nennen sich hier alle beim Vornamen – schaut den Mann mit den verschwitzten schwarzen Locken und den müden Augen aufmerksam an – ein Blick wie eine große Bitte. Sie will vorankommen. „Ich bin froh, du machst deine Übungen sehr gut“, sagt Rainer Berendes, der Arzt aus Bayern, der seit vier Wochen für die Hilfsorganisation Humedica in Haiti ist. Die junge Frau verzieht das Gesicht. Ihr Bein tut weh, und über das, was von ihrem Arm übrig geblieben ist, hat sie ein grünes Handtuch geworfen.

„Du musst Geduld haben. Du hattest schon viel Geduld, die brauchst du auch weiter. Du musst laufen üben“, sagt der Arzt der Endzwanzigerin. Er weiß, dass er viel verlangt, denn Marie Julie hat schlimme Schmerzen. Kontrakturen vom langen Liegen. Durch die Quetschungen haben sich die Nerven ineinander verdreht, das bedeutet oft heftige Phantomschmerzen, noch dazu bei dem drückenden Wetter in der Regenzeit, wo die Luft auf der Haut liegt wie ein Handtuch, das man auswringen möchte.

Seit fünf Monaten ist sie nun schon im Krankenhaus, kurz nach dem 12. Januar, als ein Erdbeben der Stärke 7,3 Haiti erschütterte, fast 300 000 Menschen in den Tod riss und Trümmer so viele Menschen nur mit schwersten Verletzungen wieder preisgaben.

Die Medizinlaborantin Marie Julie arbeitete an der Uni, als das Gebäude über ihr zusammenstürzte, eine Mauer begrub sie. Sie war verschwunden, ihr Mann Jhonny suchte verzweifelt nach ihr, gab nicht auf, und dann haben sie sie schließlich aus den Überresten ziehen können. Ihr linker Arm zerquetscht, das linke Bein konnte sie nicht mehr bewegen, Oberschenkeltrümmerbruch. Kubanische Ärzte amputierten den Arm bis auf einen Stumpf, wollten auch das Bein absägen, aber da weigerte sich die Verletzte. Schließlich kam sie ins Hopital Espoir, wo ihr der deutsche Katastrophenmediziner Bernd Domres das Bein rettete.

Im Bett direkt nebenan lag ein Patient, dem es noch schlechter ging als ihr. Die Wunde seines verdrehten linken Beins eiterte, der Geruch war bestialisch. Berard Roosevelt stand auf seiner Krankenkarte. Er habe Pläne, wolle in die USA auswandern, mit seinem Namen, sagte er, ein gequältes Lächeln auf den Lippen, als er Domres die Einwilligung zur Amputation unterschrieb. Sein Körper athletisch, das Herz stark, 39 Jahre alt. Der erste Patient der Ärzte des gerade eingetroffenen Teams der Kaufbeurer Organisation Humedica. Nach der anstrengenden Operation waren sie zuversichtlich. Doch mittags um eins gellte ein markerschütternder Schrei durch das Hospital. Berard Roosevelt hat es nicht geschafft.

Marie Julie Guerrier-Dumé hat überlebt. Das Bein haben die deutschen Ärzte ihr mit einem Fixateur gerichtet, seit einer Woche ist sie das monströs wirkende Metallgestänge mit den herausstehenden Nägeln los. Eine eierschalenfarbene, beinhohe Manschette, eine sogenannte Orthese, lehnt neben ihrem Feldbett. Das Laufen kann sie nur auf einer Krücke üben, das ist ziemlich kompliziert. Sie fragt nach dem Arm, sie will endlich eine Prothese haben.

Prothesen sind nach der Ersten Hilfe ein großes Thema der Hilfsorganisationen. Wie anfangs bei den Rettern lichtet sich auch bei den Prothesenbauern erst langsam das Durcheinander. Wer hilft wem wo? Wer liefert wann? Und was? Wie viele Arme, wie viele Beine, welche Größen werden benötigt? Und: Wann kommen Werkzeuge und Material endlich aus dem Zoll?

Verlässliche Zahlen zu bekommen ist nicht einfach. Nach der Katastrophe sind die Akten in den notdürftig übernommenen Krankenhäusern und Ambulanzen oft nicht so geführt worden, dass damit jetzt wirklich jemand arbeiten kann. Zum Teil wussten die Menschen bei ihrer Entlassung nicht, wo sie unterkommen. Bei Verwandten auf dem Land, in einem der rund 800 Zeltlager, die es allein in Port-au-Prince noch immer gibt? Handicap International und die Christoffel-Blindenmission (cbm) schicken dort Mitarbeiter hin, um Bedürftige ausfindig zu machen. Ein Helfer, der schon in verschiedenen Katastrophengebieten war, erklärt sich die Unklarheit auch mit Egoismen der Hilfsorganisationen: „Am Anfang wollte keiner etwas abgeben oder melden, um die Spenden nicht zu gefährden. Da geht es um viel Geld.“ Nun hätten die Hilfsorganisationen ihre Arbeitsgebiete aufgeteilt und könnten kooperieren.

Für Marie Julie Guerrier-Dumé geht es jetzt an die Physiotherapie. Alle wissen, wie wichtig es ist, die Patienten so weit wie möglich fit zu machen für das Leben draußen. „Was wir hier nicht erreichen, geht doch zu Hause nicht weiter“, sagt Rainer Berendes. In Deutschland würden die meisten Patienten ambulant weiterbehandelt. Aber viele Überlebende haben als Zuhause nur eine Plane, und selbst wenn sie die haben, wissen sie noch längst nicht, wo sie sie aufschlagen sollen. In den Straßen von Port-au-Prince kämpfen die Menschen um jeden Zentimeter Boden.

Auch Marie Julie und ihr Jhonny wissen nicht, wo sie hingehen werden, wenn sie entlassen wird. Jhonny weicht seit Januar nicht von der Seite seiner Frau, lebt auf einer schmalen Pritsche neben ihrem Bett, wie so viele andere, die den Rest ihrer Familie verloren haben. Bis zum 12. Januar haben die zwei bei jemandem gewohnt, der sein Haus nun für sich selbst beansprucht. Jhonny sucht Arbeit, hat einen juristischen Abschluss, sich aber schon vor dem Beben als Spanischlehrer durchgeschlagen, erzählt er. Jetzt will er jemanden finden, der sich um Marie Julie kümmert. Dann, sagt er, kann er sich Arbeit suchen, auch weiter weg. Aber auch Marie Julie will sich nicht damit abfinden, dass sie so wenig selbst tun kann. Jetzt ist an der Uni ohnehin niemand, alles kaputt, die meisten Professoren, der Uni-Präsident tot, aber irgendwann geht es da wieder los. Und mit zwei Armen …

Am Morgen sind zwei US-amerikanische Prothesenspezialisten bei ihr gewesen, Matthew Garibaldi, ein schlanker 34-Jähriger mit italienischen Urahnen, und Felipe Villanueva, ein untersetzter 42-Jähriger mit mexikanischer Mutter, vom General Hospital in San Francisco. Für sie ist Marie Julie eine perfekte Patientin: der Stumpf, ihre Kraft, ihr Wille – optimale Voraussetzungen. Sie versprachen ihr eine „Weltklasse-Prothese“. Doch dann haben sie im Materiallager ihrer Partnerorganisation Healing Hands for Haiti nur eine Hand gefunden, die anderen Teile fehlten. Ein weiterer Schlag für Marie Julie.

Garibaldi schimpft: „Das ist hier so desorganisiert.“ Tausende Menschen sind nach dem Beben amputiert worden. Doch wie viele davon haben überlebt? Die Überlebenden, wo sind sie? Garibaldi und Villanueva tingeln durch die Krankenhäuser und fragen nach dem Bedarf. Ist das nötig? Im Espoir sind auch schon Mitarbeiter von Handicap International. Sagt ihnen das niemand? Ein Mitglied der Healing Hands sei bei einer Zählung auf nur 2000 Prothesen gekommen, die nötig seien, viel weniger als die immer wieder genannten Zahlen zwischen 4000 und 11 000. „Die Kommunikation ist sehr schlecht. Alle wollen kommen und helfen, aber niemand weiß wirklich, was er bringen soll“, bemängelt Garibaldi. Im Übrigen, sagt er noch, Prothesenträger sind lebenslange Patienten. Es reicht nicht, eine Prothese anzupassen und zu zeigen, wie man sie benutzt. Oft sind weitere Operationen nötig, nicht nur bei Kindern.

Bei Handicap International (HI) sollen die Fäden zusammenlaufen. Aleema Shivji, eine resolute Kanadierin, ist deren stellvertretende Missionsleiterin. Sie kann nicht verstehen, dass so viele verschiedene Zahlen in Umlauf sind. „In Haiti sind zwar mehr Menschen amputiert worden als bei anderen Katastrophen, aber die absolute Zahl derjenigen, die Prothesen brauchen, liegt nur bei 1000 bis 1500, zwei Drittel davon Beine.“ Wer die so viel höheren Zahlen nenne, habe wohl auch diejenigen eingerechnet, die „nur einen Finger oder einen Zeh“ verloren hätten, und all die, denen schon vor Januar ein Bein oder Arm fehlte. HI, rechnet sie vor, habe mit cbm in 17 Krankenhäusern und vielen Camps seit kurz nach dem Beben ständig aktualisierte Umfragen gemacht. Um den Menschen dauerhaft zu helfen, soll ein nationales Prothesenzentrum entstehen. Das sei auch ein wichtiges Ziel der Regierung, aber von konkreter Planung könne noch keine Rede sein. Auch Aleema Schivji weiß, dass die Koordination verbesserungswürdig ist. Nach ihrer Einschätzung ist die Lage aber unter Kontrolle, zwölf Organisationen kümmern sich um Prothesen: „Der Bedarf ist gedeckt.“ Allerdings, das sagt Aleema Shivji auch, seien Arme ein Problem. Sehr kompliziert zu machen – und oft sind die, die gut aussehen, nicht die, die wirklich gut funktionieren. Marie Julie Guerrier-Dumé will keine Kralle à la Captain Hook, sie will Hände, die sie benutzen kann.

Die Patientin trainiert im Hopital Espoir fast verbissen gegen ihre Schmerzen und die ständigen Dämpfer an. Sie will wieder hinaus ins Leben. Seit vier Tagen humpelt sie mit ihrer Manschette ums linke Bein und einer Krücke unter dem unversehrten rechten Arm über den Hof. Später kommt auch der Katastrophenchirurg Bernd Domres noch einmal vorbei – Jhonny und Marie Julie können es kaum fassen. Der weißhaarige Professor aus Deutschland, der gerade gegen die Hitze und ein paar Tränen der Rührung kämpft, ist für sie der Retter ihres Beins. Domres hat ein Foto vom ersten Tag im Januar mitgebracht. Also auch heute: ein Foto, bitte.

Dann schaut Domres im Prinzessinnenzelt vorbei, so nennen sie das Teenagerquartier. Von dort stakst die 17-jährige Jovanah trotz metallenem Fixateur im Oberschenkel im trägerlosen aquamarinfarbenen Cocktailkleid, ins Haar geschobener Sonnenbrille, Handy und Schminkspiegelchen auf ihren Krücken in den Hof, hält nach jedem Schritt inne, zieht das etwas zu üppige Kleid zurecht. Als ginge sie zum Tanzen. Tanzen, das war ihr Leben. Und wird es doch nie mehr sein. Auf sie wartet eine weitere Operation, der Bruch ist nicht gut zusammengeheilt. Noch hat ihr das niemand gesagt. „Sie hat das Rennen verloren“, sagt der Arzt Rainer Berendes.

Da taucht Jhonny noch mal an seiner Seite auf, der Doktor solle doch noch mal zu seiner Frau kommen. Marie Julie hat immer Fragen. Sie ahnt nichts von den Problemen, die die so unendlich reichen Helfer mit der Koordination haben. Aber sie weiß, was sie will. Irgendwas muss sich doch machen lassen mit diesem Arm.

Und dann, am gestrigen Dienstag, gibt es neue Hoffnung. Die Humedica-Koordinatorin hat Neuigkeiten von den Johannitern. Die haben eine Prothesenwerkstatt, von der manch deutsches Krankenhaus träumen würde. Ihr Techniker will Marie Julie einen Arm machen, „mit dem man die Hand geben kann und die Haare kämmen“, schwärmt die Koordinatorin. Die kleine Organisation Landsaid aus dem bayerischen Kaufering hat sich bis zum Ministerium für Marie Julie eingesetzt und mit den Johannitern Kontakt aufgenommen. Die wollen mit ihr trainieren und auch besprechen, wie sie auf spöttische Bemerkungen reagieren könne, wenn sie wieder in ihre Welt entlassen wird. Hänseleien wird es geben, das wissen alle. Doch wieder heißt es: keine Hoffnung ohne Hürde. Die Johanniter arbeiten in Leogane, das ist 30 Kilometer weg. Wie soll Marie Julie Guerrier-Dumé dort hinkommen?

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