Zeitung Heute : Nach der Erkenntnis

Einstein neu gedacht: Der „wertfreie“ Wissenschaftler muss heute dem engagierten Wissenschaftler Platz machen

Yehuda Elkana

Einstein war ein Freigeist, und seine selbst gestellte, bewusst übernommene Aufgabe war es, als Befreier zu wirken. Hierin folgte er, gleichzeitig mit Ernst Cassirer, einer großen deutschen Tradition, begründet von Kant und Goethe. Einstein wollte befreien von allen Konventionen, Zwängen und Beschränkungen – von allem, was dem freien Lauf der Fantasie im Wege stehen könnte.

Einsteins fünf Epoche machende Veröffentlichungen des Jahres 1905 – alle entstanden im Zeitraum weniger Monate, während er Angestellter des Patentamtes in Bern war und nicht etwa Mitglied einer Universität – geben einen ersten eindrucksvollen Beweis vom Zugriff seiner ungebundenen Fantasie. Für ihn galt keine etablierte Wahrheit als sakrosankt; er setzte an, indem er das eigentliche Fundament erfolgreicher moderner Naturwissenschaft, die newtonsche Mechanik, in Frage stellte. Schon hier zeigte er, dass kreatives Denken unabhängig von jeder experimentellen oder auch nur mathematischen Unterstützung sich entfalten kann: Es war nichts anderes als der freie Flug der konzeptuellen Fantasie.

Einige Jahre später, nach der Einladung nach Berlin durch Fritz Haber, Max Planck, Walter Nernst und Max von Laue, brach der Erste Weltkrieg aus, begleitet von einer Welle öffentlicher Kriegsbegeisterung, die an Massenhysterie grenzte – eine „Tollheit“, wie Einstein sie beschrieb, die voll mitgetragen wurde von der akademischen und kulturellen Elite. Während 93 führende Akademiker einen für den Krieg plädierenden „Aufruf an die Kulturwelt“ unterschrieben, bewies Einstein wiederum seine Unabhängigkeit von jeder Art Zwang oder sozialem Druck, indem er als einer von nur vier Unterzeichnern eines „Aufrufs an die Europäer“ sich massiv gegen den Krieg aussprach.

Einstein fühlte sich moralisch verpflichtet, sich für politische und soziale Anliegen einzusetzen. Er kann als Vorbild dafür dienen, wie Demokratie und soziale Gerechtigkeit in aufrechter Haltung verteidigt werden können. Er engagierte sich vielfältig: Er unterschrieb Petitionen, verfasste Stellungnahmen, trat Verbänden und Gruppen von Aktivisten bei, dies alles im Kampf gegen den Krieg, im Interesse internationaler Kooperation und um der Nutzung menschlichen Wissens für friedliche Zwecke willen. Und gleichwohl betrachtete er den ganzen Vorgang, während er an ihm mitwirkte, mit einer distanzierten Ruhe.

Wie gewöhnlich reflektierte Einstein auch hier über sein eigenes Verhalten und dokumentierte es. Am 19. August 1914 schrieb er an Paul Ehrenfest in Leiden: „Unglaubliches hat nun Europa in seinem Wahn begonnen. In solcher Zeit sieht man, welcher traurigen Viehgattung man angehört. Ich döse ruhig hin in meinen friedlichen Grübeleien und empfinde nur eine Mischung von Mitleid und Abscheu.“ Vielleicht glaubte er nie daran, dass seine Anstrengungen überhaupt Früchte tragen könnten, vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – wäre er anders als in dieser Haltung gar nicht in der Lage gewesen, seine wissenschaftlich-theoretischen Bemühungen zum Blühen zu bringen.

Gleichwohl lässt uns dies in einem moralischen Dilemma zurück. Einsteins Erbe fordert von uns, so für humane Belange einzutreten, wie er es sein Leben lang tat. Doch in der Welt von heute könnte dies nicht genug sein. Die Haltung der inneren Distanz, befreit von dem „nur Persönlichen“, lässt vieles zu wünschen übrig, und wir sollten sie eher nicht als sein Vermächtnis betrachten. Wenn er es sich erlaubte, seine Fantasie einzusetzen, um über Fragen jeglicher Art – wissenschaftliche oder moralische – nachzudenken, wenn er dies frei und in der Tat sehr engagiert tat, wenn er sich dazu äußerte und Kollegen, Öffentlichkeit und Regierungen zu beeinflussen versuchte, dann fehlte es doch an einem persönlichen Interesse an dem, „was folgt“. Ich denke hier nicht nur an die Sphäre seines privaten und seines Familienlebens, ich denke auch an die Sphäre der Politik. Nachdem Einstein sich strikt gegen den Krieg ausgesprochen und auch seinen Freund Fritz Haber öffentlich kritisiert hatte, hielt er weiterhin den täglichen Kontakt und die Freundschaft mit Haber aufrecht, während dieser soeben die Herstellung von Giftgas in großem Maßstab entwickelt und sie in den Dienst der deutschen Kriegsmaschinerie gestellt hatte – so als hätte dies alles nichts mit persönlichen Verhältnissen zu tun.

Nahezu hundert Jahre später, nach zwei Weltkriegen, nach Hitler, Coventry, Dresden, Hiroshima, Gulag, können wir uns diese olympische Distanz nicht mehr leisten – gleichgültig ob wir an die unmittelbare Wirksamkeit unserer Handlungen glauben. Wenn wir heute über Einstein hinausgehen in unseren Forderungen an uns selbst und an unsere Generation, folgen wir noch immer Einsteins Fußspuren, solange wir mutig dem Spiegel der Geschichte ins Gesicht sehen und frei von Konventionen normative Ansprüche formulieren.

Ich hätte diese Notwendigkeit, über Einstein – von ihm lernend – hinauszugehen, nicht hervorgehoben, wäre sie nicht von so großer Bedeutung für unsere Zeit: eine Zeit, in der eine ausgeprägt rechtsorientierte soziale und politische Bewegung voller Energie zum Handeln ist, während die liberalen akademischen und intellektuellen Kreise nahezu abgedankt haben. Dies ist vor allem in Amerika zu beobachten, wird aber allmählich auch in Europa spürbar: Hier scheinen die meisten Intellektuellen in der akademischen Welt – ob rechts oder links – ebenfalls aufgegeben zu haben. Um diese Apathie, dieses Gefühl von Hilflosigkeit zu überwinden, reicht es nicht aus, rationale Überlegungen darüber anzustellen, was geschehen sollte und gleichzeitig in der Routine unseres Alltags zu verharren; wir müssen es nachempfinden und wir müssen handeln nach dem normativen Anspruch, zu bedenken „was folgt“. Es ist nötig, dass der „wertfreie“ Wissenschaftler dem aktiv engagierten Wissenschaftler – dem ‚caring scientist’ – Platz macht.

Wir sollten uns daran erinnern, dass die Hervorbringung neuen Wissens und gleichzeitig seine beständige Kontextualisierung ein wesentlicher Bestandteil einer reichen Tradition in Europa und Deutschland vor der Zeit des Nationalsozialismus gewesen ist. Alle großen Denker, in allen Wissensgebieten und Disziplinen, waren bestrebt, öffentlich über ihre Arbeit zu reflektieren. Für Einstein war dies von grundlegender Bedeutung: „Wenn ich an die tüchtigsten Studenten denke, denen ich beim Lehren begegnet bin, d. h. an solche, die sich durch Selbständigkeit des Urteils, nicht nur durch bloße Behändigkeit auszeichneten, so konstatiere ich bei ihnen, dass sie sich lebhaft um Erkenntnistheorie kümmerten.“ Aber nicht nur Einstein: Bohr, Born, Heisenberg, Poincaré, Pauli, Max Weber, Durkheim, Schrödinger, Delbrück, Kafka, Musil, Hadamard, Piaget, Picasso, Braque, Matisse, Klee, um nur einige zu nennen, waren von der gleichen Art. Viele, aber nicht alle von ihnen waren Juden. Doch löschte das nationalsozialistische Regime dies alles aus.

1939 schrieb Einstein an US-Präsident Roosevelt einen Brief, in dem er ihn warnte, Deutschland könnte an der Entwicklung einer Atombombe arbeiten und Amerika sollte deshalb entsprechende Forschungen anstrengen. („I understand that Germany has actually stopped the sale of uranium from the Czechoslovakian mines which she has taken over. That she should have taken such an early action might perhaps be understood on the ground that the son of the German Under-Secretary of State, von Weizsäcker, is attached to the Kaiser-Wilhelm-Institute in Berlin where some of the American work on uranium is now being repeated.“) Dann, nach Hiroshima, drängte er wiederholt auf nukleare Abrüstung – und dies war weder unvernünftig noch naiv, es traf das Wesentliche zum jeweiligen Zeitpunkt. Dasselbe gilt, wenn er gleichzeitig die Errichtung eines zionistischen Staates unterstützte und vor dem Entstehen starker nationalistischer Strömungen unter den Zionisten warnte.

Eine letzte Bemerkung, gerichtet auf unsere Tage, folgt aus Einsteins Weitsicht im Verständnis von seiner eigenen Zeit: Während des Ersten Weltkriegs und danach war Einstein beunruhigt durch die Haltung einiger der geachtetsten deutschen Intellektuellen, die sich dem „Deutschen Sonderweg“ verschrieben hatten, einer Idee, die letztlich die deutsche Kultur mit dem Krieg identifizierte. Diese Haltung erwies sich als eine der größten Tragödien für Deutschland und für die Weltgeschichte. Sie ist ein Warnsignal gegen eine Entwicklung, die noch abgewendet werden kann, die anders jedoch zu einer amerikanischen und damit zu einer globalen Tragödie werden könnte: ein „Sonderweg“, vor Augen geführt in der verhängnisvollen Ideologie einiger Sprecher der gegenwärtig vorherrschenden politischen Stimmung in Amerika. „Wir brauchen nicht die Tatsachen zu beachten, wir erschaffen Realität.“ So ist es wiederholt geschrieben und gesagt worden im Blick auf die ergebnislose Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak.

Yehuda Elkana lehrt Wissenschaftsgeschichte an der Mitteleuropäischen Universität Budapest und ist Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Er war Festredner bei der Eröffnung des Einsteinjahres.

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