Zeitung Heute : Nach der Flaute nun der Ärger: mancher Gast steht vor überbuchten Hotels

Hans Dahne

Zwei Jahre nach dem blutigen Terroranschlag vom 17. November 1997 in Luxor boomt der Tourismus in Ägypten wie nie zuvor. Das Nil-Land nimmt Kurs auf einen neuen Rekord: mehr als vier Millionen ausländische Besucher im Jahr. Fast jeder Zehnte kommt aus Deutschland. Mit der Urlauberschar wächst jedoch immer öfter auch der Ärger vor Ort wegen überbuchter Hotels oder hoher Nebenkosten.

In Hurghada am Roten Meer landen jeden Donnerstag 35 deutsche Charter-Flugzeuge. Die Hotelanlagen, die sich wie eine Perlenkette knapp 50 Kilometer am Strand entlang ziehen, sind zu großen Teilen fest in deutscher Hand. Mehr als 50 000 Deutsche aalen sich im Schnitt jedes Wochenende in Hurghada in der Sonne.

Ägypten ist für viele Urlauber nicht nur wegen seiner Tempel, Wüsten und Tauchgründe attraktiv, sondern vor allem wegen der Preise. Im vergangenen Jahr hatten ägyptische Hoteliers angesichts ihrer Überkapazitäten starke Preisnachlässe gewähren müssen. Auch die Regierung erließ Gebühren, um Touristen zu locken. Das Ergebnis der Niedrigpreisoffensive: Der klassische Pauschaltourist läuft dem Kultur- und Tauchtouristen zunehmend den Rang ab.

Auf den Besucherandrang ist Hurghada nicht vorbereitet. Der Flughafen wird erst noch ausgebaut. Deshalb heißt es für Touristen bei der Einreise erst einmal: Schlange stehen. Der Ärger geht weiter, wenn - wie jetzt bei einer deutschen Reisegruppe aus Hannover - 100 Urlauber keine Zimmer bekommen. Bei der deutschen Botschaft in Kairo nehmen die Beschwerden wegen überbuchter Hotelzimmer zu.

Verträge nicht eingehalten

Gunther Träger von Neckermann-Reisen sagt, dass er sich in Spitzenzeiten die Buchungen von den Hotels doppelt bestätigen lasse. "Das ist auch jetzt in Hurghada passiert. Das Problem ist, dass die Hoteliers nicht die Verträge einhalten." Von vier Millionen Neckermann-Touristen im Jahr gibt es Träger zufolge weltweit nur rund 100 Fehlbuchungen. Reiseveranstalter vor Ort klagen, dass ägyptische Hoteliers in der Hochsaison oft mehr Zimmer anbieten als sie überhaupt haben. Der Grund: Im Fall von Stornierungen hoffen sie dennoch auf ein volles Haus.

Für Ägypten ist der neue Boom wie ein Gottessegen. Nach den beiden blutigen Anschlägen moslemischer Terroristen im September und November 1997 brach über das Land ein Storno-Gewitter herein. In Kairo starben damals neun Deutsche. Bei dem weltweit bislang blutigsten Anschlag auf Touristen kamen vor dem Hatschepsut-Tempel in Luxor 58 Ausländer ums Leben. Seitdem ist kein Tourist mehr in das Fadenkreuz von Terrorbanden geraten.

Nach katastrophalem Beginn meldeten sich im Vorjahr 80 Prozent der Urlauber zurück. Ägypten nahm umgerechnet sechs Milliarden Mark ein; rund 400 Millionen weniger als in den besten Zeiten vor den Anschlägen. Der Tourismus spült so viel Geld in die Kassen wie alle Exporte zusammen ohne Erdöl und Erdgas.

Der Tourismus sichert jeden sechsten Arbeitsplatz. Neue Hotelanlagen entlang des Roten Meeres sollen rund 390 000 neue Jobs schaffen. Auf Grund der hohen Geburtenrate muss Ägypten seinen Schulabgängern und Absolventen jedes Jahr rund eine halbe Million neue Arbeitsplätze anbieten, nur um den Status quo auf dem Arbeitsmarkt halten zu können.

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