Zeitung Heute : Nach der Geduld kommt die Gewalt

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Die Politik hat Geduld mit den Konfliktparteien im Kosovo, die Öffentlichkeit schon längst nicht mehr.Die täglichen Bilder von weinenden Flüchtlingen und brennenden Dörfern, die Nachrichten von abgelaufenen Ultimaten und allerletzten Vermittlungsversuchen rufen erst Unverständnis hervor und dann Wut.Draufhauen und den Frieden herbeibomben, fordern die einen; die anderen würden den Balkan am liebsten sich selbst überlassen - was gehen uns diese Streitigkeiten an! Die internationale Politik steht unter ungeheurem Erfolgsdruck, wenn sich am Montag Serben und Kosovo-Albaner abermals in Paris zusammensetzen.Das ist eine geradezu paradoxe Situation: Der ganze Aufwand dient Serben und Albanern, sie sollen von Kriegselend, Unterdrückung und Armut befreit werden.Doch ihre Vertreter verlegen sich auf hinhaltendes Taktieren, als würden sie mit einem Einlenken in erster Linie dem Ausland einen Gefallen tun, wofür sie weitere Zugeständnissen erwarten dürfen.Die internationalen Vermittler hingegen, denen sie eigentlich Dank schulden, sehen sich in die Rolle des Bittstellers gedrängt.

Und doch vermag alle Empörung über dieses pervers auf den Kopf gestellte Rollenspiel die Einsicht nicht beiseite zu schieben: Der Balkan wird nicht von alleine zur Ruhe kommen; seine politischen Eliten verweigern verantwortliches Handeln.Europa kann es aber nicht zulassen, daß dieser Konflikt andauert, womöglich weiter eskaliert.Es geht darum, zwei Millionen Kosovo-Bürger vor elementarsten Menschenrechtsverletzungen zu retten und neue Flüchtlingsströme zu verhindern.Kosovo ist zudem ein Krankheitsherd, der die ganze Region anstecken und die mühselig erreichte Stabilisierung in Albanien, Mazedonien und Bulgarien in Frage stellen kann.

Mit anderen Worten: Europa kann es gar nicht zulassen, daß diese zweite Verhandlungsrunde so endet wie die erste vor drei Wochen in Rambouillet.Ein solcher Friedensprozeß lebt von seiner inneren Dynamik - und er scheitert, wenn sie nachläßt.Hätte der Westen die Kosovo-Albaner dazu gebracht, den Vertragsentwurf in Rambouillet zu unterzeichnen, dann hätte sich auch der Serbe Milosevic nicht mehr lange weigern können, NATO-Truppen in das Kosovo zu lassen, die die Umsetzung des Vertrags überwachen.Die Drohung der Allianz mit Luftangriffen war glaubhaft.Drei Wochen Gesprächspause haben die Psychologie verändert.Die Uneinigkeit der Albaner, ihre offensichtliche politische Unreife hat Slobodan Milosevic neuen Manövrierraum eröffnet.Die Welt kann von Glück sagen, daß es den Scharfmachern auf beiden Seiten nicht gelungen ist, aus den Scharmützeln offenen Krieg werden zu lassen.In Rambouillet durfte der Westen noch hoffen, daß es genügt, Serbien mit Bomben zu drohen, daß ihm die Probe aufs Exempel erspart bleibt.Nun ist die Wahrscheinlichkeit gewachsen, daß die NATO in wenigen Tagen Luftangriffe fliegen muß, um Belgrad zur Annahme des Friedensplans zu zwingen.

Die Voraussetzung für eine Bombardierung ist freilich, daß zunächst die Albaner unterzeichnen, also fürs Erste auf staatliche Unabhängigkeit verzichten.Das einzige Druckmittel, das die Vermittler ihnen gegenüber haben, ist, daß sie sonst der militärischen Übermacht Serbiens ausgeliefert blieben.Doch auf dem Balkan sind die Mythen vom heldenhaften Widerstand gegen eine Übermacht oft stärker als die Vernunft.So bleibt dem Westen kein anderes Mittel, als Geduld, gepaart mit Entschlossenheit - auch wenn die eigenen Bürger nur noch verständnislos wegsehen.Das war in Bosnien auch nicht anders - und doch wurde der Krieg dort schließlich gestoppt.

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