Zeitung Heute : Nach der Katastrophe: Auf gutem Weg

Hermann Rudolph

Langsam rundet sich die Geschichte der Nachkriegszeit, auch dank der Ereignisse, die aus dem geteilten Land wieder ein Deutschland gemacht haben. Das ist noch nicht die Dämmerung, in der die Eule der Minerva, der Mythenvogel der Historiker, ihren Flug beginnt. Aber die Bereitschaft, sich das Ganze dieser verzwickten, erfolgreichen, umstrittenen und so überraschend endenden Geschichte vor Augen zu führen, wird größer. So ist es vielleicht nicht nur die Notwendigkeit, der vom Siedler Verlag auf Kiel gelegten und inzwischen auf sechs Bände angewachsenen Reihe "Die Deutschen und ihre Nation" den Schlussstein zu setzen, die Peter Graf Kielmansegg dazu veranlasst hat, die Geschichte Nachkriegsdeutschlands, des Deutschlands "Nach der Katastrophe" - wie der Titel seines Buches lautet - zu schreiben. Es ist wohl auch der Wunsch, sich zu vergegenwärtigen, was dieses halbe Jahrhundert ausgemacht hat.

Herausgekommen ist eine vorzügliche, hoch zu lobende Geschichte dieses Halbjahrhunderts - gerade weil sie keine Geschichte im herkömmlichen Sinn ist. Kielmanseggs Buch ist weniger und mehr zugleich. Der Autor, der sich seinen Namen vor allem als Politologe gemacht hat, aber auch Verfasser einer Geschichte des Ersten Weltkriegs ist, nähert sich seinem Gegenstand nicht aus der Perspektive des Erzählers. Kein beschwörender Imperfekt also, keine einfühlende Nachzeichnung von Ereignissen und Personen. Stattdessen kreist er sein Thema argumentierend ein, nachdenkend, wägend, zweifelnd, gelegentlich mit einem kräftig strukturierenden Zugriff. Er überzieht die deutsche Geschichte mit einem dichten Netz von Fragen und Antworten, von Urteilen und Abwägungen, ohne dass doch ihre Dramatik sich verflüchtigte.

Das ist von hoher Faszination, weil Kielmansegg ein Meister in der Kunst der strategischen Fragen ist, die das Geschehen für das Begreifen aufschließt und den Konstellationen, in denen es sich entfaltet, sensibel, aber bestimmt Konturen gibt. Er ist überdies ein großer Differenzierer, der nicht leicht einen Sachverhalt traktiert, ohne ihm unterschiedliche Seiten abzugewinnen. Vor allem ist er aber ein wahrer Spezialist für das Präparieren von Dilemmata - für den Autor einer deutschen Geschichte eine überaus nützliche Fähigkeit. Dabei wirkt seine Darstellung keineswegs trocken oder kopflastig. Davor bewahrt den Leser schon der Umstand, dass Kielsmansegg vorzüglich schreibt: flüssig, mit schöner essayistischen Geschmeidigkeit, unangestrengt in der Gedankenführung auch da, wo er sich in ausgesetztem Gelände bewegt. Und ein gutes Urteil hat er außerdem.

Alle diese Fähigkeiten zeigen sich schon zu Beginn des Buches. Mit imponierender Eindringlichkeit entfaltet Kielmansegg mit seiner Erörterung des 8. Mai 1945 die Exposition des Problems der deutschen Nachkriegsgeschichte: in beispielloser Weise eine neue, "zweite" Geschichte zu sein, aber gleichwohl unablösbar an ihre Vorgeschichte gebunden zu bleiben. Das massive Gewicht dieser Grund-Konstellation für die Nachkriegsgeschichte bleibt stets präsent, so ausführlich sich Kielsmansegg - das Buch bringt es auf großformatige 730 Seiten - auf ihre verschiedenen Phasen und Themenfeldern einlässt. Entsprechend überzeugend präpariert er die tragenden Elemente dieser Geschichte in ihrer teils außenpolitisch bedingten, teils innenpolitisch erstrittenen Verfasstheit: Teilung, Gründung der beiden Staaten, Westintegration. Dabei spricht es für seine Betrachtungsweise, dass er die Deutschen nie, auch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren nicht, nur als Opfer, sondern immer auch als Mithandelnde sieht.

Westintegration und später dann Ostpolitik, die großen Scharniere der Nachkriegsentwicklung, beschreibt Kielmansegg in Übereinstimmung mit dem mittlerweile entstandenen Konsensus über diese einst umstrittenen Themen. Gleichwohl setzt er eigene Akzente - die Vermeidung der Teilung hält er seit der Potsdamer Konferenz nicht mehr für möglich, die Gründung der Bundesrepublik verteidigt er gegen die verbreitete Auffassung, sie sei von den Alliierten fremdbestimmt und eigentlich ein Unternehmen der Länder gewesen. Beim Umgang mit diesen großen Weichenstellungen spürt man dann auch, dem strengen Gang der Analyse zum Trotz, die innere Beteiligung des Autors. So, wenn er registriert, dass es - das Urteil gilt Schumachers Haltung gegenüber der Lage der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone - "früh schon eine Neigung des westlichen Deutschlands zum Rückzug auf sich selbst gab", die "nicht nur Beifall verdient". Und über Adenauer, dessen Leistung er wahrhaftig anerkennt, heißt es kühl: "An dem Urteil, dass es auf dem Feld der Deutschlandpolitik an Mut und Weitsicht gefehlt hat, kommt man wohl nicht vorbei."

Überhaupt beweist Kielmansegg gerade in der Auseinandersetzung mit der Deutschlandpolitik Beobachtung und Urteil, die ganz auf der Höhe der vertrackten Problemlagen sind. Adenauers Haltung zur deutschen Einheit zum Beispiel, alter Zankapfel bei der Beurteilung des ersten Kanzlers, hält er guten Glauben zugute. Aber er konstatiert auch, dass seine Politik der Westintegration, "primär Politik für die Bundesrepublik (war), nicht Wiedervereinigungspolitik". Sie sei, wohlgemerkt, keine Politik gegen die Wiedervereinigung gewesen, aber "gegen den Primat der Wiedervereinigung in der gegebenen Weltlage". Und wenn er sich in die Frage vertieft, weshalb es der Bundesrepublik so schwer gefallen ist, sich damit abzufinden, dass man mit der DDR verhandeln müsse, dann findet er die Antwort im Rekurs auf das Dilemma der deutsch-deutschen Gegebenheiten. Übrigens mit einer glänzenden Formulierung: "weil gegen die Unvermeidlichkeit des Unvermeidlichen die Unerträglichkeit des Unerträglichen in die Waagschale fiel".

Das Bild der Geschichte der Bundesrepublik, das Kielmansegg zeichnet, ist, natürlich, das der Erfolgsgeschichte, die sie ja gewesen ist. Aber er gibt ihr einen guten Teil der Offenheit zurück, die sie hatte, ruft in Erinnerung, wie vieles auch anders hätte verlaufen können, sieht insgesamt an ihr mehr Unsicherheiten in essentiellen Fragen und erodierende Ränder als das sonst geschieht. Zwar registriert er nur eine wirkliche Zäsur, die späten sechziger Jahre mit dem Beginn der sozial-liberalen Koalition. Doch mehr als einmal habe sich der Weg der Bundesrepublik gegabelt, und Kielmansegg rechnet es ihr als Verdienst an, dabei zumeist richtig entschieden zu haben. Mit Blick darauf korrigiert er - sehr zu Recht - die nach der Wiedervereinigung gängig gewordene Ansicht, die Bundesrepublik "habe es sich im Schatten der Pax Americana bequem gemacht und Geld verdient". Mit etwas mehr Stimme als sonst nennt er dieses Urteil "ganz verfehlt". An der empfindlichsten Stelle des Ost-West-Konflikts gelegen, habe die Bundesrepublik "eine beträchtliche Last in diesem Konflikt getragen".

Man mag eine Schwäche des Buches darin sehen, dass auch diese deutsche Nachkriegsgeschichte die Geschichte von Bundesrepublik und DDR in getrennten Anläufen darstellt. Immerhin erinnert Kielmansegg daran, dass die Deutschen viele Züge ihrer Teilungsgeschichte selbst geschrieben haben, "auf beiden Seiten". Die Darstellung erst des "Gegeneinander" und später des "Nebeneinander" liest sich dann als Geschichte eines glücklosen Staats-Versuchs, der an dem unheilbaren Widerspruch von "Herrschaftslogik und Modernität" litt. Kielmansegg, subtiler Kenner der Legitimitäts-Problematik, statuiert Legitimität und ihren Verfall als das bestimmende Moment der Jahrzehnte vor dem Mauerfall, auf beiden Seiten. Das Scheitern ihrer Legitimitäts-Strategien sei der Grund für das Scheitern der DDR gewesen. Im "Zerfall des Legitimitätsvorbehalts" gegenüber der DDR erkennt er die Schwäche der Position großer Teile der westdeutschen Öffentlichkeit.

Merkwürdig nur, dass das "Nachdenken über Deutschland", das am Ende des Buches steht, sich so verstrickt in die endlosen Querellen, die das Verhältnis der deutschen Intellektuellen zur Bundesrepublik kennzeichnen. Gewiss ist die Frage berechtigt, weshalb so viele von ihnen nicht bereit waren, an dieser Republik ein gutes Haar zu lassen, und das Psychogramm dieses Nicht-Verhältnisses, das er anhand der Nachkriegsliteratur von Koeppen bis Johnson zieht, ist ein denkwürdiges Zeugnis für die Schwierigkeiten der Deutschen im Umgang mit sich selbst. Auch ist der Abschnitt zum Thema Vergangenheits-Verdrängung, mit dem er diesen Komplex konterkariert, eindruckvoll - wegen der Kritik an den unbestreitbaren Versäumnissen, aber auch wegen des Schlusses, den er zieht: "Was jeder einzelne sich für seine Biografie ersparte, das Gemeinwesen nahm es auf."

Doch am Ende dominiert das Blättern in der chronique scandaleuse der bekannten Äußerungen von Enzensberger bis Grass. "Was nicht Traum ist, ist Alptraum" lautet die Schlüssel-Formel, die Kielmansegg, in Anlehnung an eine besonders törichte Behauptung von Günter Grass, für dieses Verhältnis findet. Sie beschreibt den Mechanismus dieses Prozesses, den das intellektuelle Deutschland der Republik gemacht hat, witzig und einleuchtend. Die persönliche Betroffenheit ist unüberhörbar. Dennoch: Wird das Thema so nicht ein wenig überhöht? Sind die Wunden immer noch nicht vernarbt, die dieser Streit geschlagen hat?

Mit Kielmanseggs Buch ist in den Kreis der Werke, die sich mit der Bundesrepublik beschäftigen, ein neuer, ganz eigener Typus von Geschichtsschreibung eingetreten. Er verbindet in eindrucksvoller Weise die Geschichte dieses Halbjahrhunderts mit Analyse und Urteil. Kielmansegg schreibt über die Jahre und Problemlagen, die den Horizont unserer Gegenwart nicht nur immer noch ausmachen, sondern auch weiter mitbestimmen werden, mit Scharfsinn und einer unerschütterlich sensiblen Vernunft. So viel davon findet man im Blick auf unsere Geschichte selten. Das Buch schenkt den Deutschen nichts, aber es nimmt diesem zweiten Demokratie-Versuch auch nichts von den Verdiensten, die ihm zukommen. Es gibt der Diskussion über die Bundesrepublik ein Niveau, von dem man wünschen möchte, dass es künftig nicht mehr unterschritten werden sollte. Es könnte, es sollte als eine politisch-historische Denkschule dienen. Es stünde dann besser um unsere öffentliche Diskussion.

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