Zeitung Heute : Nach der Reise ist vor der Reise Neue Studie zu Online-Buchungen

Christine Boldt

Totgesagte leben eben manchmal doch länger. Die Rede ist vom guten alten Reisebüro, einem der Fossilien aus der vordigitalen Ära, dem man in Zeiten der virtuellen Räume und des weltweiten Datenaustauschs keine großen Überlebenschancen mehr eingeräumt hatte. Nun scheint es rehabilitiert. Christoph von Haehling, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Tourismusforschung an der Freien Universität, hat mit seinem Forschungsteam das Informations- und Buchungsverhalten deutscher Urlauber untersucht – und er hat gute Nachrichten für die Reisebürobranche: „Nur 44 Prozent derjenigen, die sich über eine Urlaubsreise im Internet informieren, buchen dann auch übers Netz. Dagegen nehmen 86 Prozent der Urlauber, die sich zuvor im Reisebüro informiert haben, auch ihre Buchung im Reisebüro vor.“

Die Studie, die am Willy-Scharnow-Institut für Tourismus unter der Leitung von Christoph von Haehling geführt worden ist, hat – auch für den Wissenschaftler überraschend – einen Wettbewerbsvorteil der Reisebüros gegenüber dem Internet klar belegt: Wer erst einmal eines der etwa 12 000 bundesdeutschen Reisebüros zum „Schnuppern“ betreten hat, bleibt dort meist auch zur Buchung. Das gilt übrigens für Alt und Jung gleichermaßen – auch wenn junge Menschen erwartungsgemäß mehr im Netz unterwegs sind als Ältere.

Ein wichtiger Punkt, den die Tourismusbranche im Auge behalten müsse, so von Haehling mit Blick auf seine Studie, sei die Wechselwirkung zwischen demografischem Wandel einerseits, Fortschritt und Nutzung der Informationstechnik andererseits. Die Zahl der Über-60-Jährigen in der Bevölkerung wird in den nächsten 20 Jahren um etwa 40 Prozent steigen – eine zunehmend bewegliche und unternehmungslustige Kundschaft, die sich damit herausbildet. Andererseits ist der Anteil der „Online-Nutzer“ von etwa 35 Prozent im Jahr 2000 auf über 60 Prozent 2007 gestiegen. Parallelwelten, auf die sich der Tourismusmarkt einstellen müsse, so von Haehling.

Und Zahlen, die es den Wissenschaftlern am Willy-Scharnow-Institut erlauben, ein einigermaßen zuverlässiges Bild zukünftiger Urlaubergruppen mit ihren je spezifischen Bedürfnissen und Wünschen zu zeichnen. „Die in zehn Jahren 50- bis 59-Jährigen werden in ihrem Urlaubsreiseverhalten dann so sein wie die heute 40- bis 49-Jährigen“, erläutert von Haehling. Und meint damit, dass diese Bevölkerungsgruppe ihr Reiseverhalten und ihre technischen Fähigkeiten, über die sie heute verfügt, mit „ins Alter“ nimmt. Auch Prognosen über Familienstatus, Einkommensniveau, finanzielle Ausgaben sowie die Einstellung zum Klimaschutz und Urlaubsreisen sind wichtige Angaben, mit denen die Wissenschaft der Reisebranche bei der Planung ihrer touristischen Angebote zur Seite stehen kann.

Den Reisebüros rät von Haehling, ihre Kernkompetenzen zu stärken: verlässliche und individuelle Beratung, persönliche Atmosphäre und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. „Für 96 Prozent der Urlauber, die wir befragt haben, steht kompetente Beratung an oberster Stelle, gleich danach zählen verlässliche Informationen und ein guter Preis“, so sagt von Haehling.

Um ihre Kunden zu halten und neue zu gewinnen, helfe den Reisebüros nur eines, so der Tourismusforscher: längere Öffnungszeiten, rund um die Uhr verfügbare Ansprechpartner per E-Mail sowie freundliche und dienstleistungsbereite Mitarbeiter, die die Kunden auch nach der Reise betreuen. Schließlich ist nach der Reise immer auch vor der Reise. Christine Boldt

Mehr im Internet:

www.fu-tourismus.de

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