Zeitung Heute : Nach der Trennung: Wie im richtigen Leben

Hellmuth Karasek

Ehen werden im Himmel geschieden", lässt Oscar Wilde eines seiner dekadent-zynischen Theatergeschöpfe jubilieren. Aber so weit sind wir bei Boris Becker und seiner Frau Babs, geborene Feltus, noch lange nicht, auch wenn wir in ähnlich dekadent luxuriösen Zeiten zu leben scheinen wie die, denen Wilde um die letzte Jahrhundertwende den Spiegel vorhielt.

Nein, nein, nicht scheiden, nur trennen will sich das musterhafte Milch-SchokoladePaar nach sieben Ehejahren und mit zwei Kindern. Und die beiden beruhigen uns (ungefragt, unaufgefordert) im Stile eines Communiqués, in so verhaltenem Ton, wie er normalerweise dem Publikum den Rücktritt eines Thronfolgers in einer der verbliebenen Monarchien oder mindestens die Resignation eines Finanzministers annonciert: "Seit geraumer Zeit haben wir feststellen müssen, dass unsere Auffassungen über die Prioritäten unserer Beziehung zu unterschiedlich sind ..."

Die Nachricht schlug wie jene sprichwörtliche Bombe ein, die die Grundfesten unseres zwar glitzernden, aber ohnehin schwankenden SocietyGerüsts beträchtlich erschütterte. Nichts war auf einmal wichtiger: kein BSE-Rinderwahn, keine Kilometerpauschale, keine Europa-Krise, kein in winzigen juristischen Verzögerungsschritten scheiternder Gore. Babs und Boris (ehemals Bobbele) getrennt, wieder schien die heile Welt einen entscheidenden Schritt hoffnungsloser ihrem Untergang ausgeliefert.

Man muss ein wenig ausholen, um sich das Ausmaß der gesellschaftlichen Verunsicherung klar zu machen, das der rotblonde Hüne und seine milchkaffeebraune elegant-natürliche Frau durch ihre Trennung in unserem Bewusstsein und Selbstverständnis ausgelöst haben.

BB, Boris Becker, ist ein nationales, weil international renommiertes Symbol von hochkarätiger Einzigartigkeit, seine Ehe war ein Zeichen, ein markantes, hoch optimistisches, für eine tolerant lebenstüchtige, vergnügungssüchtige Gesellschaft, die bei aller unerträglichen Leichtigkeit des Seins, bei allem multikulturellen Charme und aller international toleranten Offenheit so etwas wie moralische Schwerkraft und nationale Verantwortlichkeit ausstrahlte. Wir Deutschen, schienen sie durch ihre Existenz auszudrücken, gehören zwar zum internationalen Jetset und seiner wirbelnden Spaßgesellschaft, aber wir verkörpern auch eine hart erarbeitete Tüchtigkeit und Verantwortlichkeit, die neue Variante des deutschen Wunders.

Ich weiß zwar nicht, wie Boris und Babs "wirklich sind", ich will es auch nicht wissen, aber sie strahlten die optimistische Gewissheit einer neuen Mitte, der Schröder-Mitte aus: Becker, Gottschalk und Harald Schmidt, Spaßmacher zwar, wichtige Kerle und Quotenbringer, verkörpern (verkörperten?) ein Deutschland, das Spaß verstand und doch wusste, wo der Spaß aufhörte: jenseits der Toleranz und diesseits der Jenny-Elvers-artigen geschmacklosen Verantwortungslosigkeit. Nein, Becker war kein Zlatko, sondern ein hart arbeitender und begnadeter Tennisspieler, und seine Ehe war mehr als Klatschspaltenfutter, nämlich verantwortliche Liebe und Familienplanung: Hinter all den schillernden Seifenblasen, mit denen wir leben, waltet eine höhere, weil bodenhaftende sinnvolle Ordnung, Prioriäten eben.

Boris Becker gehört zu den Sport-Idolen, die es nur einmal für jede Generation gibt. BB, das ist neben Max Schmeling und Fritz Walter, vielleicht noch "Kaiser Franz" Beckenbauer, eine Figur, in der sich der Optimismus und das Selbstvertrauen einer Generation wie in einem Leitstrahl bündelte. War Schmeling die deutsche Faust, die eine redlich kräftige Kontinuität über Katastrophen hinweg symbolisierte, von der überstandenen Nazi-Zeit zu Coca Cola, war Fritz Walter, rackernd bodenständiger Kapitän der Berner Weltmeister-Elf, das Zeichen der Wiederaufnahme Deutschlands unter die fußballernden Kultur-Nationen (das Fußball-Wunder zum Wirtschaftswunder), so verkörperte Becker unsere sieghafte Teilhabe an der Konsum-, Wohlstands-, Wettbewerbsmoderne.

Idol wird man nicht allein durch Verdienst, obwohl Becker seine Kindheit und Jugend für den endlichen und doch frühen Wimbledon- Sieg in aufreibenden Trainingsstunden geopfert hatte. Es war die Gnade der richtigen Geburtsstunde, es war seine stupende Tennisbegabung, es war sein bei aller Disziplin eigenwilliger Charakter, der ihn für die Idolatrie musterhaft präparierte.

Damals wurde das Fernsehen die wichtigere Wirklichkeit, und die Werbung unterwarf die Realität via Fernsehen. War Tennis da nicht der ideale Sport, ein Sport, der keine nationalen Barrieren kannte? Im Farbfernsehen wurden die Bälle gelb und sichtbar, und beim Seitenwechsel war Zeit für die Werbeblöcke, die die Signale der neuen Zeit aussandten: Tennisschuhe, Softdrinks, FreizeitVersprechungen, Hygiene und Luxus, Moden, Autos, Anhängsel, die "musts" von Cartier. Wer wie Becker kämpft, kommt nach oben - selbst wenn er nur aus Leimen stammt, ihm gehört die Welt nebst allen Statussymbolen. Becker war der richtige Mann zur richtigen Stunde.

Viele ernsthafte Gemüter halten die Idolisierung von Popstars wie den Stones, Models wie Claudia Schiffer oder TV-Idolen wie Gottschalk oder Günther Jauch für Flitter und Schnickschnack, nichts, was das Zeitbewusstsein wirklich prägt. Sie irren, weil sie nicht bemerken, dass wir zu guten Teilen längst wirklicher in der unwirklichen TV-Welt leben als im richtigen Leben. Werbemacht, das ist Wirtschaftsmacht, gesellschaftsprägende Macht, das ist die Übermacht der virtuellen Wirklichkeit.

Viele der Zeitgenossen haben mehr wichtige Lebenszeit mit Boris Becker verbracht als mit noch so nahen Freunden und Partnern. Sie haben mit ihm, während Turnieren in New York, Paris, Melbourne, stundenlang gehofft, gezittert, gebangt, triumphiert, sie haben mit totaler Anteilnahme seine sympathischen Wutanfälle verfolgt, seine kraftvolle Unberechenbarkeit geteilt. Er war kein Langweiler wie Ivan Lendl, keine artig höfliche Tennismaschine wie Pete Sampras. Becker war Becker.

Leitfigur Becker: Solche Männer (und solche Frauen) braucht die Wirklichkeit, weil die Werbung sie braucht. Nun kommt hinter dem Idol ein Egomane zum Vorschein, denn wer sich trennt, der will für sich sein, der ist zur Kooperation nicht bereit, der opfert die nötigen Kompromisse seinem Egoismus. Trennung, das ist das wahre Zerrbild unserer Gesellschaft, in dem sie sich besser erkennt als in der Gemeinsamkeit. Idole sollen so gut und so glücklich sein, wie die Gesellschaft es sein möchte - oft wider besseres Wissen und wider eigene Erfahrung.

Taugt ein Boris Becker, der eigene Prioritäten der Trennung setzt, noch als Idol, als Werbeträger? Früher trugen Mädchen T-Shirts mit der Schrift "Never trust a tennisplayer for Love means nothing to him." Schaumer mal!

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