Nach der Wahl : Trübes aus Selters

Bei der hessischen Kommunalwahl sind in Selters/Taunus drei versiegelte Kisten mit nicht ausgewerteten Briefwahlunterlagen im Müll gelandet. Was ist nur geworden aus dieser Gemeinde, die einmal für Reinheit und Klarheit berühmt war!

Weiß man ja oft gar nicht, woher Worte rühren, die wir führen. Was sie bedeuten in ihrem Ursprung. Gewiss, heute weiß man noch, wer Urheber des Schwadronierens auf niedrigstem und gleichzeitigem Zündeln auf gefährlichstem Niveau war, wodurch also das Verb sarrazinieren in unseren Sprachgebrauch kam. Aber irgendwann wird auch das vergessen sein, so wie ja auch kaum noch einer weiß, wem wir den Boykott zu verdanken haben (nämlich dem Ende des 19. Jahrhunderts in Irland lebenden englischen Grundstücksverwalter Charles Cunningham Boycott). Und nun, da die Tage länger und wärmer werden und wir die Picknickkörbe packen und Sandwiches belegen, wer erinnert sich dabei noch an John Montagu, der Earl of Sandwich, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals eine Scheibe gesalzenen Rindfleischs zwischen zwei Toastscheiben legte und damit das Ursandwich kreierte? Und andere Worte gibt es, die sind längst ihrem Ursprung entrückt, aufgestiegen in höhere Sphären, haben sich eingenistet in unsere kollektiven Köpfe und leben dort fort mit eindeutigem Bekanntheitsgrad.

Uhu ist so ein Wort. Kein Mensch sagt: „Reich mir mal den Klebstoff rüber“, man sagt doch „gib mal Uhu!“ Oder Tempo. Man greift nicht zum Papiertaschentuch, wenn die Nase läuft, man nimmt ein Tempo, selbst wenn es von Softie ist. Oder Selters. Man bestellt eine Selters und bekommt ein Mineralwasser, ganz gleich aus welcher Quelle es stammt. Selters! Das steht einfach für Sprudelwasser, für Klarheit, Reinheit und Heilkräfte, die bereits 1581 der berühmte Arzt Jakob Theodor Tabernaemontanus aus der Seltersquelle bei Selters-Niederselters im Taunus aufsprudeln sah und in einem Buch beschrieb.

Klarheit, Reinheit, Heilkraft! Und nun das: Bei der hessischen Kommunalwahl sind in Selters/Taunus drei versiegelte Kisten mit nicht ausgewerteten Briefwahlunterlagen im Müll gelandet. Drei Kisten! Darin die Stimmen von 655 Wählern, was, denn Selters ist zwar berühmt, aber klein, immerhin zehn Prozent der 6600 Wahlberechtigten sind. Es gereicht der Gemeinde zur Ehre, dass sie selbst diese unfassbare Schlamperei öffentlich gemacht und der Kommunalaufsicht gemeldet hat. Aber wird das reichen, um den untadeligen Ruf des Selters wiederherzustellen? Man kann nur hoffen, dass der Vorfall nicht wie Uhu an Selters pappt und nicht dereinst irgendwer sprudelnd sarraziniert und Selters gleichsetzt mit Wahlbetrug. Ja zu deutschem Wasser!

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