Zeitung Heute : Nach einer Tasse stimmt die Chemie des Lebens

Kräutertees sind längst nicht mehr nur Medizin: Unsere Probierrunde kostete Eisenkraut- und Ingwer-Aufgüsse

Thomas Platt

Chemie in Medikamenten ist uns meist willkommen, bei Lebensmitteln steht sie dagegen nicht hoch im Kurs. In Kräutern wiederum, die eine Doppelidentität besitzen aus Heil- und Genussmittel, möchte man ebenfalls tunlichst nichts Synthetisches vorfinden. Doch während kaum ein Mensch auf die Deklaration eines getrockneten Küchenkrauts schaut und erst recht nicht auf den Inhalt von Kräuterlikör, Wermutwein oder Almdudler, werden Tees aus Würzblättern, Blütenständen und Fruchtschalen oft argwöhnisch beäugt, vor allem hinsichtlich der Pestizid- und Düngerrückstände. Kein Wunder: Das gebrühte Kraut war immer eine Sache für Kinder, Bettlägerige und Naturapostel. Mittlerweile hat sich das gehörig gewandelt. Kein Supermarkt, kein Frühstücksbuffet kann es sich erlauben, auf Kräuterauszüge zu verzichten. Diverse Themen-Tees (etwa „Druidentrunk“, „Winterfeuer“, „Willi Vanilli“ oder „Schutz-Engel-Tee“) und eingebürgerte Mischungen erweitern einen Horizont, der lange von Filterkaffee und Ostfriesentee verstellt war.

Höhere Weihen kommen heute dem Eisenkraut zu, das in Frankreich als „Verveine“ in besten Häusern nach dem Abendmenü gereicht wird, um Verdauung und Schlaf zu fördern. Diesen Tee setzte die Monatsrunde als erstes unter Wasser. Die Versammlung im Restaurant „Lorenz Adlon“ besaß einen Hauch von mündlichem Abitur, denn es saßen gleich zwei strenge Aromastrategen mit am Tisch: Der Sommelier, Käsekenner und Leiter des Gourmetrestaurants, Gerhard Retter, und die Adlon-Teamasterin Kathleen Winkler. Sie bescheinigten dem mild-dezenten Eisenkraut von „Kräuter-Kühne“, das wie alle Probanden acht Minuten gezogen hatte, eine makellose Zitrone, die leicht zu Limette und Holunder hinspielt, insgesamt aber nur geringe Tiefe. Doch mühelos ließ es den dumpfen Trunk vom Kräuterstand S. Ball auf dem Winterfeldtmarkt hinter sich. „Da ist das Aroma spazieren gegangen – und nicht mehr nach Hause gekommen“, bemerkte Retter lapidar.

Dass der „Salus Zitronenverbenatee“ aus dem Reformhaus stammt, ist bereits seinem medizinalen Geruch zu entnehmen, dem kaum mehr folgt als sozusagen ein geschmacklicher Korrosionsschutz. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Bioprodukt „Herbaria Zitronen-Verbena“. Immerhin löst sich im Mund für einen Moment vegetabil grundierte Zitrusfrucht, doch der Abgang enttäuscht wie so oft. Noch flacher wirkte der „Ökotopia Zitronenverbene“. Die Runde erschnupperte zwar dichtes Grün (als würde ein Marienkäfer zerdrückt) und ein bisschen Minze, aber im Mund fehlten, seltsam genug, Anfang, Mitte und Ende, so dass der Eindruck gemilderten Wassers entstand.

Muskulösen Körper dagegen besitzt die Verbena von „Ronnefeldt“, die zwar zunächst mit einem Duft wie von feuchter Pappe aufwartet, dann aber ganz robust Zitrone (eher Gras als Frucht) und Minze herausstellt. Zum Schluss wird noch ein Bitterton deutlich, der Ronnefeldt gewissermaßen zur „Assam-Verveine“ stempelt. Die in Streifen geschnittene Verbena aus dem KaDeWe gefällt mit einem geraden Zitronenduft und einer „klar durchgezogenen Stilistik“, wie sich der Sommelier ausdrückte; doch nach der Extraktion der Blättchen kehrt die Aromakurve nach einem interessanten Augenblick rasch auf den Boden der Tatsachen zurück.

Der „Kusmi Verveine“ aus dem 1867 in St.Petersburg gegründeten Haus Kousmichoff, den Galeries Lafayette anbietet, lagert wie ein junger Cognac im Porzellan. Ihm entströmt ein Duft von frisch gemähtem Gras und eben in den Schober gebrachtem Heu, beim Verkosten treten Gewürze in den Vordergrund. Anklänge von Zitronengras, Ingwer, Minze und Anis entfalten sich ungeniert, als führen die Eukalyptischen Reiter höchstselbst durch den Rachen. Beim zweiten Probanden aus dem Angebot des französischen Magazins gelangte die Runde endlich zum Ziel: Die Ernte von „Café Malongo“ verdient den Preis – allein schon wegen der betörenden Nase aus sprießendem Blatt und Limettenzeste. Furios und filigran zugleich dann der Sud, in dem Retter sogar die Süße von kleinen Mirabellen ausmachte.

Danach fiel der dritte Platz an die „Verveine odorante feuille“ des provenzalischen Produzenten „Infusions des Baronnies“ von Maître Philippe aus der Emser Straße, weil er nach Art eines Fazits zahllose Nuancen in sich vereint. Eine dankbare Zweitplazierung erzielte die Sorte von „Tee Gschwendner“ nach erneutem Vergleich mit Kräuter-Kühne. Ihre elegante Frische aus Heublüte und Zitronenbonbon, grundiert von Honig und einem Hauch rosa Pfeffer, traf ziemlich genau die Vorstellung, mit der die Tafelrunde überhaupt erst in die Prüfung ging.

Eine Alternative zum heutigentags weithin überschätzten Rooibush, den es mittlerweile in absurden Parfümierungen gibt, bildet die Mischung Ingwer Fresh, die einem ayurvedischen Rezept folgend aus Limonengras, Süßholzwurzel, Ingwerstücken, Krauseminze, Zitronenzeste und schwarzen Pfefferkörnern besteht. Eisgekühlt vermag sie sowieso jede Limonade aus dem Glas zu spülen und frisch gebrüht kann sie den meisten Tees das Wasser reichen. Lediglich vier Erzeugnisse kamen in die engere Wahl, die wiederum in Wohl und Wehe zu teilen, nachgerade ein Klacks war. Der an Fisherman’s Friend erinnernde „Wellness Sporty Spirit“ aus dem KaDeWe oder auch „Ingwer Sonnentor“ aus ökologisch kontrolliertem Anbau, der in vielen Biosupermärkten erhältlich ist, erscheinen über ihren Würzgehalt hinaus gerade so, als würde eine Süßstofftablette auf der Zunge zergehen. „Ingwer wächst nicht in Österreich“, entschuldigte Gerhard Retter den Sonnentor-Fauxpas aus seiner Heimat.

Das laut Tütenaufdruck „teeähnliche Getränk“ von Kräuter-Kühne benötigte dagegen keine Ausrede. Dieser „Ingwer Fresh“ betont die Zitrone, fängt sie mit Minze auf und wirkt gut abgerundet im Holz: „Unglaublich, wie süß Natur sein kann“, äußerte Frau Winkler einigermaßen verblüfft. Als noch beeindruckender erwies sich ein ingwerneskes Getränk von der „Teehandelsgesellschaft am Viktualienmarkt“ (Tel.: 089/29161691). Hier begegnet der prächtig entwickelten Wurzel- und Schotenschärfe das von Minze konturierte Lakritz in geradezu musikalischer Weise und Weite. Außerdem verspürt der Gaumen ein in der gesamten Kulinarik rares Aroma: die blanke Erde. Weil Kräutlein bei aller Verletzlichkeit fest im Humus gründen, erinnern sie an die Wurzellosigkeit des Menschen, der im Paradies – entgegen der Legende – auch fest am Grund gehangen haben muss. Diesem Gedanken bei einer Tasse flüssigen Blatts folgen alle andern. Anschließend stimmt die Chemie des Lebens wieder.

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