Zeitung Heute : Nach Indien reisen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wir sind wieder wer! Genug gejammert über den deutschen Film, endlich, so schrieb ein Kritiker nach der europäischen Filmpreisverleihung am Wochenende, können wir stolz auf uns sein, fast so stolz wie nach dem Wunder von Bern. Nach Jahren der Kino-Niederlage haben wir gesiegt, auf der ganzen Linie, and the winner is: Deutschland. So hat jener Kritiker auf jeden Fall den Triumph von „Good Bye Lenin“ interpretiert.

Interessant ist die Frage ja schon: Wie kann ein so deutscher Film im Ausland so erfolgreich sein? Der englische Titel allein kann’s ja nicht sein. Margaret zum Beispiel, am Wochenende zu Besuch bei mir in Berlin, hat „Good Bye Lenin“ schon zweimal in London gesehen. Dabei kam sie sich offenbar selbst fast ein bisschen ostdeutsch vor. Denn was für die Wessis für die Ossis sind, sind die Amis für die Brits – der große kapitalistische Bruder. Und dass der Kommunismus untergegangen ist, stimme auch ihre Generation der 50-, 60-jährigen Briten ein bisschen melancholisch. Last but not least: dass ein Sohn seine Mutter liebt, das sähe jeder Engländer gern.

Auch kulinarisch sind wir wieder wer. Margaret zumindest hat in Berlin deutsches Essen gesucht und in der Winterfeldtstraße gefunden. Ganz begeistert war sie von ihrem Wildschweingulasch mit Spätzle und Rosenkohl, das sie im „April“ gegessen hat. Komisch, dachte ich, muss wohl was Deutsches sein: Wenn ich auf die Straße gehe, habe ich immer das Gefühl, dass mir die große weite Welt vor den Füßen liegt. Bei mir in der Winterfeldtstraße kann ich mir afrikanische Locken drehen lassen, russische Antiquitäten kaufen, und, höchst authentisch, kanadische Pancakes, elsässische Flammkuchen und arabische Falafel essen. Tori-Katsu, 1968 eröffnet, behauptet sogar von sich, „weltweit der erste Japan-Imbiss“ zu sein. Der Besitzer, der sich als „Erfinder der Kaiza-Methode“ anpreist, verspricht „sehr gutes Wohlbefinden 33 Minuten nach dem Essen“. Wenn’s draußen friert, ab null Grad abwärts, kriegt jeder Kunde zum Essen eine heiße Suppe geschenkt, und neuerdings steht sogar eine Weltneuheit auf der japanischen Speisekarte: panierte Pommes Frites. Hab ich allerdings noch nicht probiert.

Im Antiquariat Mertens & Pomplun ist das ganze Schaufenster global dekoriert, mit bibliophilen Reisen durch die deutschen Kolonien, nach Togo zum Beispiel oder Kamerun, im „World Security Shop“ kann ich mir einen Bodyguard vermitteln lassen; im „Bukowina“ werde ich unfreundlich russisch bedient und bei der Agentur „coming home“ kann ich mir eine Wohnung in Barcelona mieten. Das Schönste aber kommt erst noch: Immer, wenn ich abends vom Büro ermattet nach Hause radle, und denke, wann bin ich endlich da, scheint mir aus der Galerie Shee.de eine Rikscha mit Neonröhre entgegen. Seit der Fotoausstellung „Wedding in Rajasthan“ steht sie dort in der Galerie in einem gesichtslosen 60er-Jahre-Bau und gibt mir jedesmal so ein beruhigendes, herzerwärmendes Gefühl: das Gefühl, gleich zu Hause und in der großen weiten Welt zu sein.

In der Galerie Shee.de, Winterfeldtstr. 72, findet an den Adventssonntagen (12-18 Uhr) ein Kitschbasar statt ( www.shee.de ).

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