Zeitung Heute : Nach Kiew der Liebe wegen

Warum einsame Westler in die Ukraine reisen? Weil rund 1000 Agenturen Hochzeiten vermitteln

Claus Räfle[Kiew]

Eine Plattenbausiedlung am Rand von Kiew, elfter Stock, Südseite. Natalia Denisenko, 26, steht in ihrer Küche und zupft das Kleid zurecht. Sie ist zierlich, braunes Haar fällt über eine kanarienvogelgelbe Kunstpelzjacke. Sie hat sich hübsch gemacht. Eigentlich ist sie Krankenschwester, aber heute Abend ist sie ein „Date“. Um acht will sie im Tschaikowski-Restaurant sein, nicht weit vom Revolutionsplatz, wo vor einem halben Jahr alle Welt Übertragungswagen aufgestellt hatte, um vom Freiheitskampf der Ukrainer zu berichten. Es soll ein romantischer Abend werden. 300 Frauen werden dort sein.

Die amerikanisch-ukrainische Firma „A Foreign Affair“ hat diesen Abend organisiert. Die Mitarbeiter haben einen Rundruf gestartet unter den Frauen in ihrer Kartei, alle zwischen 18 und 35. „A Foreign Affair“ ist ein Hochzeitsanbahnungsunternehmen. Für diesen Abend werden im Tschaikowski 30 bis 40 Männer aus dem Westen erwartet – Männer, die einsam sind, Männer, die Frauen suchen. Aus der ganzen Welt kommen sie her, aus Belgien, Italien, Deutschland, vor allem aber aus den USA. Natalia war sogar schon mal dort – drüben, in den USA, über eine Bekanntschaft, die sie an so einem „Social“ genannten Abend gemacht hatte. Vor zwei Jahren hatte sie einen Gemüsehändler aus Milwaukee kennen gelernt.

Zwei Mal war ihr Amerikaner, Rick, hier in Kiew, dann hat er sie mit rübergenommen: „Als wir in seinem Haus ankamen, war alles so, wie er erzählt hatte. Ein riesiger Kühlschrank, eine große Garage, zwei Autos. Aber als wir dann die erste Nacht in seinem Schlafzimmer verbringen wollten, waren wir da nicht allein. Im Doppelbett lagen zwei große Hunde. Er sagte mir, dass er jede Nacht mit seinen Hunden das Bett teile.“ Natalia schaut sich ein letztes Mal prüfend im Spiegel an. „Na ja, als er nach ein paar Tagen immer noch nicht auf die Hunde verzichten wollte, bin ich wieder nach Hause geflogen.“

Das Reisegeschäft gegen die Einsamkeit ist ein höchst lukrativer Markt in der Ukraine – so lukrativ, dass hinter fast allen großen Unternehmen mittlerweile westeuropäische oder amerikanische Finanziers stecken. Insgesamt gibt es heute mehr als 1000 Hochzeitsagenturen. 3000 bis 4000 Dollar zahlen die männlichen Kunden für einen Zehntagestrip nach Kiew, inklusive Flug, Abholung, Übersetzungsservice, Unterbringung in Hotel oder Privatappartement. Außerdem gibt’s eine Stadtrundfahrt. Und dann werden ihnen die Frauen vorgestellt. Frauen, die das Gleiche wollen wie sie: heiraten. Jeder Klient hat das Recht, in den ersten drei Tagen fünf Frauen zu treffen, die er vorher ausgewählt hat.

Im Tschaikowski-Restaurant läuft Julia, 33, die Managerin von „A Foreign Affair“, mit strengem Blick zwischen den großen runden Tischen hin und her. Es ist fein eingedeckt, Kerzen brennen, ein Kronleuchter und Leuchtkugeln wie aus der Dorfdisko werfen weiches Licht auf die Szene. Später werden die Männer hier zunächst von den Frauen getrennt sitzen, Blicke wandern zwischen den Tischwelten hin und her. Es gibt süßen roten Krimsekt, georgischen Wein und eiskaltes ukrainisches Bier mit wenig Schaum. Wenn einer der Männer eine Frau entdeckt, die ihn interessiert – ein Fingerschnippen genügt: Schon ist eine der Dolmetscherinnen zur Stelle. Aufgeregt werden die beiden Heiratswilligen dann zusammensitzen, erste Fragen über das Wie und Warum: Wie heißt du, wie alt bist du, was machst du? Dann wagemutig Intimeres. Er: Möchtest du eine Familie haben? Würdest du zu Hause bleiben? Sie wird dann antworten, dass sie auch gut kochen kann, Borschtsch natürlich, was er meistens kennt und deshalb freudig lacht, über so viel westöstliche Gemeinsamkeiten. „We have this in America, Borschtsch, they sell it at Ralph’s supermarket, deep frozen…“ Vielleicht wird ja diesmal etwas draus?

Das Büro von „A Foreign Affair“ liegt praktischerweise im selbem Hotel, in dem auch die Gäste aus dem Ausland logieren, im Rus, einem spätsozialistischen Drei- Sterne-Kasten, in der unrenovierten fünften Etage. Ein paar alte Computer, eine Couchgarnitur, ein Regal mit Leitzordnern. Die Ordner sind voller Klarsichthüllen, die das Betriebskapital schützen.

Sie sind nach zwei Kategorien geordnet: Frauen zwischen 18 bis 30 Jahren. Und Frauen über 30. Die Bekanntschaft mit einer Frau unter 30 und ohne Kind kostet 25 Dollar. Frauen mit Kind oder über 30 gibt es schon ab 15 Dollar. Neben Größe und Oberweite ist auch das Sprachniveau vermerkt: Level eins steht für die Kenntnis einzelner Worte. Level drei reicht für einfache E-Mails und Ferngespräche. Fünf bedeutet fließende Kommunikation und ist selten. Aber dafür stehen ja zahlreiche private Sprachschulen bereit. „A Foreign Affair“ hilft auch hier. Der Kunde im Ausland kann seiner Traumfrau Sprachstunden spendieren, für 15 Dollar die Doppelstunde. Mehr als 1000 Frauen verzeichnet die Kartei.

Natalia sitzt mittlerweile im Bus, gewaltige Satellitensiedlungen ziehen am Fenster vorbei, sentimentale Musik quakt aus den Lautsprechern. Natalia hat große Hoffnungen für diesen Abend. Vielleicht schafft sie es ja doch nochmal, aus der Ukraine rauszukommen. Es geht ihr hier eigentlich nicht schlecht, gemessen an den Verhältnissen in diesem Land. Mit 100 Euro im Monat verdient sie in Kiew fast doppelt soviel wie in der Provinz. Aber rauskommen, das wollen alle, die sie kennt. Eine Bekannte von ihr ist mit einem Engländer verheiratet. Ihre Schwester mailt regelmäßig mit einem Italiener. Er wird im Sommer kommen. „Die ersten Momente sind immer die entscheidenden“, sagt Natalia. Wenn der, den man vom Foto und aus Telefonaten kennt, plötzlich lebendig vor einem sitzt. Wenn man tapfer gegen die Unsicherheit anstrahlt. Das Lied, das jetzt aus den Buslautsprechern kommt, ist eine dieser Banditen-Balladen, die zurzeit besonders bei Männern populär sind: Lieder von Gangstern, die im Gefängnis sitzen und von der Freiheit träumen. Davon, mit ihren Freunden in Nachtclubs zu sitzen und sich von den Frauen bewundern zu lassen. Davon, sich zu nehmen, was sie wollen – die einzige Chance, sich in der postsozialistischen Gesellschaft zu behaupten – und nicht als Verlierer dazustehen, wenn Tausende von Westkonkurrenten ihnen ihre Frauen wegschnappen.

Allein in Kiew gibt es mittlerweile mehr als 300 Hochzeitsagenturen. Brett Ousleys „Kiew Connection“ gehört dazu. Brett ist ein sympathischer Mittvierziger aus Atlanta, USA, schütteres Haar, Brille. Er ist kein Typ, auf den die Frauen achten, und so war Brett früher selbst auch ziemlich allein. Er hatte sich dann allerdings frühzeitig dahin gewandt, wo das andere Geschlecht mehr auf die inneren Werte zu achten schien: auf einen sicheren Job, ein gutes Einkommen, auf Zuverlässigkeit und respektvolles Benehmen. Nachdem er bei fast 50 Partneragenturen in der ehemaligen Sowjetunion versucht hatte, sein privates Glück zu finden, beschloss er, von der Klienten- auf die Unternehmerseite zu wechseln, das war vor fast drei Jahren.

Seine Agentur residiert in einem Hinterhofbüro im Stadtzentrum von Kiew. Wegen der großen Nachfrage wird auch am Wochenende gearbeitet. Das Büro ist winzig, 35 Quadratmeter, und rosa gestrichen. Die Stimmung ist gut. Pro Tag gehen bis zu 200 E-Mails aus der ganzen Welt ein mit Anfragen nach Frauen. Zehn Mitarbeiterinnen sind heute da, drei nur fürs Übersetzen der Mails. Swetlana macht den „Delivery Service“. Sie überbringt die übersetzten Briefe persönlich an die Adressatinnen, denn viele Frauen wollen nicht, dass verfängliche Post im Briefkasten landet. Die Übergabe findet meist an belebten Orten statt, an U-Bahnstationen oder bei McDonald’s in der neuen Shopping Mall. Eine Kollegin übernimmt den „Gift Delivery Service“, denn die Agentur bietet auch die Möglichkeit, Geschenke für die Traumfrau zu ordern, vom Blumensträußchen bis zum Parfüm.

Brett hängt gerade die restlichen rosa Herzchen vom letzten „Social“ im Flur auf, sie waren die Dekoration. „Da hinten“, er zeigt auf einen Vorhang, „da ist unser Fotostudio.“ Zwei abgetrennte Quadratmeter Besenkammer. Ein Barhocker, weißer Stoff als Hintergrund. Brett legt Wert darauf, dass die Mädchen so realistisch wie möglich abgebildet werden. Viele kleine Agenturen, die per Laptop betrieben werden, locken Männer aus dem Westen mit falschen Versprechungen an, klagt Brett. Denn das Geschäft mit der Liebe verspricht im Zeitalter von Internet und billigen Ferngesprächen schnelle Rendite abzuwerfen. „Viele Agenturen leben nur vom Bild- und Adressenverkauf. Wir dagegen wollen unsere Kunden glücklich machen“, sagt Brett. „Wir machen keinen Massenverkauf von Adressen, wir schauen, wer passt zu wem.“ Wie viele Hochzeiten er in den letzten zwölf Monaten über die Bühne gebracht hat? Fünf. Oder waren es sogar sechs?

Mittlerweile ist Natalia fast im Tschaikowski angekommen. Ob es dieses Mal klappt? Egal. Dann nächstes Wochenende. Die letzten Meter geht sie über den Heldenplatz. Vor ein paar Monaten standen hier noch die friedlichen Demonstranten, jetzt haben sich hier Souvenirhändler breit gemacht und bieten Demokratie-Devotionalien in Orange an. Schals, Kugelschreiber, Stirnbänder. Es sind die zweitbeliebtesten Exportartikel der jungen Demokratie.

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