Zeitung Heute : Nach Ladenschluß geht die neue Kundengeneration an den PC

Wenn Gewerkschaften und Landesregierungen wieder über das Ladenschlußgesetzt streiten, geht August Ortmeyer an seinen Computer im Bonner Wohnzimmer und kauft ein - um 23.00 Uhr. "Die Diskussion ist überflüssig. In fünf Jahren haben viele Haushalte Internet-Zugang, eine junge Generation geht ganz locker mit der Technik um und kauft via Datennetz", ist sich der Abteilungsleiter im Deutschen Industrie und Handelstag (DIHT) sicher. Wenn Händler und Gewerkschaften nicht bald aufwachten, dann werde die Konkurrenz Internet einen breiten Markt übernehmen.Professor Claudius Schmitz von der Fachhochschule Gelsenkirchen sieht deshalb auch schon nicht mehr die großen Einkaufsmärkte auf der Grünen Wiese als Hauptkonkurrenz zum traditionellen Handel, sondern das Datennetz. "Erst sieben Prozent der deutschen Haushalte haben Zugang zum Internet, aber die Wachstumschancen sind enorm und nicht zu übersehen", sagt er. Kritiker, die behaupteten, das Internet sei nur eine Modeerscheinung gewesen, seien mittlerweile verstummt. Wenn die heutige Generation jugendlicher Internetnutzer eine eigene Familie gründe oder in die eigene Wohnung ziehe, würden sich die Einkaufsgewohnheiten dramatisch verändern. Vom Fleischer in Bonn bis zum Maßschneider sei bereits heute fast alles im Netz vertreten - meist billiger als beim Händler in der Stadt.Der Preis wird bei der neuen Einkäufergeneration aber gar nicht im Mittelpunkt stehen. Viel wichtiger ist ein Gut, das mit keinem Geld der Welt bezahlt werden kann - Zeit. "Der Tag hat nur 24 Stunden, und die wollen vor allem junge Leute für ein unglaublich breites Angebot von Freizeitaktivitäten nutzen", sagt Ortmeyer. Die neue Generation wolle einkaufen, wann sie dazu Lust habe und nicht durch enge Ladenöffnungszeiten an den Wochenenden eingegrenzt werden. "Ich kann mich zehn Minuten an den Computer setzen und etwas bestellen oder eine halbe Stunde mit Auto oder Bus in die Stadt fahren, dort einen Parkplatz suchen, Parkgebühr zahlen und durch die Geschäfte tigern", vergleicht Ortmeyer.Vor allem "Produkte, die keinen Spaß machen", werden nach Ansicht von Schmitz künftig per Datennetz bestellt und dann ins Haus geliefert. Dazu gehören Getränke in schweren Flaschen oder Waschmittel. Frische Lebensmittel oder ein neues Parfüm gehen weiter beim normalen Händler über den Ladentisch.

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