Zeitung Heute : Nach Osten reisen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Mein erster Kontakt mit Bewohnern des Ostblocks war sehr eindrücklich. Die hatten nämlich Gewehre, und richteten sie auf mich. Es war an einem heißen Sommertag, Mitte der achtziger Jahre. Mit dem Velo wollte ich von Wien aus den Osten erkunden. Mein vages Ziel: Budapest.

Beim Neusiedlersee muss ich irgendwo falsch abgebogen sein, und plötzlich war ich in Ungarn. Weit und breit kein Häuschen mit dem Hinweis-Schild: „Wenn Sie etwas zu verzollen haben, bitte läuten!“, wie ich es aus dem Basler Dreiländereck kannte. Stattdessen sprangen bis an die Zähne bewaffnete Grenzsoldaten aus dem Schilf. Nicht gerade gastfreundlich, dieser Ostblock.

Heute bin ich Gesinnungs-Ossi! Damals sowieso. In Basel dachten wir alle irgendwie links in den Achtzigern. Mein Freund Patrik trug eine Bolschewistenmütze mit rotem Stern. Die kam gut an bei den Mädels. Wir waren überhaupt sehr subversiv. Mit Vorliebe ritzten wir mit unseren Schweizermessern „CCCP“ in die Schulbänke. Das heißt, ich eigentlich weniger, denn wir hatten keinen Fernseher zu Hause. Daher war ich etwas weltfremd, und dachte, CCCP sei eine Eishockey-Mannschaft aus Canada.

Dafür war ich im Herzen der konsequenteste Gesinnungs-Ossi. Als einziger bin ich eines Tages wirklich rübergezogen. Nach Leipzig. Allerdings gab es damals bereits keinen Ostblock mehr. Es war 1993. Mein Freund Sämi aus Basel kam mich mal hier besuchen, und meinte anerkennend: „Toll hier, erinnert irgendwie an den Film Nosferatu.“

Das ist lange her. Heute trauen sich meine Basler Kumpels nicht mehr in den Osten. Neulich schaffte es Steffe zumindest bis nach Berlin. Er wurde extrem nervös, als ich ihm von einer Grillparty im Garten der WingTsun-Schule von Strausberg erzählte. „Strausberg?“, fragte er, „Ist das nicht im Osten?“ Er habe solche Angst vor den Glatzen. Ich beruhigte ihn. WingTsun sei eine extrem wirkungsvolle Kampfkunst. „Mit meinen WingTsun-Kumpels kann uns nichts passieren“, versicherte ich. „Und auf der Hinfahrt?“, fragte Steffe ängstlich.

Wir hatten Glück. Wenig Leute in der S-Bahn. Lediglich drei überdrehte Teenagerinnen aus Strausberg Nord. Wir unterhielten uns auf Baseldeutsch, da stellten sie uns zur Rede: „Sagt mal, sprecht ihr eigentlich Bayerisch oder Sächsisch?“ – Wahnsinn: Die Wiedervereinigung hat funktioniert! Die Mauer im Kopf ist gefallen, zumindest bei der jungen Generation!

Das hat allerdings auch seine Schattenseiten: Neulich war ich in der Magnet-Bar. Beste Lage, gutes altes Ost-Berlin. Die meisten Stammgäste dieser Bar leben in Prenzlauer Berg oder in Mitte. Viele mögen einander sehr gern. Dauernd liegen sie sich in den Armen. Ein bisschen wie Schauspieler. Dabei sind sie eigentlich Medien-Fuzzis.

Alle gaben sich fröhlich und gelöst, ich auch. Ein netter Abend. Nur Nadja saß die ganze Zeit über in der Ecke eines schicken Sofas und schmollte. „Die Einrichtung, die Leute“, sagte sie befremdet: „Alles wie in München!“ Recht hat sie.

Feiern wie in der Münchner Favoritbar: Magnet-Bar, Veteranenstraße 26, Berlin-Mitte. Effektive Selbstverteidigung: WingTsun-Schule Strausberg, Tel. 0179-5227522, www.wt-strausberg

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