Zeitung Heute : Nach S-Bahn-Chaos fahren Dauerkunden zwei Monate gratis

Weitere 70 Millionen Euro für Entschädigungen Berlin will Betrieb auf dem Ring ausschreiben

Berlin - Zwei Monate Gratisfahrten für Abonnenten und Jahreskartenkäufer sowie weitere Ermäßigungen für Fahrgäste: Rund 70 Millionen Euro lässt sich die S-Bahn ihr zweites Entschädigungspaket kosten. Einen normalen Fahrplan wird es aber nicht vor Ende des Jahres geben. Und Normalbetrieb mit der nötigen Zahl von Wagen ist frühestens 2011 möglich. Sollte ein Teil des Netzes nach dem Desaster ausgeschrieben werden, hat der Senat dafür den Ring mit den Zulaufstrecken aus Königs Wusterhausen und Schönefeld vorgesehen.

Bahn-Chef Rüdiger Grube verkündete die Entschädigungsregelungen am Donnerstag nach dem Treffen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Dieser stellte danach klar, dass damit für das Land „noch nicht alles erledigt ist“. Der Senat erwartet, dass die Bahn auch bei den Nachverhandlungen zum Verkehrsvertrag nachgibt und schärferen Sanktionsmöglichkeiten zustimmt. Hier soll eine Entscheidung bis Mitte Februar fallen.

Eine Verbesserung der desolaten Lage sei nicht von heute auf morgen möglich, sagte Wowereit weiter. Der Senat wolle aber ausschließen, dass sich ein solches Debakel nochmals wiederholen könne. Bahn-Chef Rüdiger Grube erklärte, die Situation bei der S-Bahn schmerze ihn persönlich. Sie trifft aber auch den Konzern hart. Den bisherigen Schaden beziffert Grube mit rund 156 Millionen Euro. Nicht in dieser Summer enthalten sind die 70 Millionen Euro für die zweite Entschädigungsrunde und der zusätzliche Aufwand für die Fahrzeuge.

Die Bahn lässt an den 1000 Wagen der Baureihe 481 nach einem Radbruch alle 4000 Achsen und 8000 Räder durch neu entwickelte Typen ersetzen – zunächst auf eigene Kosten. Diese müssen noch vom Eisenbahn-Bundesamt zugelassen werden, weshalb es im Frühjahr nochmals Messfahrten im gesamten Netz geben wird. Nur wenn diese erfolgreich sind, geht der Fahrplan der Bahn zur Rückkehr zum Normalbetrieb auf.

Unabhängig davon bereite sich der Senat darauf vor, zunächst den Betrieb auf einem Teil des Netzes auszuschreiben, sagte Wowereit. Dies sei keine „Drohgebärde“. Möglich sei ferner, die BVG mit dem Betrieb zu beauftragen. Den vom Senat erwogenen Kauf der S-Bahn lehnte Grube erneut als „Lachnummer“ ab.

Bei der S-Bahn habe das Unternehmen viele Fehler gemacht, gab Grube zu. Interne Konsequenzen wolle die Bahn am 23. Februar mitteilen. Grube bat die Fahrgäste erneut um Entschuldigung und bedankte sich bei den Mitarbeitern der S-Bahn, die einen „verdammt guten Job“ machten. Er sicherte zu, dass die vor vier Jahren geschlossene Werkstatt Friedrichsfelde, die vor gut zwei Wochen wieder in Betrieb genommen worden war, längerfristig geöffnet bleibt.

Die CDU kritisierte, dass Wowereit auf eine Erfolgsgarantie der Bahn verzichtet habe. Die Grünen warfen Wowereit vor, bei dem Treffen nichts bewirkt zu haben. Sie forderten erneut, den Vertrag mit der S-Bahn vorzeitig zu kündigen. Zudem müsse die S-Bahn einen besseren Ersatzverkehr organisieren. Das ergänzende Angebot auf den Regionalbahnstrecken zwischen Ostbahnhof und Potsdam sowie zwischen Spandau und Charlottenburg bleibt nach Angaben der Bahn „bis auf Weiteres“ erhalten. Dass der Bahn-Konzern mit der neuen Entschädigungsregelung Verantwortung für die größtenteils selbst verschuldeten Probleme bei der S-Bahn übernommen habe, sei ein gutes Signal, erklärte der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Damit sich das Desaster nicht wiederhole, müssten aber auch dringend strukturelle Entscheidungen getroffen werden.

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