Zeitung Heute : Nach uns die Sintflut

In letzter Zeit höre ich oft Klagen über den Egoismus der Leute, die in diesem Zusammenhang gern „Bürger“ genannt werden. Bürger wollen keinen neuen Bahnhof, weil ihnen der Baustellenlärm vor ihrer Tür nicht behagt. Bürger sind gegen Flugplätze, gegen Atommüll-Endlager und überhaupt alles Fortschrittliche, Zukunftsträchtige und Notwendige, sofern es ihre Lebensqualität beeinträchtigt. Bürger denken nur an sich. Das Gemeinwohl und die künftigen Generationen sind ihnen schnuppe.

Finanzminister Wolfgang Schäuble hat, zur Lage der Nation, gesagt: „Wir ertrinken in Schulden.“ Griechenland und Irland sind ja bereits Wasserleichen. Portugal! Spanien! Italien! Das, was in Hinblick auf künftige Generationen am dringendsten erforderlich ist, wäre vermutlich eine Beendigung des Schuldenmachens. Am Tag zuvor hat Jürgen Trittin ein Interview gegeben. Er wurde gefragt, was die Grünen tun wollen, wenn sie wieder an der Regierung sind. Sie wollen zum Beispiel Hartz IV kräftig erhöhen und, zur Finanzierung, das Ehegattensplitting abschaffen, im Klartext heißt das: Steuern rauf. Trittin klagt auch schon mal vorsorglich über die Schuldenbremse, die demnächst kraft Grundgesetz wirksam werden soll. Man kann die Schuldenbremse allerdings leicht umgehen, und ich wette, das wird passieren. Es ist das alte Lied: Der Staat gibt noch mehr Geld aus und erhöht noch mal die Steuern, der Rest wird auf Pump finanziert, wie immer. Sollen sich doch die Enkelkinderchen damit herumärgern. Falls der Laden nicht schon vorher absäuft. Und wenn in 30 Jahren überhaupt kein Hartz IV mehr bezahlt werden kann, weil der Staat pleite ist, wen kümmert’s? Jürgen Trittin ist dann im Ruhestand. Nach uns die Sintflut.

Die meisten Politiker verhalten sich exakt genau so wie die sogenannten Bürger, denen sie wegen deren Egoismus moralische Vorhaltungen machen. Sie wollen gewählt und Minister werden. Um dieses Ziel zu erreichen, geben sie Geld aus, das nicht vorhanden ist, und sie wissen, was sie tun. Jede Sparmaßnahme ist nämlich unpopulär und kann karriereschädlich sein, während das Verteilen von Geld an Günstlinge (Modell FDP) oder an die Armen (Modell Jürgen Trittin) schon im alten Rom die beliebteste Politikertätigkeit gewesen ist.

Ach, man durchschaut es ja, einerseits, und man hat (als Bürger) diese tiefe Sehnsucht nach jemandem, der selbstlos ist und ehrlich und der dem Volk ausnahmsweise die Wahrheit sagt und all das. Oder man träumt (als Politiker) von einer Bevölkerung, die das große Ganze sieht statt immer nur das eigene Privatinteresse. Aber man selbst möchte natürlich auf gar keinen Fall der Erste sein, der mit dem allgemein verbreiteten Egoismus aufhört.

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