Zeitung Heute : Nachgerechnet

Carsten Brönstrup

Bahntickets scheinen immer teurer zu werden. Gleichzeitig startet die Bahn immer wieder Billig-Verkaufsaktionen wie jetzt bei Lidl. Wie kann sich das für das Unternehmen rechnen – und wie für den Kunden?

Für knapp 50 Euro mit dem Zug quer durch Deutschland und wieder zurück – bei solchen Sparpreisen kommen selbst viele Billigflieger nicht mehr mit. Und auch Auto fahren ist angesichts historisch hoher Spritpreise keine Alternative. Für die Deutsche Bahn ist das Billigticket, das ab diesem Donnerstag erstmals beim Discounter Lidl verkauft wird, trotz des Kampfpreises aber kein Verlustgeschäft. Denn bisher bleiben in ihren Fernverkehrszügen durchschnittlich mehr als fünf von zehn Sitzen unbesetzt. Jedes zusätzlich verkaufte Ticket beschert der defizitären Konzernsparte also willkommene Einnahmen. Deshalb hat sie schon seit Monaten immer wieder Billigtickets im Angebot, etwa die 29-Euro-Aktion im Frühjahr oder die Surf-and-Rail-Fahrscheine. Nachteil: Sie waren meist nur im Internet zu kaufen – oder rasch vergriffen.

Mehr als nur ein Nebeneffekt ist für den Konzern das große Aufsehen durch den Ticketverkauf an der Supermarktkasse. In Umfragen hat die Bahn herausgefunden, dass sie bei potenziellen Kunden als sehr teuer wahrgenommen wird – eine Spätfolge der verunglückten Tarifreform von 2002. Trotz mehrerer Preiserhöhungen sei Bahnfahren derzeit aber nicht teurer als 1999, beteuert Bahnchef Hartmut Mehdorn. Außer passionierten Bahnfahrern weiß das aber kaum jemand. Etwa 60 Prozent der Deutschen ziehen einer Marktuntersuchung zufolge für Reisen über lange Strecken den Zug gar nicht erst ins Kalkül. Auf diese Klientel zielt die Bahn mit der Lidl-Aktion ab – denn das Angebot erfordert keine Planung, ist unkompliziert und preiswert.

Allerdings nicht für alle. Drei Millionen Menschen im Land besitzen die Bahncard und kennen sich mit den vielen Spezialtickets und Frühbucherrabatten aus. Fährt zum Beispiel ein Paar von Berlin nach Hamburg und zurück, kann es entweder das Lidl-Ticket nutzen und zusammen 99,80 Euro bezahlen. Oder es bucht rechtzeitig im Voraus, besitzt die Bahncard 25 und nutzt den Mitfahrer-Rabatt – dann sind nur 75,90 Euro fällig. Auch für Familien ist das Lidl-Angebot kein Schnäppchen. Normalerweise fahren Kinder bis 14 Jahren gratis, wenn die Eltern dabei sind. Beim Supermarkt-Ticket gibt es diese Option dagegen nicht – der Nachwuchs zahlt den vollen Preis.

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