Zeitung Heute : Nachhilfe für Berlin

Ein EU-Projekt zeigt, wie man innovative Wirtschaftsregionen schafft – die FHW forschte mit

Harald Olkus

Wer Eulen nach Athen trägt, will jemandem etwas erzählen, das dieser schon längst weiß. Beim EU-Projekt „Athena“ ist es genau umgekehrt: Dort wurde über drei Jahre hinweg umfangreiches Wissen zusammengetragen. Doch diejenigen, für die es von Nutzen wäre, wissen leider nichts davon. „Konkret meine ich damit die Berliner Wirtschaftsverwaltung“, sagt Sven Ripsas, Professor für Entrepreneurship an der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft (FHW), der als Projektpartner Deutschland an „Athena“ mitgearbeitet hat. In dem mittlerweile abgeschlossenen Politikberatungsprojekt wurde unter der Abkürzung „Paxis“ ein europaweiter Leitfaden erarbeitet, der zeigt wie innovative Wirtschaftsregionen etabliert, Unternehmensgründungen gefördert und ein positives Gründerklima geschaffen werden können.

„Ich muss dabei feststellen, dass Berlin viele Möglichkeiten nicht ausschöpft. Die wirklich heißen Eisen werden nicht angefasst“, sagt Ripsas. Der Senat engagiere sich zwar auf verschiedenen Feldern: Es gibt Gründertage, den Businessplan Wettbewerb, den Innovationspreis und andere Initiativen. „Das ist alles schön und gut“, sagt Ripsas. „Aber die zersplitterte Gründerszene wird dadurch nicht wirklich gebündelt. Wir brauchen einen Schwerpunkt in der Wirtschaftsverwaltung zum Thema Gründung, der die gewonnenen Erkenntnisse in Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum umsetzt.“ „Athena“ biete genau dafür die Grundlagen.

In dem EU-Projekt wurden 22 Innovationsregionen Europas, darunter der Wissenschaftsstandort Adlershof, die Regionen Oxfordshire, Lyon-Grenoble oder Karlsruhe-Pforzheim, untersucht und diejenigen Instrumente herausgearbeitet, die jeweils am besten funktionierten und den Standort erfolgreich gemacht haben. „Von diesem Wissen können wir alle profitieren“, sagt Sven Ripsas. Anhand des Leitfadens könne man herausfinden, welche Instrumente in anderen Regionen erfolgreich erprobt wurden und diese dann am eigenen Standort anwenden. „Die Regionen können voneinander lernen.“

Man muss sich allerdings die Mühe machen, den 400-seitigen, in englischer Sprache verfassten Leitfaden durchzuarbeiten und nach relevanten Ergebnissen zu durchforsten. Natürlich seien nicht alle 22 Gebiete vergleichbar mit der deutschen Hauptstadt. „In der ländlich strukturierten Region Südschweden funktionieren andere Instrumente als im Ballungsgebiet Berlin“, sagt Ripsas. Aber die auf dem Reißbrett entstandene Technologieregion um Nizza habe zum Beispiel Ähnlichkeiten mit Adlershof, ebenso die Regionen um Mailand oder Madrid.

Auch die Fachhochschule für Wirtschaft selbst profitiert von dem praktischen Technologietransfer, den „Athena“ bietet. „Wir haben ein Projekt des Trinity College in Dublin übernommen“, sagt Ripsas. Studierende zum Master of Business Administration beraten dort kleinere Technologieunternehmen in konkreten Geschäftsfeldern. „Für eine solche Verbindung von praxisnaher Forschung und Lehre haben auch wir am Institute of Management Berlin der FHW sehr gute Voraussetzungen: Unsere Studierenden sind im Schnitt 32 Jahre alt und verfügen somit über einige Jahre Berufserfahrung. Im Studium haben sie sich dann das theoretische Know-how angeeignet.“ Als Studienarbeit erstellten sie für ein Unternehmen ein gezieltes Beratungskonzept in einem bestimmten Geschäftsfeld: Eine Studentin, die zuvor schon in den USA studiert hatte, arbeitete zum Beispiel für das Unternehmen Astro- und Feinwerktechnik Adlershof Markteintrittsstrategien für die Vereinigten Staaten aus. Ein anderer Student überarbeitete den Businessplan der Femutec Ingenieurgesellschaft und schaffte es damit unter die fünf ersten Plätze des Businessplanwettbewerbs.

Die Kontakte, die bei der Übernahme von Projekten aus anderen Regionen entstehen, führen zu einem europaweiten Netzwerk. Langfristig stellt sich so der Gedanke eines innereuropäischen Austauschs, der in den Köpfen hierzulande offenbar noch nicht angekommen ist, automatisch ein – ein weiterer Erfolg von „Athena“. Einen Nachteil habe das Projekt allerdings, meint Ripsas. Beim Entwurf der Untersuchung habe man nicht daran gedacht, dass man die Ergebnisse hinterher in geeigneter Form der Öffentlichkeit zugänglich machen muss. Das Geld für Vorträge, Veröffentlichungen, ja sogar für die Übersetzung des Leitfadens in die meisten europäischen Sprachen sei nicht in die Projektsumme eingestellt worden – weshalb kaum jemand von „Athena“ und seinen Ergebnissen weiß.

Es ist in erster Linie ein Vermittlungsproblem, wie auch Berlin eines hat, meint Ripsas: Hier seien zwar die Gründertage erfunden worden. Auf europäischer Ebene vermarktet werden sie aber von Barcelona aus, das mit dem „Barcelona Day of Entrepreneurship“ international erfolgreich ist und den Tag sogar zur Marke machen konnte. Das Image des Innovativen haben somit die Katalanen. Aber wer hat’s erfunden?

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