Zeitung Heute : Nachhilfe für Bildungsbürger

Der Tagesspiegel

Von Matthias Glaubrecht

Die Biologie macht von sich reden. Einst das Stiefkind der exakten Naturwissenschaften Chemie und Physik, mausert sich das scheinbar graue Entlein im deutschen Bildungskanon zwar noch nicht recht zum stolzen Schwan. Indes entwickelt sich die Biologie derweil mit Großprojekten wie dem Human-Genom-Projekt und der Erforschung der biologischen Artenvielfalt sowie der Auswirkung des globalen Klimawandels zur „big science".

Wie kein anderer Zweig der Naturwissenschaften beflügelt die Biologie derzeit zudem die Phantasie von Bioinformatikern und Biotechnologen – ebenso wie von Börsenspekulanten und Politikern. Biologische Erkenntnisse und Möglichkeiten bestimmen das Nachdenken über die weitere Entwicklung unserer Zivilisation wie kaum eine andere Wissenschaft. Damit ist diese Lebenswissenschaft auf dem besten Weg, zur Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts zu werden.

Was lange als obskure Beschäftigung allenfalls einer Handvoll exzentrischer Forscher oder gar Käfersammler und Schmetterlingsfänger galt, diese Biologie glaubten bislang sogar Bildungsbegeisterte ignorieren zu können. Doch so manchem Bildungsbürger der klassischen Schule, traditionell fokussiert auf die Kulturwissenschaften, dürfte derweil aufgehen, dass er glatt zwei Jahrhunderte biologischen Wissens verschlafen hat – und damit kaum gerüstet ist für das gerade angebrochene. Wer weiß schon, was mitochondriale DNS oder Boten-RNS ist, was ein Gen, ein Instinkt, eine Art? Wer kennt neben Carl von Linne und Charles Darwin auch noch Compte de Buffon, George Cuvier, Jean Baptiste Lamarck, oder gar Thomas Hunt Morgan, Theodosius Dobzhansky, Erwin Stresemann und George Gaylord Simpson?

Die beiden Wissenschaftshistoriker Ilse Jahn und Michael Schmitt haben jetzt gemeinsam mit einem kopfstarken Autorenteam fur Abhilfe gesorgt. Die Herausgeberin, die sich über Jahrzehnte an der Berliner Humboldt-Universität mit Biologie-Geschichte beschäftigt hat, darf wohl spätestens seit der Neuauflage der ebenfalls von ihr editierten „Geschichte der Biologie“ (Spektrum Akademischer Verlag, 1998) als die renommierteste Wissenschaftshistorikerin auf diesem Gebiet in Deutschland gelten. Das zweibändige Werk „Darwin & Co.“ sorgt für einen lebendigen Zugang zur Geschichte der Lebenswissenschaften.

Wer wissen will, welche Forscher einst mit ihrer Arbeit die Grundlage für die heutige Erfolgsstory der Biologie schufen, der ist mit dem Doppelband bestens bedient. In mehr als 50 Einzelporträts werden Leben und Werk jener Frauen und Männer vorgestellt, die hinter dem erstaunlichen Siegeszug der Biologie stehen.

Manche von ihnen sind durch einzelne Entdeckungen oder Entwicklungen zu bedeutenden Klassikern der Biologie geworden, während andere eher durch die Vielgestaltigkeit ihrer Arbeit faszinieren oder durch die Farbigkeit ihres Lebens. Jedes Porträt schildert nach kurzer Einleitung den Lebensweg des jeweiligen Forschers, um anschließend dessen Werk und Wirkung darzustellen. Damit haben die einzelnen Beitrage bei aller Heterogenität von Perspektive und Schreibstil ein einheitliches Äußeres.

Oft nähern sich die Autoren der jeweiligen Porträts auf ganz unterschiedliche Weise ihrem Gegenstand, je nachdem ob es in der biologischen Forschung tätige Wissenschaftler sind, die sich einem ihrer „Klassiker“ widmen, oder um ausgebildete Wissenschaftshistoriker mit Interesse an einer historischen Frage oder Epoche. So findet sich beispielsweise vom Historiker Nicolaas Rupke ein ebenso kondensiertes wie lesenswertes Porträt über den britischen Anatomen und Museumsgründer Richard Owen (1804-1892) und dessen Zeit, während sich der Ethologe Günter Tembrock dem Leben und Wirken des Berliner Ornithologen und Verhaltensforschers Oskar Heinroth (1871-1945) angenommen hat.

Mit „Darwin & Co." ist eine bislang einmalige Zusammenschau entstanden, die das Werk schnell selbst zu einem Klassiker der Biologiegeschichte machen wird. Denn unter den knapp 50 Lebensschilderungen sind auch solche, die sich erstmals in dieser Ausführlichkeit präsentieren.

Neben bekannten Namen finden sich auch weitgehend (aber völlig zu Unrecht) unbekannte oder vergessene Forscher. Darunter etwa der Berliner Naturforscher Christian Gottfried Ehrenberg (1795-1876) aus der Generation Alexander von Humboldts, der als Mikroskopiker und Begründer der Mikropaläontologie nicht zuletzt Ernst Haeckel maßgeblich beeinflusste; oder der Meeresbiologe Karl August Möbius (1825-1908), der als einer der Begründer der Ökologie den Begriff Biozönose prägte.

Natürlich müssen selbst bei einem so eindrucksvollen Kompendium etliche Namen von Forschern fehlen, über die man gern gelesen hätte. Opfer der notwendigen Selbstbeschränkung von Herausgebern wie Verlag sind auch all jene Biologen, die ungeachtet ihrer Bedeutung für die Biologie – fast ist man versucht zu sagen – das Pech haben, noch zu leben.

Wie zum Ausgleich finden sich in „Darwin & Co." allerdings durchaus auch Porträts solcher Wissenschaftler, die man bisher kaum kannte, obgleich ihre Arbeiten und Leistungen die heutige Biologie im Verborgenen maßgeblich beeinflussten, etwa die des Italieners Lazzaro Spallanzani (1729-1799), dem 1780 die erste künstliche Befruchtung von Froscheiern gelang.

Bei der Lektüre der vorliegenden Biologen-Porträts wird dem Leser schnell klar werden, dass etwa das medienwirksam in Szene gesetzte Genomprojekt unserer Tage allenfalls der vorläufig letzte Anbau in dem von revolutionierenden Neuerungen nur so strotzenden Theoriengebäude der Biologie ist.

Ilse Jahn und Michael Schmitt (Hrsg): Darwin & Co. Eine Geschichte der Biologie in Porträts. Verlag C.H.Beck, München 2001; 2 Bände, 552 u. 574 Seiten. Für beide Bände 59,50 Euro. Einzelband:34,90 Euro.

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