Zeitung Heute : Nachhilfe im Erfinden von Passwörtern

Philipp Eins

Wilde Party-Fotos mit nackten Brüsten, Bierflaschen in der Hand und einem Joint zwischen den Lippen: Wer sich allzu freizügig in Internetforen präsentiert, kann schnell seine Ausbildungsstelle verlieren. „Immer öfter werten auch Arbeitgeber die Internetplattformen aus, um sich ein Bild von Bewerbern zu machen“, sagt Thomas Schmidt von der Agentur „Helliwood Media & Education“. Um das Bewusstsein über Sicherheit und Privatsphäre im weltweiten Datennetz zu schärfen, entwickelte die Agentur im Auftrag von Microsoft Deutschland das Konzept „Sicherheit macht Schule“. Lehrer können im Internet Materialien herunterladen, um sie für die Medienerziehung im Schulunterricht zu nutzen.

Vergangenes Jahr ging es im Pilotprojekt zunächst um sichere Passwörter. Die Bettina-von-Arnim-Oberschule in Reinickendorf war eines der ersten Gymnasien, an dem Thomas Schmidt Nachhilfe im Erstellen von Kennwörtern gegeben hat. Da sich bekannte Begriffe schnell knacken lassen, mussten sich die Schüler kleine Geschichten ausdenken. Die Anfangsbuchstaben von Namen und Gegenständen aus ihrer Erzählung reihten sie aneinander – und hatten ihr Passwort. Kryptisch, aber bombensicher.

Das Besondere an der Reinickendorfer Oberschule: Jeder Schüler muss in der siebten Klasse ein Passwort auswählen, mit dem er sich ins Internet einloggen und Dokumente für den Unterricht abspeichern kann. „In dem Projektunterricht lernten die Schüler, dass man durch Passwörter persönliche Bereiche schützen kann – und dass es sinnvoll ist, sich darum zu kümmern“, sagt Thomas Wolff, Lehrer der damals siebten Schulklasse, die an dem Projekt teilnahm. Während Thomas Schmidt noch persönlich mit den Materialien an die Schule kam, ist die Vorbereitung für die 80-minütige Schulstunde inzwischen einfacher. Schriftliche Materialien, Grafiken und Videos können von der Homepage der Initiative heruntergeladen werden. Eine spezielle Vorbildung brauchen die Lehrer nicht, um den Unterricht abzuhalten. Der Stoff eignet sich daher auch für Vertretungsstunden.

Eine Streitfrage ist, ob 13-jährige Jugendliche bereit sind, das Thema „Sicherheit im Internet“ anzunehmen. Thomas Wolff von der Bettina-von-Arnim-Oberschule hält es für sinnvoller, den Stoff in höheren Jahrgangsstufen zu vermitteln – wenn neben dem Schüler VZ auch Finanz- und Handelsplattformen wie „Ebay“ interessant werden, wo man durch laxen Umgang mit Passwörtern eine Menge Geld verlieren kann. Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologen-Verbandes und Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf, ist anderer Ansicht. „Medienerziehung sollte schon in der Grundschule beginnen“, sagt er. Auch Kinder seien schon im Internet unterwegs, oft ohne Aufsicht der Eltern. „Pädophile nutzen Internetforen, um geheime Treffen mit Minderjährigen zu arrangieren.“ Kontakte im Datennetz sind unpersönlich – das sollten Kinder so früh wie möglich lernen, empfiehlt der Experte.

Neben den Unterrichtsmaterialien zum Thema „sichere Passwörter“ können Lehrer seit kurzem auch weitere Vorschläge für die Schulstunde aus dem Internet herunterladen. Ein Lernpaket beschäftigt sich zum Beispiel mit dem sicheren Einkaufen im Netz, ein anderes leitet Grundschüler an, Medientagebücher zu führen. Das Programm kommt an: „Wir haben inzwischen Kontakt zu 25 Schulen in Berlin“, sagt Agenturmitarbeiter Thomas Schmidt. Philipp Eins

Weitere Informationen unter

www.sicherheit-macht-schule.de

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