Zeitung Heute : Nachhilfe in Umweltbewusstsein für Türken

Der Tagesspiegel

Von Suzan Gülfirat

Sommer für Sommer ziehen die großen Rauchschwaden grillender Familien durch und über den Großen Tiergarten. Gegner und Befürworter streiten dann über das Müllproblem: Haben die Griller kein Umweltbewusstsein oder gibt es einfach nicht genug Mülltonnen? Ein neues Projekt des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB) soll jetzt helfen, den Müll und die Probleme im Tiergarten zumindest etwas zu verringern. Am 1. Mai beginnt der TBB mit seinem Vorhaben „Sensibilisierung der Berliner Türken für die Umwelt“. Die vorläufige Laufzeit geht bis zum 30. November. Finanziert wird das Vorhaben mit etwa 14 000 Euro von der Projektagentur „Zukunftsfähiges Berlin“, die ihrerseits mit Lotto-Mitteln arbeitet.

„Man kann nicht sagen, dass die Türken kein Umweltbewusstsein haben“, sagt Kenan Kolat von TBB. In Berlin leben schätzungsweise 180 000 türkische Berliner, davon knapp 130 000 mit türkischem Pass. Gerade die ältere Generation, die aus ländlichen Gebieten stamme, sei schon aus ökonomischen Gründen geübt im „Wiederverwerten“ von allen nützlichen Dingen im Alltag. Dass die gelben Tonnen in manchen Hinterhöfen in sozial schwachen Gebieten leer bleiben, während die Umweltengel aus den Restmülltonnen herausquellen, wundert ihn nicht. „Auf den Dörfern gibt es auch heute kaum Plastikmüll.“ Den Menschen sei die Umweltkultur der Stadt fremd geblieben. „Ökonomie durch Ökologie“ ist daher eines der Stichwörter des Projektes. Das ist auch der Titel einer Sendung im türkischen Fernsehsender TD1, die demnächst ausgestrahlt wird. Auch das Privatradio Metropol FM wird verstärkt Informationen zum Umweltschutz verbreiten.

Bereits im Sommer 1998 hatte der TBB zusammen mit Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) zweisprachige Flugblätter an die Grillenden verteilt, um sie auf korrektes Verhalten hinzuweisen. Der gewünschte Effekt blieb bisher aus. Das neue Projekt wird allerdings viel umfangreicher ablaufen als die kleine Aktion damals. Es wird einen runden Tisch von türkischen Umwelttechnik- und Ökologie-Studenten geben (die noch gesucht werden), um die türkischen Multiplikatoren im Umweltbereich zu erhöhen. Gemeinsam mit ihnen will der TBB Workshops für Mitarbeiter von Projekten im Migrationsbereich erarbeiten. Außerdem wird der Verein ein türkischsprachiges Sonderheft zum Thema Umwelt herausbringen. Von den unzähligen deutschsprachigen Infomaterialien, die seit Beginn der Sensibilisierung der deutschen Bevölkerung erschienen sind, sollen die geeignetsten übersetzt werden. Ein weiteres Ziel des TBB ist es, seinProjekt bei Umwelt-Organisationen „in der ganzen Welt“ bekannt zu machen. Das scheint notwendig zu sein. Die einzige Studie, die es zu diesem Thema gibt, hat das Zentrum für Türkeistudien 1992 im Auftrag der Nordrhein-Westfälischen Regierung durchgeführt. Die Ergebnisse wurden nicht veröffentlich. „Aber die waren gar nicht so schlecht“, erinnerte sich gestern eine Mitarbeiterin.

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