Zeitung Heute : Nachklang von Glockenspielen

Der Tagesspiegel

99 ZEILEN SCHWERK

Es gibt Leute, die hören immer etwas läuten. Aber sie wissen selten, wo die Glocke hängt. So entstehen Gerüchte. Und es gibt Leute, die jeden Dreck an die große Glocke hängen – vorzugsweise anderer Leute schmutzige Wäsche: Wehe, wenn sie losgelassen / Wachsend ohne Widerstand … Die Glocke muss für mancherlei Sinnbilder herhalten, doch Friedrich Schiller gab ihr den gültigsten, denkbar weitesten Raum zum Schwingen und Klingen.

Unter schönem, den Sonntag ankündigenden Abendgeläut waren wir Freunde beim Spaziergang auf Glocken zu sprechen gekommen. Rasch ergaben sich diesbezüglich persönliche Erlebnisse. Aus verstrichener Zeit. Verstrichen, da ja kaum eine Glocke noch mit Hilfe eines Seiles von Hand in Schwung zum Klang gebracht wird. Auch die Glocke ist unter die Herrschaft der gerufenen Geister gekommen, die den Menschen am Arbeitsplatz verzichtbar machen: Dem Schicksal leihe sie die Zunge, / Selbst herzlos, ohne Mitgefühl / Begleite sie mit ihrem Schwunge / Des Lebens wechselvolles Spiel … Und es wechselt wahrlich nicht immer zum Besseren, auch wenn das Fortschritt genannt wird. Es hat doch wirklich nur gelebt, wer von Erlebtem am Ende seiner Reise noch zu zehren hat.

Da war zum Beispiel der damals 13-Jährige in seiner kleinen Spree-Stadt. Er kam mit seinem Taschengeld nicht aus. Nun fügte es sich trefflich, dass der alte Küster einen Jungen suchte, der ihm beim Läuten hilft. Es war in der Kirche Übung, dass am Schluss des Gottesdienstes, beim Vaterunser nach jeder Zeile die große Glocke von Hand mit dem Klöppel anzuschlagen war. Der 13-Jährige schlich sich rechtzeitig vor dieser Aufgabe aus dem Gottesdienst weg zum Glockenstuhl hinauf, um dort in himmlischer Ruhe vorm Vaterunser eine dem Vater geklaute Zigarette zu paffen. Wenn aber der alte Küster hinterm Altar ein Knöpfchen drückte, leuchtete in der Glockenstube ein rotes Lämpchen auf. Das war das Zeichen, dass nun der Pfarrer Vaterunser… zu sprechen begann, und der Bengel das erste Mal anzuschlagen hatte. Er musste im Geiste mehr mitsprechen als beten, um den zweiten Schlag bei … der du bist im Himmel nicht zu verpassen. Und so weiter bis zum Amen! Und von Pfarrer zu Pfarrer, also Sonntag zu Sonntag, musste er sich auf wechselnde Gebetstempi in seiner Glockenstube einstellen – für einen 13-Jährigen eine hohe Verantwortung vor Gott und auch dem Herrn Pfarrer. Der letzte Klöppelschlag um 10 Uhr 15 gab in Reichweite des Glockenklanges in den umliegenden Häusern das Zeichen, nun die Kartoffeln fürs Mittagessen aufzusetzen: Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau,die Mutter der Kinder …

Eine andere Glockengeschichte, die unter uns dreien zur Sprache kam, betrifft die Dahlemer Jesus-Christus-Kirche. Sie spielte im August 1953. Im Turm hing – Ersatz für das im Krieg zu Granaten eingeschmolzene Geläut – eine ungefähr anderthalb Tonnen schwere Glocke, die ursprünglich in Reinswalde, Kirchenkreis Sorau (heute Polen) zum Gottesdienst gerufen hatte. Man hatte sie nach dem Kriege vom Glockenfriedhof Oranienburg, einem Lagerplatz vorm Einschmelzen geretteter Glocken, nach Berlin- Dahlem gebracht. Dort tat sie ihren Dienst, indem der alte Küster Thymian sie von Hand läutete. Aber sie stürzte im August 1953 im Turm ab, 25 Meter tief. Gottlob sprangen der alte Küster Thymian und sein 17-jähriger Läutejunge beiseite, wurden also nicht erschlagen. Die Glocke blieb unbeschädigt. Doch in Dahlem hatte sie ausgedient. Sie wurde zu drei kleineren Glocken umgegossen. Und diese läuten seit 1955 in einer Brandenburg-Britzer Gemeinde. Drei Glocken läuten nun mit hellerem Klange als dem der Mutter-Glocke. Ihr Dreiklang – Reinswalde, Dahlem, Britz – lehrt uns, daß alles Irdische verhallt …

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