Zeitung Heute : Nachlasspfleger: Erbsünden

Daniela Spannagel

Sie schließt die Wohnung auf, als wäre es ihre eigene. Mit zielsicheren Schritten steuert sie durch den Flur, vorbei an den Bergen von Windeln und Müll, blickt links in die Küche, geradeaus ins Schlafzimmer und biegt dann rechts ins Wohnzimmer ein. Hier legt Rechtsanwältin Katja Sönksen ihre Tasche ab und holt Stift und Unterlagen heraus. Sie wischt mit dem Finger über die Anrichte: "Dort, wo kein Staub liegt, stand etwas. Hier war das wohl ein Fernseher. Im Regal daneben standen die Fotos und die anderen persönlichen Sachen." Sie schaut sich um mit einem Blick, der Routine verrät. "Kein Bild hängt mehr an der Wand, sogar die Griffe von den Schränken sind abmontiert. Klarer Fall von Plünderung." Die Staubränder jedenfalls lassen keinen anderen Schluss zu. Bis vor ein paar Tagen müssen hier noch eine ganze Reihe von Dingen gestanden haben. Katja Sönksen zieht die Schubladen der schwarzen Regalwand auf, eine nach der anderen: Sie sind leer oder enthalten alte Hefte, Zeitungen, Kerzen und Plastikhüllen. Persönliche Unterlagen, gar Sparbücher sucht sie vergebens. Für Nachlasspflegerin Sönksen ein beinahe alltäglicher Fall.

Erna Happel, die Räumungsunternehmerin und Zeugin der Wohnungsbegehung, nimmt sich derweil die Schlafzimmer- und Küchenschränke vor. Aber auch die enthalten nichts von Wert. "Sogar die Bettwäsche haben die noch abgezogen", sagt Happel verärgert. "Wenigstens den Müll hätten sie ja runterbringen können." Sie zückt ihren Block und notiert, was noch zu gebrauchen sein könnte, was sie in ihrem Trödelgeschäft, dem Zillehof, noch verkaufen könnte. Katja Sönksen schreibt währenddessen das Protokoll für das Amtsgericht. Was sie an frischen Rechnungen und Verträgen findet, sammelt sie ein. Sönksen ist als Nachlasspflegerin vom Amtsgericht Schöneberg betraut, das Leben der Verstorbenen Frieda H., deren sieben Kinder das Erbe ausgeschlagen haben, formal zu beenden.

"Jede zweite Wohnung, in die ich komme, ist geplündert", sagt Katja Sönksen. Irgendjemand hat immer einen Schlüssel zur Wohnung. Entweder Familienangehörige, Nachbarn, der Hausmeister, Freunde und bei alten Leuten oft auch die Betreuer. Die kommen rein und nehmen sich das, was sie gebrauchen können: Bargeld, Schmuck, Möbelstücke, Fernseher, einfach alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

"Seitdem die Polizei Nachlässe nicht mehr sichert, gehen dem Staat jährlich Millionen verloren", sagt Heinz Eckert, Rechtsanwalt und Kanzleikollege von Katja Sönksen. Er arbeitet seit 30 Jahren als Nachlasspfleger in Berlin. Vor 1994 hat die Polizei bei jedem einzelnen Todesfall die Wohnung versiegelt. Erst nach Klärung der Erb- und Rechtsverhältnisse oder mit der Übertragung an einen Nachlasspfleger durfte die Wohnung wieder geöffnet werden. Die Wohnungen blieben unberührt, die Einnahmen für den Fiskus waren viel höher. So hat Anwalt Eckert vor vier Jahren einen Brief verfasst, in dem er die Verluste aufgeschlüsselt hat, seitdem die Polizei Nachlässe nicht mehr sichert. Er hat den Brief an die Polizeidirektion, an die Senatsverwaltung für Justiz, für Inneres und für Finanzen geschickt.

Nicht zuletzt auch in seinem eigenen Interesse wollte er sich dafür einsetzen, dass riesige Geldsummen nicht in die falschen Hände geraten. Denn nur wenn genügend Geld im Nachlass ist, gilt auch die höhere Gebührenabrechnung mit dem Amtsgericht. Auf keinen Fall aber sollte das Vermögen an irgendwelche Erbschleicher, Nachbarn oder Hauswirte gehen, die über einen Schlüssel verfügen, sondern entweder an die rechtmäßigen Erben der Verstorbenen oder aber an den Staat. Noch nie hat Eckert in einer nicht gesicherten Wohnung Geld oder Schmuck gefunden, in gesicherten dagegen sehr wohl, teilweise Beträge bis zu 20 000 Mark. "Und ich kann nicht beweisen, dass geklaut wurde aus Wohnungen, wo keine Polizei war", sagt Eckert. Klar, die Nachlasspfleger schreiben die möglichen Plünderer an und bitten sie, die aus der Wohnung entwendeten Gegenstände zurückzugeben. Aber da man ihnen den Diebstahl nicht nachweisen kann, sind diese Schreiben in der Regel sinnlos.

Oft genug gibt es allerdings auch gar nichts zu holen. Manfred K. musste die Polizei aus der Wohnung bergen, nachdem er schon zehn Tage tot in seinem Badezimmer gelegen hatte. Als Katja Sönksen zwei Monate später die Wohnung betritt, schlägt ihr ein bestialischer Gestank aus Leichengeruch und Müll entgegen. Sicher, dass sich hier niemand vergangen hat. Sönksen lässt sich den Ekel über die stinkende Wohnung nicht anmerken. Sie steigt - als wäre es das Normalste der Welt - in ihrem schwarzen Anzug und den Schuhen mit den halbhohen Absätzen über die umgekippten Bierdosen, die Zigarettenkippen und die halbleer gegessenen Büchsen. Sie schaut in Schränke, Schubladen, sucht Unterlagen, um auch in diesem Fall mit Ämtern, Versicherungen und anderen Ansprechpartnern das Leben des Alkoholikers formal zu beenden. "Das ist doch nur noch Hausen oder Dahinvegetieren, aber kein Leben", sagt Sönksen. Nein, sie ekele sich nicht. Das habe sie sich schon lange abgewöhnt. "Klar ist so eine Wohnung bedrückend und zeigt den Alltag von Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben. Aber wenn ich raus bin, wasche ich mir als erstes die Hände und versuche, nicht mehr darüber nachzudenken. Wenn mich das verfolgen würde, hätte ich den falschen Beruf," sagt Katja Sönksen nüchtern.

Auch bei dem Fall einer im Krankenhaus verstorbenen alten Dame, die ein Apartment in einem Seniorenheim bewohnte, bleibt die Rechtsanwältin emotionslos. Nicht über den Hausmeister kann sie sich aufregen, der behauptet, die alte Dame habe kurz vor ihrem Krankenhausaufenthalt noch das Türschloss auswechseln lassen. Im Krankenhaus hatte sie aber ihren alten Wohnungsschlüssel dabei. So stand die Nachlasspflegerin mit der Räumungsunternehmerin Erna Happel bei ihrem ersten Besuch vor einer nicht zu öffnenden Tür. Erst beim nächsten Termin konnten sie mit Hilfe von Happels Mitarbeiter das nagelneue Sicherheitsschloss in halbstündiger Arbeit aufsägen. Wer hat sich solche Mühe gemacht? Die alte Dame konnte diese Frage nicht mehr beantworten, und der Hausmeister stellte sich ganz und gar ahnungslos: Er habe das Schloss nicht ausgewechselt, und er habe auch keinen Zweitschlüssel.

Die Wohnung gleicht einer tristen Abstellkammer von billigen Möbeln und mittlerweile vergammelten Nahrungsmitteln. In den Schubladen ein Haufen wertloser Plunder. Schmuck, Bargeld, Sparbücher - nirgendwo zu finden. Und als Katja Sönksen als Letztes in der Flurschublade zwischen muffigen Schals, Handschuhen und Taschentüchern kramt, sagt sie zu Erna Happel: "Meinen Sie, hier finden sich noch die vielen Millionen?"

Obwohl die alte Dame sehr ärmlich gelebt hat, sei nicht auszuschließen, dass sie Bargeld oder Sparbücher besaß, sagt Nachlasspfleger Eckert. Er hat einmal in einer ähnlichen Situation zufällig im Ofenrohr noch ein Sparbuch entdeckt. Erst dadurch hat er von der Bank erfahren, dass noch andere Konten existierten, die von Kontobevollmächtigen unrechtmäßig abgeräumt wurden. Das seien dann aber Glücksfälle, in denen man überhaupt von den "Plünderern" erfahre und ihnen dann noch die Straftat nachweisen könne und das Geld zurückbekomme. Sogar bei Sozialhilfeempfängern habe er schon Konten mit 30 000 Mark darauf gefunden.

In seinen Briefen an die Polizeidirektion und an die Senatsverwaltungen hat Eckert ausgerechnet, dass dem Fiskus in Berlin seit 1994, seit die Polizei die Wohnungen Verstorbener nicht mehr sichert, jährlich mindestens zehn Millionen Mark an "Erbmasse" entgehen. Die einzelnen Senatsverwaltungen haben das Schreiben zur Prüfung untereinander weitergereicht. Der zuständige Beamte der Finanzabteilung leitete das Schreiben weiter an die Senatsverwaltung für Justiz. Die Senatsverwaltung für Inneres und die für Justiz kamen schließlich beide zu dem Schluss, dass sie den Vorwurf einer fehlerhaften Handhabung der Nachlasssicherung durch die Polizei nicht akzeptieren. Doch darum gehe es ihm nicht, sagt Eckert, sondern darum, dass unnötig viel Geld verloren gehe. Selbstverständlich wäre eine Voraussetzung für die Wiedereinführung der Nachlasssicherung auch eine Änderung der Dienstanweisung der Polizei. "Man muss doch die Türen nur mit einem Schloss versehen oder sie versiegeln. Das kann doch nicht so ein Problem sein. Und es kommt allemal billiger als die ärgerlichen Räubereien."

Katja Sönksen, Erna Happel und ihr Mitarbeiter werden im Seniorenheim nicht wirklich fündig. Der Schlossknacker schaut zur Sicherheit noch einmal in den Ofen - man weiß ja nie. Aber dort holt er nur eine volle Flasche Campari hervor.

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