Zeitung Heute : Nachrichten aus dem Märchenreich

Ein Junge, eine Putzfrau, ein Wachmann: mit jedem Zeugen im Michael-Jackson-Prozess verschwindet ein Stück Klarheit

Malte Lehming[Washington]

Er war der nette Nachbar von nebenan, er stand der Kirchengemeinde vor, galt als liebenswert und hilfsbereit. Dann wurde er verhaftet. Er hatte zehn Menschen umgebracht. Ein ganz normaler Mensch nach außen, insgeheim ein pervers-brutaler Exzentriker. So etwas kommt vor. Erschüttert ist man immer wieder.

Fast zeitgleich mit der Verhaftung des Serienmörders in Kansas begann Ende Januar in der kalifornischen Kleinstadt Santa Maria der Prozess gegen Michael Jackson. Der Sänger wird bezichtigt, im Februar und März 2003 auf seiner „Neverland“-Ranch mindestens zwei Mal einen 13 Jahre alten Jungen sexuell missbraucht zu haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, Kinder entführt und ihnen Alkohol gegeben zu haben. Sollte er in allen zehn Anklagepunkten schuldig gesprochen werden, drohen dem 46-Jährigen mehr als 20 Jahre Haft.

Was hat jener Serienmörder mit Jacko zu tun? Interessant ist die Analogie, weil im Jackson-Prozess über eine genau entgegengesetzte psychologische Struktur befunden werden muss. Hier steht ein offenbar schwer psychisch gestörter Mann vor Gericht, der regelmäßig mit kleinen Jungs in einem Bett lag, der sich in seinem Fantasiereich mit Spielzeug, Süßigkeiten und Karussells umgab, der exzentrische Allüren hat, sich durch diverse Gesichtsoperationen – im Wahn, jung zu bleiben – vollkommen verunstaltete. Ist es möglich, dass dieser Mann nur nach außen der Exzentriker war, aber insgeheim ein normales, unschuldiges Leben führte?

Beweise für die Vergehen gibt es nicht. In der Bettwäsche Jacksons sind weder Haare, Fasern oder DNA-Spuren des klagenden 13-Jährigen gefunden worden. Mehr als 60 Polizisten hatten im November 2003 die „Neverland“-Ranch gründlich untersucht, doch nichts Belastbares gefunden. Der Fall ruht im Wesentlichen auf der Aussage des Betroffenen. Wie glaubwürdig ist der Junge?

Nicht sehr, urteilten viele Beobachter nach der ersten Vernehmungswoche. Starverteidiger Thomas Mesereau, ein Mann mit markantem Gesicht und langen, weißen Haaren, hatte den Kläger in Widersprüche verwickelt, Ungereimtheiten entlarvt und raffiniert den Verdacht der Habgier genährt. Sein Mandant sei zwar reich, aber naiv. Das werde schamlos ausgenutzt. Jeder weiß, dass Jackson vor gut zehn Jahren in einem ähnlichen Verfahren eine Millionenabfindung zahlte. Wäre er der, der er zu sein vorgibt – nur ein harmloser Kinderfreund –, wäre er auch ein ideales Opfer. Immer wieder werden in den USA Berühmtheiten in betrügerischer Absicht verklagt.

Drei Dinge müssen den Geschworenen zu denken geben. Erstens, die Chronologie der Anklage. Das enge Verhältnis des Jungen zu Jackson wurde durch einen Film des britischen Journalisten Martin Bashir bekannt. In der Dokumentation „Living with Michael Jackson“, die Anfang 2003 auch in Amerika ausgestrahlt wurde, sind die beiden händchenhaltend zu sehen. Jackson gibt offen zu, mit dem Jungen in einem Bett zu schlafen. Daraufhin werden Ermittlungen eingeleitet. Lehrer und Sozialarbeiter befragen den Jungen und dessen Familie. Alle Befragten loben Jackson als ihren „Daddy“ und streiten sexuelle Misshandlungen strikt ab. Dann berät sich die Familie mit dem Anwalt Larry Feldman und dem Psychologen Stanley Katz. Diese hatten 1993 im ersten Missbrauchsverfahren gegen Jackson die Millionenabfindung bewirkt. Erst nach diesen Gesprächen ändert der Junge seine Meinung und erstattet Anzeige.

Zweitens, die Tatzeit. Der Junge behauptet, beide Misshandlungen hätten nach der Ausstrahlung der Dokumentation stattgefunden. Das ist bizarr. Der Film sorgt schon am Tag nach seiner Ausstrahlung für Aufruhr, erneut sieht sich Jackson dem Verdacht der Pädophilie ausgesetzt. Und in dieser Zeit soll der Sänger just jene Straftaten begehen, die ohnehin gemutmaßt werden? Das wäre zwar nicht unmöglich, aber extrem dreist.

Drittens, die Widersprüche. Die Familie behauptet, gegen ihren Willen auf „Neverland“ festgehalten worden zu sein. Dann jedoch sei ihr die Flucht geglückt. Tatsache aber ist, dass der Junge regelmäßig zurückkam. Im Kreuzverhör mit ihm wird Mesereau sarkastisch. „Nachdem du zum ersten Mal aus ,Neverland’ geflohen warst, kamst du ein paar Tage später zurück, richtig?“ – „Und dann flohst du ein zweites Mal, richtig?“ – „Insgesamt bist du also drei Mal geflohen.“ An dieser Stelle wird der heute 15-Jährige pampig. Punktsieg für die Verteidigung. Es überwiegen die Zweifel an der Stichhaltigkeit der Vorwürfe.

Doch vor zwei Wochen wendete sich das Blatt. Richter Rodney Melville, ein strenger, bärtiger Mann, stimmt einem Antrag des Staatsanwalts zu. Er erlaubt, dass auch Zeugen vernommen werden können, die über mutmaßliche frühere sexuelle Misshandlungen von Jackson berichten können. Der Fall von 1993 wird wieder aufgerollt. Dadurch hofft die Anklage, ein Verhaltensmuster nachweisen zu können. Seit Jahren, systematisch und skrupellos vergehe sich der Sänger an Kindern. Fünf andere Jungen zwischen zehn und 13 soll er damals missbraucht haben. Zwei davon habe er mit Millionenabfindungen zum Schweigen gebracht.

Seitdem geht es Schlag auf Schlag. Die Mutter eines der mutmaßlichen Opfer sagt aus. Ihr Sohn habe oft im Bett von Jackson übernachtet. Der Sänger habe darum gebettelt. Schluchzend habe er vor ihr gestanden und um ihre Erlaubnis gebeten. „Wir sind eine Familie. Es macht ihm Spaß“, soll er gesagt haben. Schließlich willigte sie ein. Am nächsten Tag habe er ihr dafür ein goldenes Armband geschenkt.

Eine frühere Putzfrau auf der „Neverland“-Ranch sagt aus. Sie habe gesehen, wie Jackson mit Jungen gemeinsam geduscht habe. Auch soll der Sänger mit einem Jungen halb nackt in seinem Bett gelegen und diesen geküsst haben. Auch ihr Sohn, heute 24 Jahre alt, steht im Zeugenstand. Er sei noch vor seinem elften Geburtstag von Jackson drei Mal unsittlich berührt worden, sagt er. Ein ehemaliger Wachmann berichtet, Jackson habe einen Jungen geküsst und oral befriedigt. Ein weiterer Ex-Angestellter behauptet, der Sänger soll während eines Videospiels seine Hand in die Hose von Macaulay Culkin gesteckt haben, dem Star der Komödie „Kevin allein zu Haus“. In der Tat war Culkin als Kind häufig zu Besuch auf der „Neverland“-Ranch. Allerdings hat er stets bestritten, von Jackson sexuell belästigt worden zu sein.

Können so viele Zeugen irren? Können so viele Menschen nur aus niederen Beweggründen den einstigen „King of Pop“ verleumden wollen. Anwalt Mesereau gibt sein Bestes. Die Putzfrau etwa sagte noch 1993, Jackson nie bei unzüchtigen Handlungen beobachtet zu haben. Sie habe damals Angst vor Rache gehabt, sagt sie. Kann man ihr trauen? Denn sie, der Wachmann und der Angestellte gehören zu einer Gruppe von fünf ehemaligen Beschäftigten, die Jackson im Jahr 1995 aus arbeitsrechtlichen Gründen verklagten, den Prozess aber verloren. Die Prozesskosten in Höhe von mehr als einer Million Dollar mussten sie selbst bezahlen. Alle diese Zeugen haben auch noch eine Rechnung mit dem Sänger zu begleichen. Sind ihre Aussagen daher wertlos?

Je länger dieser Prozess dauert, desto schwieriger wird das Urteil. Kein einziger Zeuge scheint ohne Vorgeschichte und Hintergedanken zu sein. Aber die Masse macht’s. Auf diesen Effekt jedenfalls setzt Oberstaatsanwalt Tom Sneddon. Er ging schon vor zwölf Jahren den Missbrauchsvorwürfen gegen Jackson nach. Dass es damals nicht zum Prozess kam, soll er nie verwunden haben.

Nun, da Terri Schiavo und der Papst gestorben sind, rückt der „Jahrhundertprozess“ gegen Jackson erneut ins Zentrum der US-Medien. Alle TV-Nachrichtensender holten am Dienstag das Versäumte in ausführlichen Berichten nach. Wo verläuft die Grenze zwischen harmlosen Umarmungen und unsittlichen Berührungen? Über solche Fragen müssen die zwölf Geschworenen am Ende entscheiden – und das wird noch Monate dauern. Und die meisten Beobachter glauben, wirklich dramatisch werde es erst noch.

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