Zeitung Heute : Nachrichten aus der Unterwelt

Aus Angst vor Blutrache schoss er, sagt Yassin Ali-K., der seit gestern wegen Mordes an einem SEK-Mann vor Gericht steht – mit der Polizei habe er nicht gerechnet

Katja Füchsel

Ein Hüne, der tippelt – es ist nicht zu verkennen, dass Yassin Ali-K. eine andere Gangart gewohnt ist. Mit kurzen Schritten nähert sich der Angeklagte der Richterbank, anderes lassen die Ketten an seinen Füßen nicht zu, auch seine Hände sind gefesselt. Der Mann mit den kurzgeschorenen Haaren braucht lange für die wenigen Meter, und während dieser Zeit ist im Gerichtssaal nur ein leises Klirren zu vernehmen. Geschätzte 1,90 groß, viele Muskeln – und offenbar noch mehr Angst. Immer, wenn sich die Tür zum Zuschauerraum kurz öffnet, fährt Yassins massiger Hals herum. „Erkennen Sie jemand auf den Bänken?“, fragt der Richter. Yassin Ali-K. schaut sich um. „Nein, niemand.“ Er klingt erleichtert.

Der Vorsitzende Richter hat den Prozess in den Saal 700 des Berliner Landgerichts verlegen lassen, eine Festung, die im Hause auch der Terroristensaal genannt wird. Wegen der Sicherheitsschleuse vor der Tür, den panzerglasgesicherten Anklagebänken und den Gittern vor den Fenstern. Hier, im obersten Stockwerk, musste sich bereits der Terrorist Johannes Weinrich verantworten, die Attentäter der Diskothek La Belle, die Besetzer der Irakischen Botschaft – und jetzt Yassin Ali-K., 34 Jahre alt, geboren im Libanon. Der Staatsanwalt wirft ihm vor, im April dieses Jahres den SEK-Mann Roland Krüger erschossen zu haben, als das Spezialeinsatzkommando die Wohnung seiner Eltern in Neukölln stürmte. Yassin will reden, aber vorher von den Ketten befreit werden. Der Richter schüttelt den Kopf: „Die Sicherheitsvorkehrungen dienen auch dem Schutz des Angeklagten.“

Es geschah an einem sonnigen Tag, am Mittwoch, dem 23. April 2003. Und glaubt man Yassin Ali-K., war die Stimmung im Hause der Familie prächtig: Vier Kinder turnten durch die Flure, Frau, Mutter und Schwestern schwatzten in der Küche, die Väter, Brüder und Schwager im Wohnzimmer. Alle freuten sich, dass der Bruder Omar aus dem Gefängnis zu Besuch war; eine Sozialarbeiterin hatte ihn auf dem Freigang begleitet. Doch das Bild täuschte, sagt Yassin, der als Sicherheitschef der Diskothek „Jungle Club“ arbeitet. Denn er habe bereits seit Tagen mit dem Racheakt einer verfeindeten Großfamilie gerechnet. „Das ist so üblich in der Stadt“, erklärt Yassin den drei Berliner Richtern seine Welt: „Die greifen Leute von der Straße auf, erschießen sie aus dem Hinterhalt.“

Mit „die“ meint Yassin die Familie Al-Zein. Mahmoud Al-Zein, auch der Präsident genannt, ist eine Größe in der Unterwelt. Er gehört nach Erkenntnissen der Polizei zu den Chefs des türkisch-libanesisch-kurdischen Milieus. Ende der 90er Jahre wurde er im Zusammenhang mit Drogengeschäften verurteilt. Auch die Familie Ali-K. zählt zum kriminellen libanesisch-kurdischen Milieu, das vor allem in der Türsteher-Szene aktiv ist. In Berlin gibt es rund ein Dutzend Clans, die der Polizei durch Gewalt und organisierten Drogenhandel aufgefallen sind.

Yassin sagt, dass er einige Tage vorher in der Neuköllner Disko „Jungle Club“ mit dem Al-Zein-Clan aneinander geraten sei. Es ist eine eher wirre Geschichte, ihre Protagonisten heißen unter anderen Issan, Hussein, Rabi und Zaharia, es geht um Ehrverletzungen, gezogene Pistolen, eine Prügelei, ein Messer – bis vor der Disko einer aus dem Al–Zein-Clan schwer verletzt auf dem Asphalt zusammenbricht. Die Botschaft der Rivalen ließ zum Abschied keine Zweifel übrig. Laut Yassin riefen sie: „Ihr seid schon tot!“

Der Libanese taucht erst kurz in Westdeutschland unter, kehrt zurück, verlässt aber nicht mehr seine Wohnung und wartet darauf, dass die Clanchefs den Streit untereinander schlichten. „Jede Familie hat einen so genannten ältesten Mann“, sagt der Angeklagte fast schulmeisterlich. „Sie rufen sich an und suchen nach Gerechtigkeit.“ Yassins Stadt ist eine Welt für sich, in der die deutsche Polizei meistens nur belächelt wird. Es gibt eine eigene Gerichtsbarkeit – oft wird über Blutgeld in sechstelliger Höhe zur Wiederherstellung verletzter Ehre verhandelt.

Doch wenn im Kiez Blut fließt, schaltet sich auch das Landeskriminalamt (LKA) ein. „Fragt man nach den Gründen, so reichen diese von verletzter Ehre über Streit über die Mitgift und so genannten Geschäftsstreitigkeiten bis zur Blutrache“, sagte Markus Henninger, Inspektionsleiter für Organisierte Kriminalität im LKA, kurz nach den Todesschüssen. Oft gehe es bei den Schießereien aber vermutlich um Revierkämpfe von Dealern und Zuhältern – nur lasse sich das der deutschen Polizei ja schlecht erklären.

Sie aber interessierte sich dann auch für die Schlägerei vom „Jungle Club“, suchte Yassin Ali-K. per Haftbefehl. Die Polizei, nicht der Clan von Al-Zein, war es dann auch, die am Nachmittag die Erdgeschosswohnung in der Kienitzer Straße stürmte. „Polizei! Polizei“, brüllten die Männer vom SEK bereits im Flur. „Polizei“, stand auf dem Schild, das Roland Krüger vor sich hertrug. Yassin will das alles nicht gehört haben. Er riss seine Pistole aus dem Hosenbund, jagte zur Tür und schoss, „ohne zu gucken“, insgesamt fünf Mal. Eine Kugel traf Roland Krüger im Gesicht, zwei weitere verletzten einen Kollegen schwer. Ein Unfall, sagt Yassin. „Ich hatte Todesangst wie nie im Leben.“

Ein Dolmetscher hat sich im Gerichtssaal neben Yassin auf die Anklagebank gesetzt – er ist vergeblich erschienen. „Ich kann besser deutsch als arabisch“, sagt der Angeklagte, schließlich lebe er seit 28 Jahren in Deutschland. Da lacht der Dolmetscher: „Vor 20 Jahren waren wir hier schon zusammen im Gericht.“ Tatsächlich kann Yassin auf ein beträchtliches Vorstrafenregister zurückschauen, schon als Jugendlicher brach er unter anderem in Apotheken und Tankstellen ein, es wurde wegen Körperverletzung ermittelt, später trug Yassin unerlaubt Waffen. Der Verteidiger sagt, sein Mandant habe der Polizei in diesen ganzen Jahren keine gewalttätigen Scherereien gemacht. „Hätte er gewusst, dass er per Haftbefehl gesucht wird, hätten wir uns mit der Zahnbürste im Gepäck bei der Polizei gemeldet.“

Das ist vermutlich einer dieser Sätze, den Birgit G. (37) im Gerichtssaal nur schwer ertragen hätte. Sie hat an diesem Tag in Neukölln ihren Lebensgefährten und ihre einjährige Tochter Kim den Vater verloren. Beim Prozessauftakt bleibt die Bank der Nebenklage verwaist. Keine zwei Minuten könnte sie es aushalten, sagte Birgit G. vor dem Prozess. „Dann würde ich dem an den Hals springen.“ Roland Krüger, der 37-jährigen Schildführer, ging immer voran, wenn eine Wohnung gestürmt wurde und hielt dabei einen 14 Kilo schweren Schutzpanzer vor seinen Körper. Krüger, der aufgrund seines beeindruckenden Körperumfangs auch „Bulette“ oder „Dicker“ genannt wurde, sprach zu Hause kaum über seine Arbeit. Vielleicht gehörte Birgit G. deshalb nicht zu den Polizistenfrauen, die immer mit dem Schlimmsten rechnen. Sie glaubte ganz fest, dass „sowas nicht passieren kann“. Jetzt steht sie ohne Hinterbliebenenrente da, weil die beiden nicht verheiratet waren. Eine Lebensversicherung hatte Roland Krüger auch nicht – die Prämie war wegen seines gefährlichen Jobs zu hoch.

Vier Tage lag Roland Krüger noch im Koma. Als die kleine Kim ihren Vater auf der Intensivstation noch einmal besuchen kam, piekte sie ihm mit ihrem Finger vorsichtig ins Auge – so wie es die beiden im Spiel immer getan hatten. Birgit G. sagt, dass es ihr ohnehin schwer fällt loszulassen, dass der Prozess jetzt alles wieder aufreißt. Sicher, sie wünscht sich ein hartes Urteil, aber noch viel mehr: „Dass ich endlich so etwas wie einen Schlussstrich ziehen kann.“

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