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Sie hatte sich verliebt. In ihren Deutschlehrer. Groß, blond, blaue Augen. Sie war neunzehn, stand am Anfang ihres Lebens und fühlte sich doch dem Ende näher. „Entweder ich sterbe oder ich ändere etwas“, sagte sich Maki Shimizu, Kunststudentin aus dem japanischen Tsukuba. Und handelte. Für 70.000 Yen kaufte sie sich ein Flugticket nach Deutschland, dem Land ihrer Liebe.

In ihrem Rucksack: ihre Klamotten, ein Schlafsack, eine Aludose mit Bleistiften. „Ich liebe meinen Bleistift“, sagte Fräulein Shimizu, was so viel heißt wie Schönwasser. In ihrer ersten Nacht in Frankfurt am Main, wo sie gelandet war, trieb sie sich am Hauptbahnhof rum. „Mein Gepäck wurde immer schwerer, wobei mein Herz noch schwerer war“, sagt sie. Der Kampf mit sich selbst habe sie schwer verletzt. Zu dieser Zeit wuchs ihre Sehnsucht zur Kunst. Sie glaubte, dass es in der Kunst eine bestimmte Ebene gäbe, auf der sie niemand mehr verletzen könne.

Von Frankfurt aus nahm sie einen Zug. Nach nirgendwo. Irgendwo im Grünen stieg sie aus. Ein tiefer Atemzug: „Deutschland riecht so gut nach Grün und nach frischen Kräutern“, sagte Fräulein Schönwasser, und machte eine 11tägige Wanderung. Unter Brücken hat sie geschlafen, in Gärten, auf Spielplätzen und Bauernhöfen. „Aber ich war nicht obdachlos, ich war auf dem Weg meines Lebens.“ Dabei kam der leidenschaftlichen Bergsteigerin ihre Erfahrung zugute. „Beim Gipfelerklimmen geht es schließlich auch darum, einen neuen Weg zu finden und wieder zuhause anzukommen.“

Ihr Zuhause war weit weg. Jetzt galt es, das Zuhause im Inneren zu finden. In einer Jugendherberge in Weilburg an der Lahn, in der sie drei Monate lebte, hörte sie auf, mit sich zu kämpfen. Auf dem Speicher hatte sie ein goldenes Buch gefunden: „Das Haustierbuch. Vom Wesen der Schönheit und dem Nutzen der nah bei uns lebenden Tierarten“. Das Buch wurde 1955 von Paul Eipper geschrieben. 334 Fotos zeigen die verschiedenen Haustiere: Hund, Hase, Huhn. „Jedes Foto erzählte mir eine Geschichte. In bin in der Nähe von Tokio aufgewachsen, ich wusste doch gar nicht, wo, wann und wie ein Huhn Eier legt.“

Fräulein Schönwasser nahm ihren Bleistift und begann, alle 334 Fotos und den kompletten Text abzuzeichnen, auch wenn sie die Worte nicht verstand. „Ich wollte die Liebe erzählen, die ich durch dieses Buch erfahren habe. Für mich machte es Sinn, es so zu machen, gegen den Zeitgeist, in dem man glaubt, dass immer etwas Neueres größeren Sinn macht und Gewinn bringt.“

Nach drei Monaten kehrt sie nach Japan zurück, wo sie das Buch vervollständigt. Ihr Deutschlehrer und sie werden ein Liebespaar, im Frühjahr 2003 schließt sie ihr Studium ab.

Als freie Künstlerin kommt sie erneut nach Deutschland, mit dem Ziel, ihr Haustierbuch zu veröffentlichen. Es erscheint vier Jahre später im Berliner Peperoni Verlag. Berlin, ihre neue Heimat. Für sie eine Stadt des Gebens und Nehmens. „Berlin nimmt nicht nur meine Fahrräder, Fahrradschläuche und Handschuhe, sondern auch eine Vergangenheit, in der ich gewisse Vorstellungen hatte, wie alles sein sollte. Berlin gibt mir eine Zukunft, in der ich immer wieder von vorne anfangen kann.“

Und in der sie auch ihre Fähigkeiten mit dem Bleistift leben kann und erfolgreich ist. „Ich bin nicht Zille, aber Erfolg ist für mich nicht Berühmtheit, riesige Druckauflagen oder Millionenverdienste, sondern wenn ich es schaffe, nach Krisen, die einem im Leben ständig begegnen, immer wieder aufzustehen und weiterzugehen. Erfolg ist also, mit sich selbst zufrieden zu sein. In diesem Sinne kenne ich hier sehr viele erfolgreiche Menschen in Berlin.“Heidi Müller

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