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WILLY BRANDT

Als erster deutscher Bundeskanzler besucht Willy Brandt im Juni 1973 Israel. „Sie werden in Israel mit der Achtung willkommen geheißen, die einem Manne gebührt, der sich in der dunkelsten Stunde der Menschheit und vor allem des jüdischen Volkes denjenigen anschloss, die gegen die Nazis kämpften“ – mit diesen Worten empfängt ihn Israels Premierministerin Golda Meir. Die Erwartungen an Brandt sind hoch, in Israel und Deutschland. Welche Geste wird er – der drei Jahre zuvor mit seinem Kniefall vor dem Mahnmal im Warschauer Ghetto Geschichte geschrieben hat – wählen, die der historischen Bedeutung seines Besuchs in Israel gerecht wird? Dass der Kniefall keinesfalls wiederholbar ist, schon gar nicht im Heimatland der Juden, steht für Brandt fest. „Man kann sich ja nicht selber kopieren“, soll er gesagt haben.

Wegweiser ist ihm die Bibel, die „in Israel auf weite Strecken auch als Fremdenführer benutzt werden kann“, wie David Ben Gurion einmal sagte. Brandt sucht im Alten Testament nach einem Trauertext, den er am 7. Juni bei seinem Besuch in Jad Vaschem – der Gedenkstätte für die Opfer der NS-Verbrechen – verlesen will. So stößt er auf den 103. Psalm, Vers 8–16: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht immer hadern noch ewiglich Zorn halten …“. Die Verse enden mit dem Satz: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Städte kennt sie nicht mehr.“ Der Psalm enthält alles, was für Brandt den Charakter der deutsch-israelischen Beziehungen ausmacht, die er als „normale Beziehungen vor besonderem Hintergrund“ bezeichnet: Es geht ihm um die gemeinsam erlittene Menschheitskatastrophe, die nicht mit einem Hinweis auf die Unbefangenheit der jungen Generation aus der Welt zu schaffen ist, schreibt der „Spiegel“ damals. Die Katastrophe sei, dass „die Hölle auf Erden möglich ist“, dass in der Ausrottung von Millionen Juden „das Bild des Menschen verletzt worden ist, den wir als Ebenbild Gottes begriffen“, sagt Brandt. Da helfe kein Vergessen, noch nicht einmal Versöhnung. Da helfe nur Erbarmen. dro

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