Zeitung Heute : Nachrichten

HELMUT KOHL

Krasser kann ein Kontrast nicht sein. Helmut Kohls erster Israelbesuch im Januar 1984, der zweite eines Bundeskanzlers überhaupt, war ein Debakel. Überschattet von einem deutschen Waffengeschäft mit Saudi-Arabien banalisiert sich Kohl durch Jad Vaschem („Kenn ich alles“). Es gibt Demonstrationen gegen ihn, drei Abgeordnete verlassen demonstrativ vor Kohls Rede in der Knesset den Saal, ein vierter hält ein Plakat hoch mit Davidstern, Stacheldraht und der Aufschrift „Nicht vergessen“. Regierungssprecher Dieter Boenisch wiederum läuft vorzugsweise im dunklen Ledermantel herum, was ungute Erinnerungen an die Gestapo weckt.

Seine Rede beginnt Kohl dann mit dem legendären Satz: „Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat.“ Ein Jahr später, als Bitburg und der Historikerstreit die Gemüter in Wallung bringen, wird ihm das Bonmot von der „Gnade der späten Geburt“ unter die Nase gerieben.

Elf Jahre später indes, bei Kohls zweiter Visite im Juni 1995, schwelgen alle in Superlativen. Mit Jitzchak Rabin singt der Kanzler Lieder, man liegt sich in den Armen, ein Institut in Jerusalem wird nach ihm benannt, ein „Meilenstein“, heißt es, sei dieser Besuch, und selbst Ignatz Bubis ist voll des Lobes: „Er macht seine Sache ausgezeichnet, Eins plus“. Aus dem ungelenken Tapser ist der charmante Staatsmann geworden, aber auch die Weltgeschichte trägt zur Entspannung bei. Kohl ist nun der große Europäer, der Kanzler der Einheit, in Israel sind die Menschen euphorisiert vom Friedensprozess mit den Palästinensern. Nur an einer sprachlichen Distanzierung hält Kohl eisern fest: Die Naziverbrechen wurden stets nur „in deutschem Namen“ begangen. mal

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben