Zeitung Heute : Nachrichten

„Ich kann nicht mir dir spielen“, sagte der Fuchs. „Ich bin noch nicht gezähmt“. „Ah, Verzeihung“, sagte der kleine Prinz. Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu: „Was bedeutet zähmen?“ „Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, sich vertraut machen. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Man kennt nur die Dinge, die man zähmt", sagte der Fuchs. „Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen. Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Es gehört viel Vertrauen dazu, Vertrautes hinter sich zu lassen, sich vom Gewohnten zu trennen . Alte und kranke Menschen, die ihren letzten großen Schritt der Veränderung auf Erden gehen, die ihre liebgewordenen eigenen vier Wände verlassen, um in ein Seniorenheim zu ziehen. Sie trennen sich nicht nur von ihrer Umgebung, sie lassen auch ihre Möbel, ihr Geschirr, ihre Ausstattung, ein Großteil ihrer Kleidung zurück. Gewohnte Geräusche, Gerüche, Blicke. Dieser Trennungsschmerz wird von einer großen Angst begleitet. „Viele denken, sie müssen Abschied nehmen vom Leben. Sie kommen in dem Bewusstsein, dass sie hier sterben werden. Dieser Weg hat etwas Endgültiges. Nun ist es unsere Aufgabe, diese Angst in Vertrauen zu wandeln“, sagt Susanne Jannsen. Zusammen mit ihrem Mann pflegt und betreut die gelernte Erzieherin seit 30 Jahren Senioren: geistig Gesunde in allen Pflegstufen, demenziell Erkrankte, schwerst Pflegebedürftige. In Zehlendorf hat das Familienunternehmen jetzt sein neues Haus eröffnet: die Villa Grüntal. Doch die Wiege des Unternehmens steht im Wedding: In einem ehemaligen Arbeiterwohnheim fing alles an. „Wir waren die jüngsten Heimleiter Berlins“, sagt Susanne Jannsen. Die Enthospitalisierung von Alzheimer-Patienten erforderte neue Wege. Damals gab es noch keine Literatur, keine Erfahrung im Umgang mit den neuen Bewohnern. „Damals habe ich noch versucht, Demente zu erziehen“, sagt sie kopfschüttelnd. Mittlerweile habe sie gelernt, nicht zu urteilen und zu bewerten. „Wenn sich ein Bewohner aggressiv verhält, dann haben wir etwas falsch gemacht“, sagt sie. „Ich habe viel an Dementen gelernt.“ Deren Botschaft: Kontrolliert uns nicht, egal, in welchem Zustand wir sind. Lasst uns so, wie wir sind. Behandelt uns nicht wie ein unmündiges Kind, sondern mit Würde, Wärme und Respekt.

„Wir versuchen, zu verstehen. Wenn wir nicht verstehen können, dann akzeptieren wir.“ Selbst die alte Dame, die stets mit Straßenschuhen ins Bett geht. Als Kind, während des Krieges ist sie schließlich auch immer so eingeschlafen. Erinnerungen schaffen Vertrauen. Wie auch die Möbel im Biedermeier- oder Jugendstil, mit denen die sechs Wohngruppen eingerichtet sind. Gehäkelte Tischdeckchen, Paradekissen, Sammeltassen schaffen Geborgenheit. Im Garten haben die Jannsens Wäsche aufgehängt: wie damals, im Garten der Eltern. „Die Dementen sagen oft, dass sie nach Hause wollen.“ Nach Hause, das ist die Sehnsucht nach Mama und Papa. Jetzt ist die Villa Grüntal für die elterliche Liebe zuständig. „Diese Verantwortung übernehmen wir mit Hingabe und Demut. Und bekommen dabei soviel Liebe zurück.“ Geht es Susanne Jannsen einmal nicht gut, besucht sie die dementen Bewohner in ihren WG’s. „Da kann ich ich selbst sein, ohne mich zu verstellen.“ Eine Rolle zu spielen, würde sowieso nichts bringen. Die Dementen haben ein starkes emotionales Empfinden. Die spüren sofort, wenn jemand nicht authentisch ist. „Unsere Bewohner geben mir sehr viel Balance und Kraft. Sie lehren mich, zum Ursprung zurück zu gehen. Wir haben ja soviel vergessen.“ Heidi Müller

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