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„Tausende schlechte Kaiserbüsten aus totem Gips. Von jedem zweiten Fenster grinst mir ein solch übles Machwerk entgegen, niedrigste Kunst. Trockene Lorbeeren massenhaft. Lichter schneiden meine Augen tot. Es wimmelt von Offizieren in Gala mit Goldschnüren und Goldtressen und längs den Beinen hinunter rote Litzen. An jeder Straßenecke stehen drei Polizisten – lasse mich fliehen, fort von hier, weit fort!“ Der Maler Emil Nolde sehnt sich in Berlin nach dem Meer, nach Gewitterwolken und Eiszapfen im Bart. Hoffnungsvoll hat er im Januar 1902 ein Atelier an der Hubertusallee 3 im Grunewald angemietet, doch niemand in Berlin interessiert sich für seine Bilder. Schon Mitte Mai verlässt er mit seiner Frau Ada die Stadt und zieht auf eine Nordseeinsel.

Die Reichshauptstadt empfängt die Expressionisten nicht mit offenen Armen. Zwar hat sich um 1900 eine moderne Kunstszene etabliert, gegen den Widerstand des Kaisers, der den Naturalismus als „Rinnsteinkunst“ brandmarkt und den Impressionismus eines Max Liebermann verabscheut. Doch beherrscht wird das Kulturleben in der Zweimillionenstadt von seichtem Kommerz und wilhelminischer Prachtentfaltung.

Der Kunsthändler Paul Cassirer zeigt 1905 in seiner Herbstausstellung einige Bilder von Nolde, woraufhin dieser neue Hoffnung schöpft und eine Mappe beim Berliner Kupferstichkabinett einreicht. Dessen Direktor findet sie so schlecht, dass er nicht einmal wagt, sie seiner mit Künstlern besetzten Sachverständigenkommission vorzulegen.

Im selben Jahr 1905 wird in Dresden die Künstlergemeinschaft „Brücke“ gegründet. Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein schocken das Publikum mit Gemälden und Grafiken, die jedem herkömmlichen Schönheitsideal Hohn sprechen. Direkt und unverfälscht wollen die jungen Autodidakten – nur Pechstein hat eine Malereiausbildung absolviert – ihre Gefühle und Empfindungen wiedergeben. Sie malen mit wildem Pinselschwung und gellenden Farben, lieben die Aktmalerei im Freien, die freie Sinnlichkeit und das unkonventionelle Gemeinschaftsleben. Auch der sehr viel ältere Emil Nolde schließt sich für einige Zeit der Gruppe an. 1908 übersiedelt Pechstein als erster „Brücke“-Maler nach Berlin, zusammen mit Nolde wird er als Mitglied in die Berliner Secession aufgenommen.

Die Secession ist seit 1899 das wichtigste Forum der modernen Kunst in Berlin – offen für ein breites Spektrum realistischer, impressionistischer und symbolistischer Malerei. Es reicht vom jungen Max Beckmann bis Heinrich Zille, von Max Liebermann bis Käthe Kollwitz, von Claude Monet bis Edvard Munch. Gegründet wurde die Secession, nachdem die Jury der jährlich gezeigten Großen Berliner Kunstausstellung ein Landschaftsbild von Walter Leistikow zurückgewiesen hatte. Zunächst stellt die Secession in einem Gebäude an der Kantstraße, Ecke Fasanenstraße aus, ab 1905 am Kurfürstendamm 208 – nach dem Ersten Weltkrieg werden die Räume zum Theater am Kurfürstendamm umgebaut. Beide Ausstellungsorte liegen fußläufig zum Café des Westens an der Ecke Kurfürstendamm, Joachimstaler Straße, der seinerzeit wichtigsten Ideenbörse der Avantgarde.

Die wilde Malerei der Expressionisten stürzt die Secession 1910 in eine schwere Krise. Während der Vorbereitungen für die 20. Secessionsausstellung kommt es zum Bruch mit den etablierten Vertretern der Moderne. Die Jury unter Vorsitz von Max Liebermann weigert sich, die eingereichten Bilder der „Brücke“-Maler auszustellen. Zu den abgelehnten Gemälden gehört auch Emil Noldes „Pfingsten“, das in schrillen Farben eine Gruppe erleuchteter Männer darstellt. Es hängt heute in der Nationalgalerie.

Die Juroren um Liebermann fühlen sich von den jungen Expressionisten provoziert: zu Recht. Denn diese opponieren gegen die Realitäts- und Kunstauffassung der älteren Realisten und Impressionisten. Der expressionistische Künstler begreift sich als Visionär: „Er sieht nicht, er schaut. Er schildert nicht, er erlebt. Er gibt nicht wieder, er gestaltet. Er nimmt nicht, er sucht. Nun gibt es nicht mehr die Kette der Tatsachen: Fabriken, Häuser, Krankheit, Huren, Geschrei und Hunger. Nun gibt es ihre Vision. Die Tatsachen haben Bedeutung nur so weit, als durch sie hindurchgreifend, die Hand des Künstlers nach dem fasst, was hinter ihnen steht“, so beschreibt der Dichter Kasimir Edschmid 1917 das expressionistische Kunstwollen.

Der Secessionsvorstand Max Liebermann rechtfertigt seine Ablehnung in einem Zeitungsartikel: „Der Künstler, der auf die Darstellung der Erscheinung verzichten wollte zugunsten einer stärkeren Auswirkung seines Empfindens ist ein – Idiot. Denn wie soll das Übersinnliche ohne das Sinnliche begriffen werden?“ Und der sonst so aufgeschlossene Kunstförderer Paul Cassirer schreibt über Noldes Arbeiten, das sei „Kunst, die auf den Misthaufen gehört.“

Die Abgewiesenen wehren sich. Sie gründen eine „Neue Secession“ und organisieren ihre eigene Ausstellung in einem Kunstsalon an der Gedächtniskirche. Nolde greift in einem offenen Brief Max Liebermann an, nennt dessen routinierten Impressionismus schwach, kitschig und phrasenhaft. Danach wird das Mitglied Nolde per Mehrheitsbeschluss im Dezember 1910 aus der Secession ausgeschlossen. Der ganze Krach hat zur Folge, dass Nolde mehr malt als je zuvor. Nachts zieht er mit seiner Frau durch die Berliner Vergnügungslokale, auf Kneipentischen malt er Aquarelle von Nachtschwärmern und Tänzerinnen in strahlenden Farben. Max Reinhardt reserviert ihm eine Loge im Deutschen Theater, während der Vorstellungen huscht Nolde im Halbdunkel mit flinkem Pinsel Figuren und Szenen aufs Papier.

Parallel zur „Neuen Secession“ entsteht um 1910 ein ganzes Netzwerk von Auftrittsmöglichkeiten für die jüngste Künstlerszene. Am 3. März wird die erste Nummer von Herwarth Waldens Zeitschrift „Der Sturm“ ausgeliefert, für die Alfred Döblin schreibt und Oskar Kokoschka zeichnet. Hier erscheint auch Kokoschkas expressionistisches Drama „Mörder. Hoffnung der Frauen“.

Der 1909 von Studenten gegründete „Neue Club“ tritt an die Öffentlichkeit, als „Neopathetisches Cabaret“ werden die Lesungen angekündigt: Kurt Hiller hält programmatische Einführungsreden, danach tragen Georg Heym, Ernst Blass und Jakob van Hoddis neue Gedichte vor. Die Clubmitglieder laden die verehrte Dichterin Else Lasker-Schüler als Gast ein, die mit dem „Sturm“-Gründer Herwarth Walden verheiratet ist – bis sie 1912 im Café des Westens dem 17 Jahre jüngeren Arzt Gottfried Benn begegnet. „Jeder seiner Verse ein Leopardenbiss, ein Wildtiersprung“, schwärmt sie in der „Aktion“, dem 1911 von Franz Pfemfert gegründeten Konkurrenzblatt zum „Sturm“. Autorenabende der „Aktion“ mit neu entdeckten Lyrikern wie Gottfried Benn, Alfred Wolfenstein, Paul Boldt oder Alfred Lichtenstein finden im Kunstsalon von Paul Cassirer statt. Expressionistische Literatur und Kunst sind in Berlin engstens verbandelt, das erhöht die Durchschlagskraft. Die Großstadtgedichte beginnen zu glühen wie die Farben auf den Bildern der jungen Maler, beispielsweise bei Alfred Lichtenstein in einem seiner „Gesänge zu Berlin“. Die Formierung einer neuen, jungen Kunstszene lockt schließlich auch die anderen „Brücke“-Maler an die Spree. Die mittellosen Maler versprechen sich bessere Absatzmöglichkeiten für ihre Bilder als im konservativen Dresden. Sie hausen auf Dachböden im Südwesten von Berlin: Schmitt-Rottluff in der Niedstraße 14 in Friedenau, wo er Else Lasker-Schüler malt, Kirchner und Pechstein in der Durlacher Straße 15, Heckel und Otto Mueller in der Markelstraße 60 in Steglitz. In ihren improvisierten Künstlerbuden inszenieren sie sich als junge Wilde in der Großstadt – nach dem Vorbild der „Primitiven“, deren Kunst sie als unverfälscht und ursprünglich bewundern. Im Berliner Völkerkundemusem studieren sie Schnitzwerke aus Afrika und der Südsee. Max Pechstein gelingt es, finanzkräftige Auftraggeber für seine Glasfensterentwürfe, Mosaiken und Wandbilder zu gewinnen. Im Frühjahr 1913 kann er sich ein neues Atelier in der Offenbacher Straße 8 und eine Neubauwohnung in der Etage darunter leisten. Dort sind im Treppenhaus heute noch ornamentale Wand- und Deckenmalereien nach seinem Entwurf erhalten und im ehemaligen Dachatelier ein Wandgemälde. Es ist – neben einer bemalten Wandbespannung Pechsteins im Besitz der Nationalgalerie – eines der wenigen Zeugnisse der „Brücke“-Ateliers in Berlin.

Die Eindrücke und Anregungen in Berlin sind so vielfältig, dass der Zusammenhalt der „Brücke“ sich rasch lockert und 1913 zerbricht. Vor allem Ernst Ludwig Kirchner entwickelt sich zum virtuosen Großstadtmaler, dessen großformatige, von Kokotten bevölkerten Straßenbilder die morbide Unruhe der Metropole vor dem Ersten Weltkrieg einfangen. Wie alle deutschen Expressionisten ist er beeindruckt von den Bildern der französischen Kubisten und italienischen Futuristen, die Herwarth Walden seit 1912 in seiner „Sturm“-Galerie unweit vom Potsdamer Platz zeigt. Walden kooperiert eng mit den Künstlern der „Blauen Reiter“ aus München, stellt Klee, Kandinsky, Marc, Macke und Münter aus. Der Berliner Expressionismus zehrt von der internationalen Kunstentwicklung genauso wie von der Erfahrung der Millionenstadt.

„Wir müssen endlich anfangen, unsere Heimat zu malen, die Großstadt, die wir unendlich lieben. Auf unzähligen, freskengroßen Leinwänden sollten unsere fiebernden Hände all das Herrliche und Seltsame, das Monströse und Dramatische der Avenuen, Bahnhöfe, Fabriken und Türme hinkritzeln“, fordert Ludwig Meidner 1913 in einer „Anleitung zum Malen von Großstadtbildern“. In seinen apokalyptischen Berlinansichten scheint die Stadt unter einem ungeheuren Druck zu zerbersten. Oder sie wird von Soldaten bombardiert: Seismografisch nimmt Meidner die Erschütterung der wilhelminischen Gesellschaft durch den Ersten Weltkrieg vorweg.

Viele Expressionisten stürzen sich euphorisch in das Kriegsabenteuer, von dem sie sich eine Läuterung versprechen. Der Maler Franz Marc, die Dichter Alfred Lichtenstein und August Stramm kommen darin um. Kirchner erleidet bereits bei der Militärausbildung einen Nervenzusammenbruch, Beckmann, Dix und Grosz kehren traumatisiert von der Front zurück.

Die spielerische Naivität der frühexpressionistischen Malerei und das Oh-Mensch-Pathos verlieren durch den Weltkrieg an Überzeugungskraft. „Mein Menschenhass ist ins Ungeheure gewachsen“, notiert Grosz. Völlig desillusioniert, mit gnadenloser Härte porträtiert er die Berliner Übergangsgesellschaft vor und nach dem Kriegsende – mit einer kompositorischen Freiheit und in einer Farbigkeit, die ohne die Expressionisten der ersten Generation kaum denkbar wäre.

Meidner, Nolde, Pechstein, Heckel und Schmitt-Rottluff gehören unmittelbar nach Kriegsende zu den Gründungsmitgliedern des Berliner „Arbeitsrates für Kunst“. Das war ein Versuch, sich nach dem Untergang des Kaiserreiches aktiv am Aufbau einer neuen Gesellschaft zu beteiligen. Ihre Werke sind ab 1919 im Kronprinzenpalais Unter den Linden ausgestellt, in der „Galerie der Lebenden“ der Nationalgalerie. Der Expressionismus ist jetzt eine anerkannte Kunstrichtung. Der um 1920 errichtete erste Staatsbau der Republik, die Reichsschuldenverwaltung in der Oranienstraße, zeigt mit seinen extrem spitzen Fenstergiebeln an der Backsteinfassade deutliche Anklänge an die expressionistische Architektur.

Die Architekten entdecken den Expressionismus in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, als es für sie fast nichts zu bauen gibt. In dieser Phase erzwungener Untätigkeit lassen sie ihrer Fantasie freien Lauf. Während seines Kriegsdienstes an der russischen Front skizziert Erich Mendelsohn schwungvolle Baukörper. Bruno Taut entwirft gläserne Dome, um die Alpengipfel zu bekrönen. Taut initiiert 1919 die „Briefe der Gläsernen Kette“, eine Korrespondenz über die Zukunft der Architektur im Sprachduktus des Expressionismus, an der sich auch Hans Scharoun und die Brüder Luckhardt beteiligen.

Gebaut wird nicht viel: Mendelsohns Einsteinturm in Potsdam, Otto Schmohls Borsigturm mit seiner Zackenkrone und das Wissinger-Grabmal von Max Taut auf dem Friedhof in Stahnsdorf sind heute noch zu besichtigen. Mies van der Rohes utopistischer Entwurf für ein spitzzackig gläsernes Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße wird 1921 von der Wettbewerbsjury ignoriert.

Der imposanteste expressionistische Bau in Berlin ist das 1919 eröffnete Große Schauspielhaus von Hans Poelzig, die „Tropfsteinhöhle“ mit ihren herabhängenden bunten Lichtzapfen über 3500 Theaterplätzen. Der spätere Friedrichstadtpalast wird 1984 komplett abgerissen. Für die Golem-Verfilmung mit Paul Wegener baut Poelzig 1920 eine schiefwinklige Kulissenstadt. Im selben Jahr wird der in Weissensee gedrehte Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ fertig, das Meisterwerk des expressionistischen Kinos. Die bizarren Dekorationen versetzen die Zuschauer in eine Halbwelt zwischen Tag, Traum und Wahnsinn. Das passt zum Lebensgefühl der Nachkriegszeit, ihrer politischen und wirtschaftlichen Instabilität: Expressionismus für die Massen!

Die Stadtführer der Autoren „Kaiserzeit und Moderne“ und „Die Zwanziger Jahre in Berlin“ sind im Berlin Story Verlag erschienen

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