Zeitung Heute : Nachrichten

Liebe Begeisterungstöter,

dieser Brief ist für Euch. Ich weiß, Ihr werdet davon nicht begeistert sein, aber das seid Ihr ohnehin nie. Als Kind ward Ihr es vielleicht mal, doch das ist lange her. Irgendwie hat es ja auch etwas Deutsches, nicht allzu begeistert zu sein. Nie naiv optimistisch sein, wie ein Kind. Nie jubeln, nie sich von der Begeisterung wegtragen lassen, immer skeptisch sein, immer abgeklärt, immer nörgeln. Fußball ist eine der wenigen Ausnahmen, beim Fußball dürfen wir uns noch feiern. Das stimmt mich optimistisch. Aber sonst? Mir scheint, alles, was Begeisterung verströmt, könnt Ihr nicht ausstehen. Begeisterung, Ehrgeiz, Enthusiasmus – all das muss man vor Euch verstecken, während Ihr Euch selbst durchs Leben nörgelt, gelähmt und voller Selbsthass. Nur mal als Beispiel: Ihr fordert gute Filme, aber wenn jemand dann auch nach dem guten Film noch von seiner Sache begeistert ist, wie Florian Henckel von Donnersmarck, dann seid Ihr beleidigt. Etwas mehr Bescheidenheit und Demut, bitte, ruft Ihr dann, auch wenn Ihr genau wisst, dass der Film aus Demut heraus nie entstanden wäre, sondern nur mit großer Begeisterung, mit großem Ehrgeiz. Apropos: Kann es sein, dass Ihr deshalb Tom Cruise nicht mögt? Dass er Scientologe ist, gut, das gefällt euch nicht, das verstehe ich. Aber ist das wirklich alles? Kann es sein, dass es die Begeisterung ist, mit der er Scientologe ist und mit der er überhaupt ist wie er ist, die Euch nicht schmeckt? Dieser naive, amerikanische Optimismus mit dem Dauergrinsen im Gesicht – all das ist Euch so fremd, es ist das genaue Gegenteil von Eurer alles durchschauenden Abgeklärtheit. Zugleich ist es wohl mit ein Grund dafür, weshalb Tom Cruise so viele erfolgreiche Filme gemacht hat. Aber davon seid Ihr bestimmt auch nicht sonderlich begeistert. Wurmt es Euch insgeheim, dass manche Menschen noch so sind, wie Ihr es als Kind einmal ward, voller Energie, voller Optimismus? Ich weiß ja nicht, aber manchmal kommt es mir vor, als hättet Ihr das Kind in Euch mit dem Bad ausgeschüttet! Vielleicht ist es auch ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Amerika und Deutschland, vielleicht hat sich Donnersmarck auch deshalb aus dem Staub gemacht und ist nach Hollywood geflüchtet. Es ist doch so: Wenn in Amerika etwas Neues, womöglich Riskantes auftaucht - sei es etwas Gentechnisches, etwas aus der Stammzellforschung, etwas, das in Richtung künstlicher Intelligenz geht oder riskante technische Erfindungen - fragt man zuerst: Was sind die Möglichkeiten? In Deutschland fragt man zuerst: Wo liegen die Gefahren? Begeistert sein ist keine deutsche Tugend, skeptisch sein schon. Und ängstlich. Klar, es waren nicht die Ängstlichen, die Amerika erobert haben. Sie sind hier geblieben. Andererseits, war es nicht ein deutscher Philosoph, ein sehr ernster noch dazu, der einst sagte: Nichts Großes ist je entstanden ohne Leidenschaft? Aber gut, ich glaube, Ihr wollt es ja auch nicht allzu groß, Ihr wollt es lieber mittelmäßig bis klein, und bis zu einem gewissen Grad verstehe ich Eure Skepsis. Schließlich kann man genauso gut ein begeisterter Scientologe sein und genauso begeistert in den Krieg ziehen wie man ein begeisterter Fußballfan sein und begeistert Ballack zujubeln kann. In der Begeisterung liegt ja tatsächlich nicht nur eine Möglichkeit, sondern auch eine Gefahr, ich sehe sie sehr wohl, wir nennen sie Fanatismus. Insofern hat Eure Ablehnung durchaus etwas Vernünftiges, ich will gar nicht bestreiten, dass darin auch ein Kern von Weisheit liegt. Auch wenn sie mich nicht begeistert.

In diesem versöhnlichen Sinne, Euer Bas Kast

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